Zwei junge Filmemacher. Beide haben die Filmschule absolviert. Olga Dinnikova in Zürich. Michael Koch in Köln. Beide sind auch Schauspieler. Er hat am Jungen Theater Basel das Handwerk gelernt. Sie an der EFAS in Zürich. Als der junge Regisseur aus dem reichen Land Schauspieler für seinen ersten Spielfilm suchte, fand er die junge Filmemacherin aus Lettland in Zürich. Olga Dinnikova spielt in Michaels Film «Marija», neben Margarita Breitkreiz, eine Hauptrolle. Hansjörg Betschart hat beide – unabhängig voneinander – zu ihrer Geschichte befragt.

Michael Koch, Sie haben beim Jungen Theater Basel eine prägende Zeit erlebt ...

Michael Koch: Ich war siebzehn, als ich mit der «Schaukel», in der Regie von Sebastian Nübling zum ersten Mal in einer professionell geführten Produktion auf der Bühne stand. Das war für mich in jeder Beziehung wichtig. Und es hat meinen Blick auf das Schauspiel geprägt.

Damit begann ihr Weg ähnlich wie jener von Dany Levy, der auch immer wieder mal im Theater wildert und nun auch in Berlin lebt.

Koch: Tatsächlich hat mein Weg über die Bühne zum Film geführt. Das Junge Theater war eine Art Familie und die war für mich sehr wichtig. Hohe Energie. Sehr physische Herangehensweisen. Harte Arbeit, aber auch viel Raum, um sich auszuprobieren. Meine ersten Videoarbeiten habe ich fürs Junge Theater gemacht, als Teil eines Bühnenbildes ...

Wie nimmt man theatrale Bildgewalt, Passion, Wahrhaftigkeit mit in die Filmarbeit?

Koch: Film ist ebenso auf den Ausdruck der Körper und Gesichter angewiesen. Die Kamera kann bloss näher heranrücken. Sie kann noch eindringlicher tun, was ich in Basel gelernt habe: Menschen lesen zu wollen. So lange auf Leute zu schauen, bis etwas zurückkommt. Am jungen Theater werden die Stücke oft mit den Jugendlichen zusammen entwickelt. Jeder bringt sein Potenzial in die Arbeit mit ein. Ich suche in der Filmarbeit etwas Ähnliches.

Olga Dinnikova, Sie sind in ihrem Leben schon mehrmals ausgewandert. Was heisst für Sie Armut?

Olga Dinnikova: Ich hatte eine tolle Kindheit. Damals habe ich es nicht als Armut wahrgenommen, für mich war es völlig normal, aber wir hatten zum Beispiel keinen Kühlschrank und brachten das Essen zum Kühlen zu anderen Leuten. Meine Mutter und ich haben in einem kleinen Zimmer gewohnt und auf einer Einpersonen-Ausziehcouch geschlafen. Armut ist, wenn man Zahnschmerzen hat, zum Arzt muss und nicht kann. Wenn man sich über solche Dinge keine Gedanken machen muss, ist man schon … reich.

Was bedeutete für Sie damals die «Schweiz»?

Dinnikova: Ich musste in jedem Land Freunde und Familie verlassen. Die Schweiz war für mich erst einmal eine neue Kulisse von Einsamkeit. Ich fühlte mich einfach nur abgeschnitten. Niemand sprach meine Muttersprache. Es gab keine Bücher, nicht einmal Zeitschriften. In dieser Zeit habe ich angefangen, Gedichte zu schreiben – darüber, wie einsam und traurig ich war. Aber ich konnte sie niemandem vorlesen. Heute bin ich froh, hier leben zu dürfen. Die Schweiz hat mich verwöhnt. Ich durfte hier eine Ausbildung zur Filmemacherin machen und mich verwirklichen.

Sie kommen aus Lettland. Sie haben in der Schweiz Schauspielerin gelernt. Dann schickt Ihnen ein junger Regisseur von der Sonnenseite der Schweiz ein Drehbuch, in dem Sie mitspielen?

Dinnikova: Ich fand das Drehbuch auf Anhieb toll, sensibel geschrieben und sehr authentisch. Man merkt, dass Michael sich in diesem Milieu sehr gut auskennt und gut recherchiert hat. Ich habe vieles aus meiner eigenen Geschichte darin wiedergefunden.

Michael, Sie kommen aus gut behütetem Haus. Wie sind Sie Armut begegnet?

Koch: Ich bin in der Ukraine vielen Menschen begegnet, die extrem entschlossen waren, ihr Land, Familie, Freunde zu verlassen. Da sind für mich starke Gegensätze aufeinandergeprallt. Und ich war dazwischen.

Sie haben Menschen getroffen, denen bereits mit fünfundzwanzig alle Türen verschlossen sind. Was würden Sie tun, wenn ihnen alle Türen verschlossen blieben?

Koch: Eine eintreten.

Nicht Amok laufen?

Koch: Das wohl nicht.

Haben Sie sich nie die Frage gestellt, was haben diese Menschen falsch gemacht?

Koch: Nichts. Sie sind an einem anderen Ort geboren, ein Ort mit wenig Perspektiven. Deshalb wollen sie weg. Neuanfangen. Und niemand hat das Recht, sie dafür zu verurteilen. Das war mein Ansatz: Die Geschichten eines Menschen zu erzählen, der vom Rand der Gesellschaft, in die Mitte drängt.

Olga, wann ist der Wunsch entstanden, Schauspielerin zu werden?

Dinnikova: Ich wusste schon immer, dass ich Schauspielerin werden will. Alles, was ich seit meiner Ankunft in der Schweiz gemacht habe – Deutsch lernen, Lehre machen, arbeiten – diente dem einen Ziel: die Schauspielschule machen zu können. Aber dann war ich eine Schauspielerin, die von einem Casting zum anderen rannte und immer wieder mit Absagen umgehen musste. Es gab einfach zu wenig Rollen für mich. Ich wachte einmal pro Monat weinend aus einem Albtraum auf – in der Wirklichkeit. Irgendwann, an einem Nachmittag, habe ich mich total erschöpft hingelegt, und – im Halbschlaf – träumte ich einen ganzen Film, ein Drehbuch.

Dann trafen Sie die Entscheidung, Filme machen zu wollen. Sie begannen ein weiteres Studium. Jetzt spielen Sie wieder. Mit einem Regisseur, der seinen ersten Spielfilm macht.
Dinnikova: Michael wirkte nicht wie jemand, der seinen ersten Film macht, er wusste sehr genau was er will und konnte es auch mitteilen. Er hat eine viel grössere Erfahrung als viele junge Regisseure, die ich kenne. Vielleicht, weil er selber spielt. Ich habe grosses Vertrauen von ihm gespürt. Meine Figur hat nur russisch gesprochen. Das versteht Michael nicht.

Er hat sie machen lassen?

Dinnikova: Er hat uns vertraut. Aber wir haben auch sehr viel geprobt. Der dokumentarische Stil, in dem wir gearbeitet haben, kam mir als Schauspielerin sehr entgegen. Wir haben oft nur eine Einstellung gedreht, dafür immer wieder. Ich hatte also auch immer wieder die Möglichkeit, Neues anzubieten. Meistens konnten wir die Szene vom Anfang bis zum Schluss durchspielen. Das ist wie ein Geschenk. So habe ich es zum ersten Mal erlebt. Das verbindet. Ich spüre sofort, ob ein Regisseur Schauspieler liebt. Bei Michael kam es mir nie vor, als würde ich spielen. Ausserdem konnte ich zum ersten Mal in meiner Muttersprache spielen, das war eine ganz besondere Erfahrung. Als wäre ich selbst die Figur ...

Michael, Sie haben Jahre mit dem Drehbuch verbracht. Sie sind auch der Frage begegnet, was sie selber in der Situation eines Immigranten tun würden?

Koch: Was mich selber antreibt, ist, meine Urteilskraft nicht zu verlieren. Es geht mir besser. Das gibt mir die Pflicht, möglichst genau hinzugucken. Nicht mit Vorurteilen zu operieren. Durch genaue Beobachtung vermeidet man Klischees.

Olga, wie geht es für Sie weiter? Als Schauspielerin oder als Filmemacherin?

Dinnikova: Beides ist für mich wichtig. Als Filmemacherin kann ich meine Geschichten in Figuren übersetzen und als Schauspielerin meine Geschichte in Figuren einbringen. Ich will auf jeden Fall beides machen.