Ein Gespräch zwischen Aarau und Berlin. Zwischen der Stadt, in der die Matura machte, und jener, in der Alain Gsponer heute lebt und arbeitet. Die Frage nach der Sprache klärt sich für ihn schnell: Schweizerdeutsch natürlich. Dass er seit vielen Jahren in Deutschland zu Hause ist, hört man ihm jedoch an.

Alain Gsponer, nach Ihrem grossen Erfolg mit «Heidi» (2015) standen Ihnen die Türen offen, warum haben Sie sich für «Jugend ohne Gott» entschieden?

Alain Gsponer: Die Türen standen keineswegs offen. Durch «Heidi» habe ich bis jetzt kein einziges Angebot erhalten. Bei «Jugend ohne Gott» war die Ausgangslage anders. Wir haben den Roman von Ödön von Horvath während meiner Zeit an der Kantonsschule Aarau im Deutschunterricht gelesen, und es war eines der wenigen Bücher, die ich wirklich gern las. Das Buch hat mich damals wahnsinnig beeindruckt. Ich habe jedoch gemerkt, dass sich heute viele davon nicht mehr angesprochen fühlen, darum haben wir diese wichtigen Themen modern adaptiert. Es war am Ende die Liebe zum Roman, die mich zu diesem Projekt geführt hat.

Jugend ohne Gott – Trailer

Jugend ohne Gott – Trailer

  

Weshalb spielt Ihre Adaption in der Zukunft?

Wir haben lange recherchiert, bevor wir zu diesem Entschluss gekommen sind. Wichtig in diesem Prozess war, von Jugendlichen direktes Feedback zur Geschichte zu erhalten. Ich habe dazu eine Schulklasse befragt, die den Roman im Unterricht lesen musste. Es wurde schnell deutlich, dass die Schüler meine Begeisterung für dieses Buch nicht teilen und sie sich mit der Geschichte nicht identifizieren können. Es galt herauszufinden, von welchen Aspekten der Geschichte sie sich angesprochen fühlen. Zum Beispiel war für sie das Thema Mobbing noch aktuell. Im Buch war es die Rasse, heute dafür das Gewicht eines Menschen. Im Gegensatz zum faschistischen System bei Horvath sind es heute die sozialen Medien und der durch sie entstandene Konkurrenzkampf, der die Jugendlichen beeinflusst.

Trotzdem kreieren Sie im Film mit dem Einsatz von Datenchips gewissermassen einen Überwachungsstaat.

Nicht der Staat, sondern wir als Leistungsgesellschaft überwachen uns gegenseitig. Zum Beispiel das Schulsystem, das seine Schüler überwacht. Wir zeigen im Film keinen faschistischen Staat, sondern einen, wo Arm und Reich in Sektoren aufgeteilt sind. Der soziale Wohnungsbau im Film orientiert sich stark an den Banlieues von Paris. Diese Aufteilung ist ein grundsätzliches Problem, das man in ganz Europa kennt. Wir haben es im Film einfach zugespitzt dargestellt.

Sie injizieren im Film den Jugendlichen Datenchips. Das ist weniger futuristisch, als man zuerst denkt.

Die Chips haben wir bei einer Schweizer Firma bezogen. Diese Dinge werden heute schon produziert und verwendet. Dabei geht es jedoch mehr um Bio-Daten und weniger um Ortungssysteme, wie es im Film der Fall ist. Die Schweiz ist für diese Nutzungsbereiche zurzeit noch offener als zum Beispiel Deutschland. Ich glaube und hoffe, dass wir kritischer mit diesen Dingen umgehen und uns gegen solche Anwendungen wehren. Wir machen das ja aber mit der Smart Watch für Prämienreduktionen bei Krankenkassen schon heute. Wir lassen uns freiwillig überwachen.

Der Film zeigt eine digitalisierte, emotionslose Gesellschaft. Sieht so für Sie die Zukunft der Jugend aus?

Der Film zeigt mögliche Konsequenzen der Nutzung von sozialen Medien auf. Zum Beispiel, dass sie uns in einen dauerhaften Wettbewerbszustand versetzen. Das fiel mir beim Casting der Schauspieler auf: Sie schauten akribisch auf ihre Kleidung. Erscheint auf Instagram ein Bild von ihnen, werden sie danach beurteilt, und es beeinflusst ihren Ruf. Der Film zeigt auf, dass ein solcher Konkurrenzkampf und Leistungsdruck zu einer Entmenschlichung führen kann. Menschen vermarkten sich auf den sozialen Medien wie ein Produkt und dürfen immer weniger sein, wie sie wirklich sind.

Konnten sich die jungen Schauspieler mit dieser Problematik identifizieren?

Der Film stellt die Situation überspitzt dar, aber sie konnten sich trotzdem damit identifizieren. Dazu gehört, öffentlich keine Gefühle zu zeigen, oder dass man immer cooler sein muss als die anderen. Dieses Dilemma, möglichst individuell sein zu wollen, ohne zu stark aus der Reihe zu tanzen, beschäftigt die Jugend von heute.

Passend dazu ist im Buch vom «Zeitalter der Fische» die Rede. Alle schwimmen mit dem Strom und lassen sich von aussen beeinflussen, ohne selber zu denken und auszutreten. Das war 1937. Ist das immer noch das gleiche Problem?

Dieses Problem hat sich intensiviert. Ich glaube, den Jugendlichen ist nicht bewusst, wie stark sie mit dem Strom schwimmen. Alle glauben, sie wären individuell, aber sie orientieren sich in den gleichen Blogs und an den gleichen Leuten. Das geschieht heute sehr subtil, und dieser Zustand kreiert Kälte. Leute, die nicht ins Schema passen, werden ausgegrenzt. Ich habe auch mit Lehrern von der Alten Kanti Aarau darüber gesprochen. Ihnen fällt auf, dass bei den Jugendlichen keine Vielfalt mehr existiert. Das war vor 20 Jahren anders. Es gab eine Vielfalt an Gruppierungen, die sich anhand ihres Kleidungsstils und Musikgeschmacks unterschieden.

Im Buch ist die Auseinandersetzung des Lehrers mit Gott sehr präsent, was im Film fehlt. Schliesslich geht es in «Jugend ohne Gott» auch um die Abwesenheit Gottes.

Der Lehrer im Buch ist ein Humanist und glaubt am Anfang nicht an Gott. Irgendwann hat er diese katholische Gottbegegnung, was heute für viele eine eher schwer nachvollziehbare Erfahrung ist. Gott steht bei Horvath für Wahrheit, Werte und Liebe. Man könnte es also auch «Jugend ohne Werte» nennen. Die heutige Jugend kennt keine Werte mehr. Das war einer der Gründe, weshalb wir es anders interpretiert haben. Es geht nicht primär um das Gottlose, sondern um die Kritik an den fehlenden humanistischen Werten.

Im Buch ist der Lehrer Protagonist, die Sicht auf das Geschehene geht immer von ihm aus. Warum nicht auch im Film?

Auch das war ein Resultat der Gespräche mit den Schülern. Ihre Empfindung, dass im Buch die Schüler vom Lehrer von oben herab beurteilt werden, war einer ihrer grössten Kritiken. Da mussten wir für den Film einen anderen Ansatz finden. Wir entschieden uns, die Jugendlichen besser in die Geschichte zu integrieren. Schliesslich sind auch sie unser Zielpublikum.

Mit den beiden Filmen «Lila, Lila» (2009) und «Der Letzte Weynfeldt» (2010) haben Sie zwei Bücher des Schweizer Autors Martin Suter verfilmt. Was reizt Sie an der Verfilmung von Büchern?

Um in Deutschland erfolgreich einen Film zu machen, brauchst du eine Marke, eine Grundlage, um ihn vermarkten zu können. Ausser bei Komödien. Eine Realität, mit der ich mich auseinandersetzen muss. Zusätzlich kann man sich so mit einer Basis auseinandersetzen, zu der es bereits ein Feedback gibt, jenes der Leser. Darauf kann man aufbauen. Die Geschichte hat bereits eine Rechtfertigung.