Debatte
Pro und Kontra: Soll man Kinderbücher wie «Schellen-Ursli» verfilmen?

Am 15. Oktober kommt «Schellen-Ursli» in die Kinos. Xavier Koller hat den bündner Kinderbuchklassiker von 1945 verfilmt. Auch Johanna Spyris «Heidi» wurde neu verfilmt. Soll man das? Pro: Kulturredaktorin Sabine Altorfer. Kontra: az-Autor Max Dohner.

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Debatte über Schellenursli-Film mit Max Dohner und Sabine Altorfer.jpg

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AZ

Am 15. Oktober kommt «Schellen-Ursli» in die Kinos. Xavier Koller hat den Kinderbuchklassiker aus dem Bündnerland von Selina Chönz und Alois Carigiet von 1945 fürs Kino verfilmt. Auch Johanna Spyris «Heidi» wurde neu verfilmt, Kinostart ist am 10. Dezember.

PRO von Kulturredaktorin Sabine Altorfer

«Ursli im Kino liefert die Antwort: Man soll und darf»

Sabine Altorfer, Kulturredaktorin

Sabine Altorfer, Kulturredaktorin

Mathias Marx

Bücher, die Emotionen wecken, sind Supervorlagen für Filme. Xavier Koller beweist, dass die Taktik selbst beim Schellen-Ursli funktioniert.

Rührt mir mein Bilderbuch nicht an! Das ist wohl die erste Reaktion, wenn man hört, dass «Heidi» oder der «Schellen-Ursli» wieder einmal gross und abendfüllend verfilmt werden. Die Angst, dass einem ein Film mit platten kitschigen Bildern, Jöö-Figuren und Klischees die eigenen Vorstellungen, die wunderbaren Kindererinnerungen zerstören könnten, ist ja nicht unbegründet.

Bei «Heidi» bange ich noch. Bei «Schellen-Ursli» gebe ich mit gutem Gewissen Entwarnung. Ich habe den Film von Xavier Koller gesehen, und habe ihn, abgesehen von Kleinigkeiten, genossen. Denn Xavier Koller und sein Team sind selten in die Klischee-Falle getappt. Ihr Film ist anrührend, aber nicht kitschig, er ist spannend, aber alles andere als billige Action. Und – das ist das Wichtigste – die Filmer haben aus der Vorlage, die viel zu kurz ist für einen abendfüllenden Film – eine eigene Geschichte gedrechselt. Ohne das Buch zu verraten. Im Gegenteil:

Selina Chönz’ Kinderbuchklassiker liefert das Gerüst. Und im Film meinen wir immer wieder einzutauchen in die wunderbaren Bilder von Alois Carigiet, der die Geschichte aus seiner Bündner Heimat mit einer Mischung aus Folklore und moderner Zeichen- und Farbsprache 1945 erst zum Klassiker gemacht hat. Urslis zu kurze Hose, die Zipfelmütze... Das Haus mit den Sgraffiti, das Rundtor, der Dorfbrunnen wurden nachgebaut und mit Alltagsleben gefüllt. Mit einem Bergdorfleben im Postschlitten-Zeitalter, als Hunger noch ein Thema in der Schweiz war.

Zeitlos ist der Grundkonflikt zwischen Arm und Reich. Zwischen dem reichen Gemeinde-Präsident, der als Krämer und Kreditgeber wie ein Dorfkönig agiert, krumme Touren dreht. Und der Urslis arme Familie drangsaliert. Zeitlos ist auch der Glaube an die Natur. Ursli, der mit seinen Ziegen draussen lebt, kann mit ihren Kräften umgehen – dass er gar zum Wolf-Flüsterer wird, kann man mögen oder nicht. Seine Liebe zum kleinen Geisslein werden ihm aber alle Kinogänger glauben und seinen Ritt auf der Glocke von der Alp ins Tal wird nicht nur bei Kindern Lust auf Abenteuer und Skiferien wecken.

Die Frage, ob eine Verfilmung angebracht sei oder nicht, hat sich nach dem Kinobesuch von Xavier Kollers «Schellen-Ursli» für mich erledigt.

CONTRA von az-Autor Max Dohner

«In der täglichen Bilderflut treibt unerlöst der Bilderträumer»

Max Dohner, az-Autor

Max Dohner, az-Autor

CH Media

«Schellen-Ursli» als Film – von dergleichen lassen wir uns nicht mehr deprimieren. Den Verzicht stützt gewöhnliche, also bittere Erfahrung.

Gegen den Kopf kann niemand. Nicht die geballte Gegenwart mit ihren täglichen Bilderlawinen, Instagram-Schwemmen, den nie wieder verlangsamten Fotomuren.

Einst hämmerte ein Getriebener oder Begnadeter zehn Jahre lang am Stein. Dann bemalte einer jahrelang die Leinwand. Heute legt jeder tausendmal die Fingerkuppe aufs Kamerasymbol, ehe er im Mundwinkel den Kaugummi wendet. Dagegen hilft kein Kraut mehr – meinetwegen. Aber das Gekäue sieht man den Bildern an!

Technik schuf die Sintflut an Bildern. Heute spricht man von Überreizung. In Wahrheit handelt es sich um Abstumpfung. Astronomen kennen das «Hintergrundrauschen». So etwas gibts auch in der Seele: Millionen nie wirklich geschauter Bilder füllen den Hintergrund unseres Brütens. Beiderlei Rauschen sind dunkel, wenn nicht stockfinster.

Ein Bild bringt wirklich Licht ins Dunkel. Diese Erleuchtungskraft aber existierte lange schon vor der Bildtechnik. Vielleicht sogar vor dem Bild. Es muss jedenfalls einen Grund geben, weshalb das mit dem Inneren gesehene Bild an Zauber, an Aura, an Wahrhaftigkeit alle technisch erzeugten Bilder spielend übersteigt. Auch dort, wo dieses innere Bild kaum abzubilden ist. Wo es eher wie eine Schimäre wirkt, wie Träumerei. «Träumer» wurden verhöhnt, erstickt, zerschmettert. Gleichwohl musste man sie zur Kenntnis nehmen, weil man ihren Bildern kaum andere entgegenzusetzen hatte. Im Unterschied zu heute: Heute treiben Bilderträumer, die Wunderliches zu sehen glauben und sich selber am meisten drüber wundern, unerlöst in der Flut als Wasserleichen. Während gleichzeitig die Erscheinung Wirklichkeit verwüstet.

Das kann jeder und jede an sich selbst beobachten, sofern man feinfühlig und tapfer geblieben ist: Hatten wir einst als Schüler die «Schatzinsel» und «Robinson Crusoe» gelesen – wie deprimierend dünn, wie geheimnislos waren danach alle Filme und Illustrationen! Desgleichen «Winnetou»: Stewart Granger als Old Surehand im Film war damals nicht bloss eine kriminelle Fehlbesetzung, sondern für bildberauschte Knaben dank Lektüre ein Sturz aus dem Himmel. «Schellen-Ursli» werden wir drum meiden wie Luzifers Verdammnis. Alle Vorurteile diesbezüglich stützt heilige, also bittere Erfahrung.

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