PRO: Das Lagerfeuer der Moderne – erst recht am Samstagabend

Es gibt Prickelnderes als den «Musikantenstadl». Auch «Wetten, dass ...?» war schon mal aufregender. So aufregend sogar, dass Mitte der Achtzigerjahre allein in Deutschland mehr als 23 Millionen vor dem Fernseher sassen (mit denen damals 25 Millionen Haushalte ausgestattet waren). Solche Traumquoten sind passé. Was nichts anderes als logisch ist. Weil heute schlicht mehr Sender im Quotenkampf mitmischen. Ausserdem gibt es heute Online-Videotheken wie Netflix. Doch Branchenkenner bezweifeln, dass Streaming-Anbieter den TV-Sendern am Samstagabend nachhaltigen Schaden zufügen können.

Der Fernseher ist das Lagerfeuer der Moderne. Das haben die TV-Macher vergessen, in dem sie den Samstagabend auf die Senioren ausgerichtet haben. Damit schliessen sie nicht nur Kinder, sondern auch die Eltern der Kinder aus. Das gilt auch für die Macher beim Schweizer Fernsehen, die auf SRF 1 ein Durcheinander veranstaltet haben.

Mit Promis smalltalken reicht heute nicht mehr für den durchdringenden Erfolg. Denn was die Promis da erzählen, hat das interessierte Publikum längst im Internet erfahren. Nichts gegen Promis. Aber wenn Promis, dann sollten sie in die Sendung eingebunden werden und nicht bloss auf dem Sofa fläzend ihren neuen Film oder ihre Konzerttour promoten.

Samstagabendkisten funktionieren, wenn sie Erlebnisse schaffen. Diese sollten bis Montag nachhallen, damit jeder, der die Sendung nicht gesehen hat, sich in der Kaffeepause im Büro ausgeschlossen fühlt. Gewiss eine anspruchsvolle, aber nicht unlösbare Aufgabe. «The Voice of Switzerland» war so ein Fall. Auch wenn Castingshows wegen ihrer fehlenden Einzigartigkeit ihre Hochblüte längst hinter sich haben.

Es braucht Innovation und Mut. ARD beweist das mit «Klein gegen Gross». Die Sendung funktioniert, weil sie generationenübergreifend, leicht und einzigartig ist. Ausserdem beinhaltet sie ein kompetitives Spiel mit Überraschungseffekten. Der Trend geht grundsätzlich Richtung Spielshows. Das hat man auch in Leutschenbach registriert und wird deshalb mit der ARD im kommenden Jahr eine Neuauflage der grandiosen Spielshow «Spiel ohne Grenzen» lancieren. Wetten, dass der «Kampf der Nationen» zum Strassenfeger wird?

KONTRA: In der neuen TV-Welt gibt es keinen Platz für seichte Shows

Frank Elstner hatte Anfang der 1980er-Jahre ein einfaches Spiel: Die Zuschauer waren ihm ausgeliefert. Umschalten war zwecklos. Wer damals neben dem Schweizer Staatsfernsehen überhaupt einen zweiten oder dritten Kanal empfangen konnte, landete bei ORF 1 (damals noch FS 1) oder ZDF – und überall lief «Wetten, dass ...?». Die erzielten Traumquoten gründeten nicht in der Qualität der Show, sondern in den diktatorischen Zuständen des Fernsehens von damals.

Das änderte sich, als die ersten deutschsprachigen Privatsender ab Mitte der 80er-Jahre ihren Betrieb aufnahmen. Seither haben die Zuschauer am Samstagabend die Wahl. Entweder sie schauen «Wetten, dass ...?», eine andere ebenso niveaulose Unterhaltungsshow oder einen Hollywood-08/15-Blockbuster. Da die TV-Bosse zur Primetime möglichst viele Zuschauer erreichen wollen, servieren sie alle quotensicheren Einheitsbrei.

Nun bekommen die TV-Sender Konkurrenz aus dem Internet. Bei Streaming-Diensten wie Netflix bestimmt nicht ein Programmdirektor, was wann läuft, sondern der Zuschauer. Er kann aus einer breiten Palette an Filmen und Serien auswählen. Diese Umkehrung des Herrschaftsverhältnisses darf man durchaus als eine TV-Revolution bezeichnen. Sieger ist der Intellekt. Da eine einzige Serie nicht mehr möglichst viele Menschen begeistern muss, sind auch niveauvolle Produktionen möglich wie die kluge und komplexe Politserie «House of Cards» – eine Eigenproduktion von Netflix.

In dieser diversifizierten Programmlandschaft verliert die Samstagabendkiste an Berechtigung. Sie ist so sehr auf Mainstream getrimmt, dass sie allen ein bisschen gefällt und kaum jemanden richtig begeistert. Im neuen TV-Zeitalter wird sie damit überflüssig.

Kulturpessimisten, die mit dem TV sozialisiert worden sind, mögen nun ein Klagelied singen. Davon, wie schlimm es ist, wenn in der Individualgesellschaft Menschen zusammen auf dem Sofa sitzen und jeder für sich auf dem Tablet seine eigene Lieblingsserie schaut. Das Lagerfeuer der Moderne erlischt, jammern sie. Ihnen ist leicht zu entgegnen. Denn was ist das für ein Feuer, an dem bloss Einheitsbrei lau aufgewärmt wird?