Kino

Pionier des Schweizer Open-Air-Kinos: «Der Film ist nur das Dessert»

Exklusive Lage: Das von Peter Hürlimann ins Leben gerufene Openair-Kino in der Bucht von Sydney auf einer Fotografie am Cinerent-Sitz in Zürich.André Albrecht

Exklusive Lage: Das von Peter Hürlimann ins Leben gerufene Openair-Kino in der Bucht von Sydney auf einer Fotografie am Cinerent-Sitz in Zürich.André Albrecht

30 Jahre nach seiner Erfindung der grössten Outdoor-Leinwand erklärt der Open-Air-Veranstalter Peter Hürlimann, warum die Leute auch bei Regen zu ihm strömen.

Herr Hürlimann, rauchen Sie?

Peter Hürlimann: Nein, seit 15 Jahren nicht mehr. Warum?

Openair-Kinos sind der letzte Rückzugsort für Filmfans aus einer Zeit, in der Rauchschwaden die Sicht auf die Leinwand benebelten.

Das stimmt nur bedingt. Wir bitten unsere Zuschauer, während des Films aufs Rauchen zu verzichten.

Aus dem «Kino am See» in Zürich, das sogar vom Tabakmulti Philip Morris gesponsert wurde, ist ein Kommerzanlass unter der Schirmherrschaft von Orange geworden. Es hat seine Seele verkauft.

Dies trifft nicht zu. Wir belästigen unsere Gäste weder mit übermässig vielen Logos unserer Sponsoren noch mit Werbegeschenken. Als kommerziell verstehe ich viel mehr jene Openair-Kino-Anbieter, die ihren Gästen unbequeme Sitze, ein wackliges Bild und schlechten Sound zumuten, dies für 19 Franken. Wir dagegen bieten gute Qualität zu einem seit Jahren stabilen Preis. Das Openair-Kino ist so beliebt wie vor zwanzig Jahren.

In Zürich kostet der Eintritt 24 Franken – das ist teuer für einen Film.

Für einen Film schon. Dazu kann man aber ins günstigere Kino gehen. Wir bieten eben ganz etwas anderes: ein Happening, bei dem man einen guten Abend verbringt. Der Film krönt diesen Abend und ist eigentlich nur das Dessert.

Dann ist der Film gar nicht wichtig?

Doch sicher. Uns fällt aber auf, dass Leute zur Abendkasse kommen und erst beim Billettkauf realisieren, welcher Film überhaupt läuft. Ich jedoch zwinge ja niemanden, zu uns zu kommen.

Was zieht Sie persönlich ins Openair-Kino? Genuss oder Arbeit?

Leider das zweite. Doch diesen Sommer war ich nicht so viel da. Ich wollte bewusst mehr Zeit mit meinen Kindern verbringen.

Dann sind Sie mehr Kontrollfreak denn Cineast?

Ich bin beides. Ich kam über die Fotografie zum Film und baute einen Filmgeräteverleih auf. Doch ja: Sitze ich auf der Tribüne im Openair-Kino, dann lasse ich mich schnell von Details ablenken, etwa zu viel Lärm aus der Küche. Das muss dann auch jeweils rasch behoben werden.

Vor 30 Jahren haben Sie Ihr erstes Openair-Kino auf die Beine gestellt. Wie kam es dazu?

Das war in der Zeit der Opernhauskrawalle. Wir Filmschaffenden forderten gleiche Mittel, wie sie etwa dem Opernbetrieb zur Verfügung standen. Auf kleinen Leinwänden brachten wir den Zürchern in den Wohnquartieren den Zürcher Film näher. Als Höhepunkt organisierten wir ein Openair-Kino auf dem Bürkliplatz. Das war im September. Es regnete und war kalt – und trotzdem kamen die Leute.

Einer Polit-Veranstaltung stellten die Behörden auch nichts in den Weg. Weshalb vergingen weitere fünf Jahre, bis Sie ein Openair-Kino kommerziell betreiben konnten?

Die Kinobesitzer fürchteten um ihr Geschäft. Ich verzichtete deshalb vorderhand darauf, ein solches Projekt weiterzutreiben.

Zu der Zeit wurden verschiedene Ideen herumgereicht. Roger Schawinski schlug ein Autokino vor, bei dem der Ton mittels Radio übertragen worden wäre.

Ich sagte ihm, das funktioniere nicht, weil die Beleuchtungskörper auf den Parkplätzen ein gutes Bild verunmöglichten. Ich war der Meinung, ein Openair-Kino müsse her.

Wie holten Sie sich das Einverständnis der Kinobesitzer?

Ich liess sie mit zwanzig Prozent an den Einnahmen teilhaben.

Sodass Sie 1989 zum ersten Mal die Leute ins «Kino am See» holten. Beinahe machten Ihnen aber die Behörden einen Strich durch die Rechnung. Die Kinoleinwand durfte das Panorama nicht versperren.

Womit mir die Idee einer absenkbaren Leinwand kam. Schlussendlich kam mir die strenge Auflage der Stadt entgegen, weil eine weniger feste Verankerung ausreichte. Denn wäre die Leinwand die ganze Zeit gestanden, dann hätte sie Windstärken bis 140 Stundenkilometern standhalten müssen. Wir sagten uns aber: Wenn es zu stürmisch wird, dann unterbrechen wir und senken die Leinwand ab, weil dann sowieso niemand mehr draussen sitzen will.

Damit hatte Zürich seinen ersten Open-Air-Anlass. Der Philosoph Georg Kohler nannte das Openair-Kino im Zusammenhang mit der fortschreitenden Mediterranisierung Zürichs. War es vorher so schlimm?

Das Leben hat sich in Zürich bis dahin indoor abgespielt. Das höchste der Gefühle war, wenn das «Grand Café» am Limmatquai ein paar Stühle hinausgestellt hat. Viele Sponsoren rieten mir damals noch von einem Outdoor-Anlass ab. Das funktioniere vielleicht in Ländern wie Spanien oder Italien, aber sicher nicht in der Schweiz, hiess es.

Sie gingen weiter innovative Wege, boten in Basel Kino für fünf Franken an. Filmvergnügen fast zum Nulltarif – kannibalisieren Sie damit nicht den Film?

Nein, Premieren kosten ja auch mehr als ältere Filme, die es günstiger im Verleih gibt. In Basel ging es aber um die Belebung des zuvor restaurierten, aber menschenleeren Münsterplatzes. Mit dem Volkskino gelang dies.

Gelder aus dem Lotteriefonds ermöglichten dies in den vergangenen zwei Jahren. Diese Geldquelle versiegt nun. Apropos Finanzen: War das nicht ein extrem schwieriger Sommer bei all dem Regen?

Nicht einmal. In Zürich besuchen uns durchschnittlich 52 000 Zuschauer, heuer waren es 46 000. Das Minus resultierte vor allem aus der Abendkasse, an der bei Regen weniger Leute ein Ticket kaufen. Openair-Kino ist ein Geschäft mit starken Schwankungen. Über die Jahre hinweg können wir das gut ausgleichen. Übrigens mache ich die Beobachtung, dass die Berner und Basler wetterfühliger sind.

Wo holen Sie Ihr Geld rein?

Im Ausland. Die Veranstaltungen in der Schweiz wären alleine niemals kostendeckend. Jede unserer insgesamt vier Ausstattungen, die aus Leinwand, Projektor und Soundsystem bestehen, kostet etwa eine Million Franken. Nur dank unserer Veranstaltungen auf der südlichen Hemisphäre rechnet sich das Geschäft.

Welchen Film haben Sie sich als letzten draussen angesehen?

Fading Gigolo, als Premiere in Zürich – ein toller Film mit Woody Allen in einem Film, bei dem er nur mitspielt, aber der nicht von ihm ist.

Welche Genres mögen Sie nicht?

Grusel-, Vampir- oder Actionfilme mag ich nicht wirklich.

Sie sagten einmal, Sie sähen sich jeden Film zweimal an, bevor Sie ihn zeigen. Tun Sie sich das wirklich an?

Nicht mehr. Ich habe ja auch Mitarbeiter, denen ich vertraue.

Welche Filme eignen sich nicht dafür, openair zu zeigen?

Ich erinnere mich an den Film Elephant Man, bei dem die Frauen reihenweise davonliefen.

Womit hatte das zu tun?

Openair-Kino verstärkt das Kino-Erlebnis. Das Publikum lacht, weint aber auch mehr. Schreckliche Szenen fahren stärker ein. Elephant Man ist ein sehr guter, aber auch sehr düsterer Film.

Sie hätten Ihre beiden letzten Partnerinnen im Openair-Kino kennen gelernt, sagten Sie einst. Stimmt das oder ist es nur ein geschickter Marketing-Gag?

Nein, es stimmt. Aber das ist doch ganz normal: Wie viele Menschen lernen ihre Partner am Arbeitsplatz kennen? Meiner ist halt das Openair-Kino.

Sehen Sie sich Serien an?

Nein, ich habe keine Zeit dazu.

Und Filme online? Streamen oder downloaden Sie?

Nein, es reicht, wenn das mein Sohn tut. Gegen Bezahlung finde ich es okay, aber ich finde, es geht gar nicht, wenn man eine künstlerische Leistung zum Nulltarif erwartet.

Die ganze Welt streamt heute. Ein grosser US-Dienst wird demnächst in der Schweiz erhältlich sein. Sind Sie nicht etwas stehen geblieben in der Vergangenheit mit Ihren Leinwänden?

Im Gegenteil. Gute Kinofilme werden sich die Leute immer ansehen. Meine Sorge gilt viel mehr den Kinos. Wir aber bieten ja etwas ganz anderes.

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