Kultur

«Parasite» sorgt an den Oscars für eine kleine Revolution

Produzentin Kwak Sin Ae und Regisseur Bong Joon Ho im Oscar-Glück.

Produzentin Kwak Sin Ae und Regisseur Bong Joon Ho im Oscar-Glück.

Die Academy hat also tatsächlich Geschichte geschrieben: Mit Parasite gewinnt der erste nicht-englischsprachige Film die Königskategorie «Bester Film».

Man hat davon geträumt, für möglich gehalten hätte man es trotzdem nicht. Die Academy wollte also tatsächlich Geschichte schreiben: Mit «Parasite» gewinnt nicht nur zum ersten Mal in der Oscar-Geschichte ein nicht-englischsprachiger Film die höchste Auszeichnung als «Bester Film». Erst sechs überhaupt waren bisher in der Königskategorie nominiert, darunter «La vita è bella», «Amour» oder letztes Jahr «Roma». Stellvertretend widerfahren dem sozialkritischen Genre-Mix nun all der Ruhm und die Ehre, wovon das koreanische Kino bisher ausgenommen war. Hier sei etwa Lee Chang Dong erwähnt, der es mit «Burning» oder auch «Secret Sunshine» nicht einmal zu einer Oscarnominierung brachte. Eine Schande eigentlich. Es scheint, als wolle Hollywood all das nachholen, was die Traumfabrik in den letzten zwanzig, dreissig Jahren verpasst hat.

«Das Persönlichste ist das Kreativste»

Der grosse Sieger der Oscarnacht 2020, «Parasite»-Regisseur Bong Joon Ho, zitierte Martin Scorsese in seiner Dankesrede zum Regie-Oscar. Auch das schon eine relative Überraschung. Man dachte da eher an Sam Mendes oder Quentin Tarantino, obwohl … Im Vorfeld des wichtigsten Filmpreises der Welt wird jeweils viel spekuliert. Wenn «1917» schon als bester Film des Jahres ausgezeichnet wird, eine Prognose, die der Gewinn des Produzentenpreises weiter festigte, sollte der Engländer den Regiepreis vielleicht lieber doch nicht bekommen. Und Tarantino? Den Regie- oder zumindest den Drehbuchpreis hätte man dem Kultregisseur für seine Hommage ans Hollywoodkino seiner Kindheit schon zugestanden. Aber auch hier hatte «Parasite» die Nase vorn: Zusammen mit Jin Won Han gewann Bong Joon Ho den Award für das beste Originaldrehbuch.

Verbeugung vor dem Freund Quentin Tarantino

Doch Tarantino wird damit keine Probleme haben. Und Scorsese auch nicht. Es ist eine der schönsten Szenen dieser bedeutungsvollen Verleihung, die mit einem Schlag alles umkrempelte. Bong erzählt, wie er als Student der renommierten Korean Academy of Film Arts die Filme von Martin Scorsese studiert habe. Scorsese, der grosse Regisseur des New Hollywood, ist sichtlich gerührt; der Saal ist es, wir sind es auch – die Standing Ovations gehen einem durch Mark und Bein. Bong schlägt zu allen mitnominierten Regisseuren einen persönlichen Link, bei Tarantino aber bedankt er sich als Freund: «Du hast meinen Namen immer auf die Liste geschrieben.» Der Autodidakt ist als ausgesprochener Filmkenner bekannt, wie auch Scorsese, und kennt auch das asiatische Kino wie seine Westentasche.

Am Oscar für Joaquin Phoenix gab es nichts zu rütteln

Das Goldmännchen in der Kategorie «Bester internationaler Film» habe «Parasite» auf sicher, darin waren sich alle einig. Dass noch drei weitere hinzukommen würden, war alles andere als klar. Mit je 12 Nominierungen lagen «1917» und «Joker» vorn; sie mussten sich mit drei respektive zwei begnügen. Am ersten Oscar für Joaquin Phoenix gab es nichts zu rütteln. Für seine Darstellung des Jokers warf der Method Actor alles in die Waagschale und lieferte eine der besten Performances in der Geschichte der Academy Awards ab, wenn nicht die beste überhaupt. Und eine der ernsthaftesten und politischsten Reden, ganz ohne Danksagungen. «Parasite» andererseits ist Bongs bisher bester Film.

Hier wird der Autorenfilm gewürdigt

So schön der Wahnsinnserfolg für das südkoreanische Kino auch ist, vermag er nicht darüber hinwegzutäuschen, dass andere Minderheiten unter den diesjährigen Nominierten arg untervertreten waren. Eine der grössten Unterlassungssünden: Greta Gerwig wurde für «Little Women» nicht als Regisseurin nominiert. Freuen darf man sich über den Oscar für die Isländerin Hildur Guðnadóttir für die «Beste Filmmusik», ohne die «Joker» nur halb so gut wäre. Die vier Preise für «Parasite» machen eines besonders deutlich: Hier wird der Autorenfilm gewürdigt. Als Drehbuchautor, Regisseur und Produzent wird mit dem 50-jährigen Bong Joon Ho ein kluger, kreativer und visionärer Kopf geehrt, der über Generationen und kulturelle Grenzen hinweg ein Publikum gefunden hat; mit einer überraschenden und humorvollen Geschichte darüber, wie sich die Schere zwischen Arm und Reich im kapitalistischen System nur noch weiter öffnet.

Schon beim ersten Oscar sagt Joon Ho, er brauche einen Drink

Wer «Parasite» noch nicht gesehen hat, sollte die Gelegenheit nutzen. Er läuft immer noch – oder wieder – im Kino. Und zwar im Arthouse-Kino. Auch eine schöne Anerkennung für die Filmcoopi, die den Film in der Schweiz verleiht. Autorenfilmer durch und durch, wird Bong es nicht müde, die Leistungen von Cast und Crew hervorzuheben. Schon mit dem ersten Oscar in den Händen meint er, er brauche einen Drink. Beim zweiten will er die ganze Nacht durchfeiern. Dem sympathischen, bescheidenen Südkoreaner gingen die Trinkpartner sicher nicht aus in dieser denkwürdigen Oscarnacht. Cheers, man!

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