Oscargewinner
Sex unter Alkoholeinfluss: Dieser Film offenbart eine problematische Verführungskultur und greift sie frontal an

Betrunken und vergewaltigt: Mit dem Film «Promising Young Woman» legt die Britin Emerald Fennell den Finger auf einen wunden Punkt.

Marlène von Arx
Drucken
Teilen
Tut so, als würde sie sich gehen lassen: Cassie (gespielt von Carey Mulligan).

Tut so, als würde sie sich gehen lassen: Cassie (gespielt von Carey Mulligan).

Bild: Universal Pictures

Wenn sie einen Freund, einen tollen Job, ein Haus und eine Yogaklasse ­haben wollte, könnte sie das alles in­nerhalb zehn Minuten haben. Davon ist Cassandra, genannt Cassie und die Protagonistin in «Promising Young Woman», überzeugt. Sie will nichts ­davon.

Stattdessen wohnt sie immer noch bei den Eltern, jobbt in einem Café, und nachts geht sie in Clubs, wo sie die Betrunkene spielt und sich von netten Typen nach Hause bringen lässt. Wenn die Männer dann denken, die Fast-Bewusstlose sei leichte Beute, setzt sie sich kerzengerade auf und erteilt ihnen eine Lektion in Sachen sexueller Missbrauch. Es ist ihre Rache für die Banalisierung sexueller Übergriffe in der Welt im Allgemeinen und für die inzwischen Jahre zurückliegende Vergewaltigung ihrer Studienfreundin Nina im Besonderen.

Die zufällige Begegnung mit einem der Mitstudenten von damals löst bei Cassie ganz plötzlich einen komplexen Rache­feldzug gegen all jene aus, die das tragische Schicksal von Nina besiegelten.

Bonbonbunte Ausstattung mit schockierendem Schluss

Die Rachefantasie «Promising Young Woman» ist das Regiedébut der britischen Schauspielerin und Autorin Emerald Fennell. Ihr Drehbuch wurde mit dem Oscar ausgezeichnet. Zu Recht. Die schwarze Komödie ist bonbonbunt ausgestattet, mit einem Bubblegum-Pop-Soundtrack angereichert und bis zum schockierenden Ende durchdacht.

Emerald Fennell mit ihrem Oscar für das beste Original-Drehbuch.

Emerald Fennell mit ihrem Oscar für das beste Original-Drehbuch.

Bild: Chris Pizzello / AP

Als Psychothriller prangt er an, provoziert und verstört. «Ich wollte einen ehrlichen Film über Trauma und die Verführungskultur, mit der ich aufgewachsen bin, machen und ihn mit Ironie inszenieren», so die 35-jährige Filmemacherin im Gespräch mit dieser Zeitung. Im Film hat Emerald Fennell selbst einen kurzen Auftritt – in einem Videotutorial für das perfekte Blow­job-Make-up.

Sie sagt:

«Junge Frauen an Partys irgendwie gefügig zu machen, wurde an Schulen, Unis und in grossen Hollywood-Filmen und familienfreundlichen TV-Shows als normal angesehen und sogar als witzige Pointe verwendet.»

In diesem Artikel geht es um ein solches Beispiel: «American Pie»:

«Das erlaubt es Leuten, die sich eigentlich für gute Menschen halten, Schlechtes zu tun. Es ermutigt sie sogar.»

Was passiert, wenn sich diese Menschen des Schadens bewusst werden, den sie angerichtet haben? Auch das wollte Emerald Fennell beleuchten. Sie kenne keine Frau, die nicht irgendwann in einer mindestens sehr unangenehmen Situation gewesen sei, und deshalb hofft sie, dass gerade auch Männer sich mit Cassie und Nina befassen, den beiden «vielversprechenden» und letztlich ausgebremsten jungen Frauen. «Ich halte es nicht für nützlich, nur Filme für meine Echokammer zu drehen. Mir haben ein paar Männer gesagt, dass sie gewisse Dinge aus ihrer Vergangenheit nun neu überdenken. Das ist das Beste, worauf ich hoffen kann: Wenigstens eine ehrliche, wenn auch schwierige Auseinandersetzung zu er­mög­lichen.»

Niedriges Budget, gerade einmal 23 Drehtage

Unterstützt wurde Emerald Fennell von zwei gleichgesinnten Hollywood-Stars: Einerseits von Margot Robbie, die als Produzentin fungierte und schon 2018 mit «I, Tonya» den Zeitgeist der weiblichen Wut traf. Ande­rerseits von Carey Mulligan, die als trauernder, depressiver Racheengel Cassie überzeugt: «Es gibt keinen richtigen Bösewicht im Film», so die Britin, die für die Rolle ihre zweite Oscar-Nomi­nierung erhielt. «Für mich war es enorm wichtig, mich auf Cassies Menschlichkeit und ihre eigenen Schuldgefühle zu konzentrieren. Der Film ist stilistisch abgehoben, aber auch in diesem Umfeld muss sie eine reale Person mit einer realen Vergangenheit bleiben.»

Carey Mulligan als Cassie setzt zum Finale in« Promising Young Woman» an.

Carey Mulligan als Cassie setzt zum Finale in« Promising Young Woman» an.

Universal Pictures

Die Autorin und Regisseurin Emerald Fennell drehte den Film 2019 mit einem Indie-Budget in nur 23 Tagen – und «mit zusammengepressten Beinen, da ich bereits im siebten Monat schwanger war», scherzte sie an der Oscar-Verleihung. Sie selber ist die Tochter einer Autorin und eines Schmuckdesigners, deshalb der Vor­name Emerald (Smaragd). Wem ihr Name bisher nichts sagte, kennt ihre Arbeit vielleicht trotzdem: Fennell war Chef-Schreiberin der zweiten Staffel von «Killing Eve». Als Schauspie­lerin kennt man Emerald Fennell aus den Serien «Call The Midwife» und dem Netflix-Kronjuwel «The Crown». Darin verkörpert sie Camilla Parker Bowles.

Fennell sieht ihre Zukunft statt vor der Kamera vermehrt dahinter. Dort tut sich nämlich gerade einiges: Als Nächstes steht für sie die Filmadaption des Comics «Zatanna» an. Plus die Geburt ihres zweiten Kindes.

«Promising Young Woman» (USA/GB 2020, 113 Min.); Regie: Emerald Fennell; ab 13. Mai im Kino.

Hier geht's zum Trailer:

Trailer zu «Promising Young Woman».

Quelle: Youtube