Kino

Nostalgische Landpartie mit Sex, Drugs und Bebop

Einfach drauflosfahren: Sal (Sam Riley), Marylou (Kristen Stewart) und Dean (Garrett Hedlund) auf ihrem Trip durch die USA.filmcoopi

Einfach drauflosfahren: Sal (Sam Riley), Marylou (Kristen Stewart) und Dean (Garrett Hedlund) auf ihrem Trip durch die USA.filmcoopi

Kerouacs 1957 veröffentlichter, semiautobiografischer Bericht über seine Trips durch die USA gilt als Schlüsselroman der Beat-Generation. Regisseur Walter Salles versucht mit seinem Roadmovie dem als unverfilmbar geltenden Literaturklassiker gerecht zu werden.

Kerouacs Alter Ego ist Sal Paradise, ein junger New Yorker Schriftsteller, der 1947 nach dem Tod seines Vaters in einer Sinnkrise steckt. Als er den charismatischen Dean Moriarty und dessen 15-jährige Ehefrau Marylou trifft, findet Sal seine Seelenverwandten.

In den nächsten zwei, drei Jahren zieht Sal, mal mit, mal ohne Kumpel, im Zickzackkurs durch die USA und durch Mexiko, trampend oder in gestohlenen Autos. Wie im Fieber bringt er bizarre Begegnungen und grenzüberschreitende Erfahrungen mit Sex und Drogen aufs Papier, gemäss seinem Credo: «Nur die Verrückten interessieren mich, solche, die brennen».

Der offizielle Trailer zum Film «On the Road», der auf dem gleichnamigen Kult-Buch von Jack Kerouac basiert

Der offizielle Trailer zum Film «On the Road», der auf dem gleichnamigen Kult-Buch von Jack Kerouac basiert

Kristen Stewart gar nicht prüde

Die Besetzung ist exquisit: Sam Riley ist als angehender Schriftsteller angemessen melancholisch und introvertiert. Mit Viggo Mortensen als morphiumsüchtigem Old Bull Lee (alias William S. Burroughs) und Tom Sturridge als in Dean verliebtem Intellektuellem Carlo Marx (Allen Ginsberg) ist das Dreigestirn der tonangebenden Beat-Autoren komplett.

Ihre Muse und ihr Motor ist Dean Moriarty beziehungsweise Kerouacs Dichterfreund Neal Cassady: eine saftige Hallodri-Rolle, die Garrett Hedlund Starruhm bescheren wird. Er spielt einen jener bösen Buben und energiegeladenen Abstauber, die Männlein wie Weiblein unwiderstehlich in ihren Bann ziehen.

Der Menschenfänger, dessen Strassenkötervergangenheit als Knastbruder und Stricher ihn bei den Literaten umso interessanter macht, pendelt zwischen seiner Ex-Gattin und Geliebten Marylou und seiner neuen Angetrauten Camille, mit der er ein Kind hat. Aber auch dem eigenen Geschlecht ist er nicht abgeneigt. Kristen Stewart streift als zügellose und oft nackige Nymphe Marylou die «Twilight»-Prüderie radikal ab. Kirsten Dunst glänzt als leidgeprüfte Klassefrau Camille.

Pittoreske Entzauberung

Die ästhetische Gestaltung mit entspannten Kamerafahrten über die weite Landschaft und das detailfreudig rekonstruierte Zeitkolorit der späten Vierziger sind schön anzusehen. Als Taktgeber dient elektrisierender Bebop-Jazz.

Doch die elegischen Vagabundenszenen erinnern an nostalgische Postkarten aus der Nachkriegszeit. Wenn Sal mit wehendem Haar mit Landarbeitern auf der Lastwagen-Pritsche sitzt oder «ganz unten» mit Latinos schuftet, hat die Verbindung von Bohème und Proletariat einen sozialromantischen Anstrich. Vom leidenschaftlichen Sturm und Drang des Romans ist wenig zu spüren. Salles, mit «Central Station» und «The Motorcycle Diaries» Spezialist für Roadmovies, inszeniert den Avantgarde-Klassiker weitgehend konventionell – und entzaubert ihn unfreiwillig. Jenseits von Kerouacs rauschhafter Sprache treten uncoole Details schärfer hervor.

Sal, der Erholungspausen bei Muttern einlegt, und der getriebene Dean erscheinen oft mehr als Anwärter für die Analytikercouch denn als Hipster.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1