Die Anfragen sind zahlreich und reichen längst über die Landesgrenze hinaus. Carla Juri ist derzeit die gefragteste Schweizer Schauspielerin. Gerade hat sie an der Seite von Ryan Gosling und Harrison Ford den Science-Fiction-Blockbuster «Blade Runner 2049» abgedreht. Ganz Hollywood reisst sich um sie. Kein Wunder: Die 31-jährige Tessinerin scheint anderen immer einen Schritt voraus. Genau wie ihre Figur im neuen biografischen Kinofilm «Paula»: Juri spielt die deutsche Malerin Paula Modersohn-Becker, die Ende des 19. Jahrhunderts mit ihrer expressionistischen Kunst die von Männern dominierte Szene aufmischte.

Carla Juri, Paula Modersohn-Becker lebte vor über hundert Jahren. Wie fühlt man sich in eine historische Figur hinein?

Carla Juri: Für mich war sonnenklar, dass ich malen musste. Ich nahm Unterricht und malte tagelang in Ateliers. Was mich faszinierte, war die Selbstvergessenheit während des Malens. Sie war mein Zugang zur Filmfigur.

Wenn Paula im Film malt, nimmt sie sich Zeit. Sie macht einen Schritt zurück, beobachtet, lässt auf sich einwirken. Nehmen Sie sich als Schauspielerin auch diese Zeit?

Klar, auch ich lasse eine Rolle zunächst auf mich einwirken. Wie lange, ist jedes Mal anders. Aber ich denke, das machen fast alle Schauspieler so. Schauspieler sind geborene Beobachter.

Zu Paulas Zeit glaubte fast niemand, dass aus einer Frau eine «richtige Malerin» werden könne. Paulas Kampf gegen Vorurteile trägt auch moderne Züge.

Ja. Aber es sind nicht nur Frauen von heute, die sich in diese Figur hineinversetzen können, sondern auch Männer. Und Menschen, die sich unverstanden fühlen, die keinen Anschluss finden, gab es nicht nur vor hundert Jahren, sondern immer wieder.

Paula erhält im Film weniger Chancen in ihrem Berufsfeld, weil sie eine Frau ist. Haben Sie im Filmbusiness schon Ähnliches erlebt?

Nein. Aber es ist schon eine Männerdomäne. Es gibt sicher mehr männliche Regisseure als weibliche. Sprich: Ich merke schon, dass ich mehr mit Männern zu tun habe.

Hätten Sie das gerne anders?

Ich habe noch nie mit einer Frau gedreht. Das würde mich schon noch interessieren.

Was wäre dann anders?

Das frage ich mich eben auch. (Lacht.)

Paula Modersohn-Becker bezeichnete ihr Leben in ihrem Tagebuch als ein «kurzes, intensives Fest». «Intensiv» ist auch ein Wort, mit dem Sie als Schauspielerin oft bezeichnet werden ...

«Kurz und intensiv». Das sind Worte, die nichts bedeuten. (Lacht.) Was heisst schon «intensiv»? Im Kopf versteht man es, aber nicht in der Emotion. Man muss es spüren, man muss es fühlen.

Paula ist sehr expressiv, die Rolle ist physisch herausfordernd. Schon im Film «Feuchtgebiete» spielten Sie sehr körperbetont. Suchen Sie bewusst nach dieser Art von Filmrolle? Sie gelten als eine sehr sportliche Person.

Wenn man in meiner Karriere zurückschaut, erkennt man wohl diesen roten Faden. Es ist wohl, wie Frisch einst sagte: Wenn ein Mensch 80 Geschichten schreibt, sind alle anders, aber etwas bleibt immer gleich. Auch bei mir. Aber in dem Moment, in dem ich einen Film am Drehen bin, ist mir das nicht bewusst. Meine Entscheidungen sind immer sehr instinktiv.

Wählen Sie auch Ihre Rollen nach Instinkt aus?

Ja, das Bauchgefühl ist entscheidend.

Sie haben eine Rolle im Hollywoodblockbuster «Blade Runner 2049» ergattert. Es ist zwar nicht Ihr erster amerikanischer Film, aber mit Abstand der grösste. Ist es ein Ziel von Ihnen, vermehrt in solch riesigen Produktionen mitzuarbeiten?

Ja, schon. Wichtiger finde ich aber, mit welchem Regisseur man arbeitet und was für eine Geschichte man erzählt. Das ist das Tolle. Wie gross das dann ist, ist relativ. Wenn man mal drinsteckt, ist man sich den Dimensionen gar nicht mehr bewusst.

Regie bei «Blade Runner 2049» führt der Kanadier Denis Villeneuve («Arrival», «Sicario»). Wie kam der Kontakt mit ihm zustande?

Der Regisseur kannte einige meiner Filme und lud mich zu einem Gespräch ein. Dann gab es ein Casting.

Mehr dürfen Sie nicht verraten?

Leider nicht. Mit dem Vertrag musste ich auch all diese Geheimhaltungsklauseln unterschreiben. (Lacht.)