Kino

«Never say Never» - der Film über das Teenie-Idol Justin Bieber

Justin Bieber: «Never Say Never» - der offizielle Trailer

Justin Bieber: «Never Say Never» - der offizielle Trailer

Wie der Junge aus dem kanadischen Kleinstädtchen Stratford, Ontario, dazu kam, die Welt zu erobern, das ist nun im Kino mitzuerleben: «Justin Bieber: Never Say Never» heisst der Streifen, der in den kommenden Tagen auch bei uns anläuft.

Die Babys, die sich schieflachen. Das dösende Pandamuttertier, das zusammenzuckt, als sein Junges lautstark niest. Der Trauzeuge, der bei der Übergabe der Ringe stolpert und Braut mitsamt Pfarrer in den dahinterliegenden Pool schubst. Sie alle führten die Bestenliste auf dem Video-Portal Youtube an. Die Besten, weil die am meisten Angeklickten. Und sie sind das Referenzgefüge, in das der Erfolg Justin Biebers verankert ist.

Der singende Junge mit dem Schalk von Macaulay Culkin und dem Charme von Heintje musste sich zu Beginn seiner steil verlaufenden Karriere nicht an anderen Musikern messen, sondern an kichernden Kleinkindern, schreckhaften Pandas und tollpatschigen Trauzeugen. Musste nicht und muss nicht: Auch heute, längst ist das Goldkehlchen zum Goldesel der Entertainmentbranche avanciert, funktioniert Bieber nach anderen Gesetzen. Justin Biebers Aufstieg zum Megastar gehorcht den Gesetzmässigkeiten des Web 2.0, die die Mechanismen des Musikbusiness zumindest vorübergehend ausgehebelt haben. Er ist ein demokratisch gewählter Vertreter seiner Generation, die ihn mit den Mitteln des interaktiven Internets an die Spitze der Charts gehievt hat.

Inszenierter Einblick

Wie der Junge aus dem kanadischen Kleinstädtchen Stratford, Ontario, dazu kam, die Welt zu erobern, das ist nun im Kino mitzuerleben: «Justin Bieber: Never Say Never» heisst der Streifen, der in den kommenden Tagen auch bei uns anläuft. In effektvollem 3-D und mit jener nachlässigen Synchronisation, wie sie die Kids aus den Doku-Soaps auf MTV kennen. Zu etwa gleichen Teilen zeigt «Never Say Never» die Vorbereitungen auf und Ausschnitte aus Biebers bislang grösstem Konzert im ausverkauften Madison Square Garden in New York.

Natürlich ist der Film in erster Linie ein zweistündiger Werbespot für das Produkt Justin Bieber, so durchgestylt wie dessen biedere Hip-Hop-Garderobe. Doch gibt «Never Say Never» auch Einblicke in die Maschinerie hinter dem Künstler, der als Erster seit den Beatles mit dem Debütalbum Platz eins der amerikanischen Billboardcharts belegen konnte. Vor allem dann, wenn die «Du schaffst alles, wenn du nur genug an dich glaubst»-Story in entscheidenden Details beschönigt wird.

So etwa am Wendepunkt in Biebers Karriere, als der New Yorker Talentsucher Scooter Braun bei Mutter Pattie Mallette vorstellig wurde. Braun hatte auf Youtube die Aufnahmen des zwölfjährigen Justin gesehen, die sie hochgeladen hatte, um das musikalische Können ihres Sohnes mit Verwandten zu teilen. Als Braun anbot, das Jungtalent zu fördern, sei sie sehr skeptisch gewesen, so Mallette im Film: «Ich wollte nicht, dass Justin seine unbekümmerte Kindheit verliert.»

Fürsorgliche Worte einer jungen Frau, die ihre eigene Jugend aufgeben musste, als sie mit 18 Jahren ungewollt schwanger wurde. Und nicht die ganze Wahrheit. Gemäss einem Interview, das Mallette kurz vor dem internationalen Durchbruch ihres Sprösslings der «New York Times» gab, hatte die praktizierende Christin nämlich ganz andere Bedenken – Brauns jüdische Abstammung: «Ich habe nächtelang für eine christliche Plattenfirma gebetet.» Schliesslich willigte sie aber doch ein und siedelte mit Sohnemann und Manager nach Amerika über.

Kalkulierte Karriere-Strategie

Glaubt man der Darstellung im Film, konnten Braun und Bieber nur mit grosser Hartnäckigkeit den gestandenen R’n’B-Sänger und -Produzenten Usher zu einer Kollaboration bewegen. Dass zu jenem Zeitpunkt bereits ein verbissenes Wettbieten zwischen Usher und Justin Timberlake um das Jungtalent im Gang war, verschweigt der Film. Schliesslich soll Biebers Aufstieg eine «Selfmade-Story» sein.

Dabei ist an der Machart des knapp zweistündigen Films wenig auszusetzen. Regisseur Jon Chu («Step Up 3D») vermengt plastisch gefilmte Livesequenzen mit alten Homevideos, schafft das Unmögliche, dass man auf die Karriere eines (zum Zeitpunkt des Filmes) erst 16-Jährigen zurück(!)blicken kann. Wir sehen Bieber beim Baseball, beim Essen mit Freunden. Wir sehen ihn beim Herumtollen mit dem Bodyguard, der ihm am Bildrand auf Schritt und Tritt folgt. Und wir merken: Der Goldjunge steckt in einem goldenen Käfig.

Umgeben von einer Entourage, die zu seinem Wohle engagiert ist, deren Einkommen jedoch ausnahmslos davon abhängt, dass Bieber weiterhin funktioniert. Auch erschöpft, krank oder mit entzündeten Stimmbändern. Dass Bieber hinter der Bühne viel glücklicher wirkt als im engen Korsett seiner durchchoreografierten Show, scheint keinen zu stören. Doch fällt es schwer, die Liste gescheiterter Jungstars aus dem Kopf zu streichen. Macaulay Culkin, Britney Spears, Drew Barrymore, auch Michael Jackson – die Geschichte zeigt: Wer in jungen Jahren alles erreicht hat, dem stehen meist tragische Jahre bevor.

Wie lange noch?

Braun aber hat keine Bedenken. Die Fans würden Bieber so lieben, weil sie ihn gross gemacht hätten, strahlt er in die Kamera. Und verschweigt dabei, dass seine lenkende Hand schon damals im Spiel war. Auch Braun hat sich von der «New York Times» in die Karten blicken lassen: Er habe Bieber für die Videos instruiert, zu singen, als sei niemand im Zimmer; gefilmt habe man absichtlich mit billigen Kameras. Denn: «Wir wollten ihn den Kids geben, wollten, dass sie die ganze Arbeit erledigen, damit sie das Gefühl bekommen, dass das ihr Ding sei.»

Die Strategie hat sich ausbezahlt. Längst ist die «Biebermania» auch in der Schweiz angekommen: Obschon sein bislang höchster Eintritt in die Schweizer Charts («Baby», Platz 25) ein ganzes Jahr zurückliegt, ist Biebers Gastspiel im Zürcher Hallenstadion seit längerem ausverkauft.

Vor allem aber bleibt Justin Bieber der erfolgreichste Künstler auf Youtube. Bloss: Bestenlisten sind ebenso schnell ein Ding der Vergangenheit wie Videos von kichernden Kleinkindern, schreckhaften Pandas und tollpatschigen Trauzeugen. Dabei wäre Bieber durchaus zu wünschen, dass er noch ein paar Jahre an seiner Karriere basteln darf, ehe der Damm bricht.

Never Say Never (USA 2011) 105 Min. Regie: Jon Chu.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1