Netflix-Serie
«Sky Rojo», die neue Serie der Macher von «Haus des Geldes», im Mutter-Sohn-Vergleich

Heller, kühner und erwachsener soll sie sein, die neue Serie der spanischen Schöpfer von «Haus des Geldes». Eine Nicht-Aficionada (weiblich, 48) und ein Fan von «Haus des Geldes» (männlich, 21) machen eine Mutter-Sohn-Analyse von «Sky Rojo».

Regina Grüter
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B-Movie-Optik: grosse Kanonen, schnittige Autos, knappe Bekleidung.

B-Movie-Optik: grosse Kanonen, schnittige Autos, knappe Bekleidung.

Bild: Netflix

«Ist nichts für dich», meinte der Sohn. Ich hatte damals nur kurz reingeschaut in die Serie «Haus des Geldes», in deren Zentrum ein perfekter Raub steht. Zu brav und zu platt, fand ich. Nun habe ich mich nochmals rangemacht. «Haus des Geldes» ging durch die Decke, wie es der Sohn formuliert; begeisterte erst die spanische Bevölkerung vor den Fernsehgeräten und dann ein weltweites Netflix-Publikum. Wird «Sky Rojo» langfristig ebenso hohe Wellen schlagen?

Der Plot ist schnell erzählt. Schauplatz ist der «Las Novias»-Club (Bräute-Club) in der Wüste von Teneriffa. Eine Prostituierte, Gina, schlägt im Affekt ihren Zuhälter, Romeo, nieder. Coral und Wendy eilen ihr zu Hilfe. Zu dritt fliehen sie in eine ungewisse Zukunft. Romeos Lakaien, die Brüder Moisés und Christian, sind ihnen dicht auf den Fersen.

Dem Sohn ist der Plot zu banal.

Wie ein «schlechter roter Faden in einem Pfadilager». So der erste Eindruck. Ihm fehlt die Spannung: «Bei ‹Haus des Geldes› hat man am Anfang das Gefühl, es sei ein plumper Banküberfall», erklärt er. «Erst über die Rückblenden erfährt man von der jahrelangen Vorbereitung. Es funktioniert nicht alles perfekt, aber es ist alles perfekt geplant, mit viel Fantasie.» Das mit der Etablierung des Konflikts in der ersten Episode von «Sky Rojo» ging ihm zu schnell– die Folgen dauern eine knappe halbe Stunde, bei «Haus des Geldes» sind sie doppelt so lang.

Ein wilder Ritt auf Bild- ­ und Tonebene

Der Stil macht’s wett. Findet zumindest die Mutter. Coole Location, ästhetisierte Gewalt, geile Mise en Scène, gelungener Schnitt, vibrierender Soundtrack. Das Licht mal hell (Wüste), mal dunkel mit Neonfarben (Club). Grosse Kanonen, schnittige Autos, knappe Bekleidung. Alles ist überdreht und überspitzt, ein wilder Ritt auf Bild- und Tonebene, der gelegentlich durch dramatische, ruhige Momente ohne Musik gebrochen wird – solche gehören auch den anfänglich karikierten Bösewichten. Dass dieser Wechsel funktioniert – und darin sind sich Mutter und Sohn einig –, ist entscheidend. Und erstaunlich, weil eine Gratwanderung sondergleichen. Es ist ein Spiel mit Klischees und mit Elementen der Trashkultur, um sie zu überhöhen und zu perfektionieren. Dazu gehört das kurze Format.

Sind «Haus des Geldes»-Fans automatisch begeistert? Definitiv nein.

Doch gibt es bei all den Unterschieden auch Parallelen. Da wäre der aufgepfropfte ernste Hintergrund: In «Haus des Geldes» ist es der Widerstand gegen das kapitalistische und korrupte System, in «Sky Rojo» sind es Prostitution und Frauenhandel. Daraus resultiert, dass man mit den Delinquentinnen sympathisiert.

Dann die Rückblendenstruktur und die Off-Stimme, die in allen Serien von Álex Pina und Esther Martínez Lobato als Erzähl- und Stilmittel vorkommen: In «Haus des Geldes» ist es die von Tokio, in «Sky Rojo» fängt Coral mal an, es kommen aber noch zwei weitere hinzu (mich nervt sie in «Haus des Geldes», den Sohn nicht). Auch die Ähnlichkeit zur Netflix-Serie «White Lines» ist nicht zu übersehen. Sowohl «Haus des Geldes» als auch «Sky Rojo» sind besser.

Das Plakat ­ sagt schon viel

Nur schon das Plakat (siehe Bild) zeugt vom Rodriguez/Quarantino-«Grindhouse»-Stil. «Sky Rojo» ist ein verkapptes B-Movie, nicht für die breite Masse gemacht und richtet sich tendenziell an ein älteres Publikum (Ü20). Und an Leute, die an der Form genauso interessiert sind wie am Inhalt. Das meist gefallene Wort ist «puta» (Nutte, auch «hijo de puta», Hurensohn). Die interessanteste Info: In Sachen Prostitution rangiert Spanien an der europäischen Spitze, weltweit auf Platz 3.

Trotz ernstem Hintergrund ist die Serie in erster Linie ein abgefahrener Spass – um Sex, Drogen und Gewalt. Ist das sexistisch oder unethisch? Nein, finden wir.

Der Sohn hat sich auf diesen Artikel hin nur zwei der vier für die Presse freigegebenen Folgen angeschaut – am Montag, nach einem Tag Homestudium. Richtig reingezogen hat es ihn nicht, er will aber weitermachen. Als er 18-jährig mit «Haus des Geldes» angefangen hat, hätte ihn «Sky Rojo» noch nicht interessiert, sagt er. Meine bessere Hälfte und ich wählten den Samstagabend, hatten ein feines Essen und paar Gläser guten Wein intus. Das kann sicher nicht schaden.

Wie auch immer «Sky Rojo» beim Publikum ankommt, eine zweite Staffel ist bereits bestätigt. Mein Sohn freut sich derweil auf den Sommer. Dann soll die fünfte und letzte Staffel von «Haus des Geldes» starten.

«Sky Rojo», 8 Episoden. Ab 19. März auf Netflix.