Streaming

Nach dem Lockdown: Netflix knackt in der Schweiz Zwei-Millionen-Marke

Entführt, gedemütigt und unterworfen: «365 Days» erinnert an «50 Shades Of Grey» und ist bei Netflix auch dank Tausenden von Neuabonnenten der Quotenknüller.

Entführt, gedemütigt und unterworfen: «365 Days» erinnert an «50 Shades Of Grey» und ist bei Netflix auch dank Tausenden von Neuabonnenten der Quotenknüller.

Im Lockdown schlossen Zigtausende ein Netflix-Abo ab. Wann kommt endlich die erste Schweizer Netflix-Serie?

Der Streaming-Hype während des Lockdown spiegelt sich nun in den Zuwachsraten des beliebtesten Online-Anbieters von Serien und Filmen in der Schweiz, Netflix. Zwar hält der US-Konzern die Abo-Zahlen aus einzelnen Ländern unter Verschluss, eine noch nicht publizierte Untersuchung zeigt jedoch: In der Schweiz ist die Zwei-Millionenmarke deutlich geknackt worden: 2,2 Millionen Menschen klicken sich demnach gelegentlich in eine Serie oder einen Film auf Netflix. Zu dieser Zahl kommt die IG Elektronische Medien Schweiz, in der Anbieter wie die Swisscom, die SRG oder CH Media (Herausgeberin dieser Zeitung) ihre Interessen bündeln. Grundlage ist eine repräsentative Umfrage von Anfang April bis Mitte Mai.

© CH Media

Anders gesagt: 35 Prozent der erwachsenen Schweizerinnen und Schweizer nutzen Netflix. Das ist ein steiler Anstieg seit letztem Jahr, als sich erst 1,8Millionen User aus der Schweiz auf Netflix tummelten, was 28Prozent entsprach.

Wird Netflix alle bei der Stange halten können?

Eine andere Untersuchung geht von einem noch höheren Zuwachs aus. Der britische Dienst Comparitech prognostiziert bis Ende Juni satte 2,3 Millionen Netflix-Abos in der Schweiz. Bei gegen vier Millionen Haushalten hierzulande hiesse das: Weit mehr als jeder zweite Haushalt hätte einen Netflix-Account und die Zahl der User läge weit höher als die 2,2 Millionen, weil sich oftmals mehrere Personen denselben Account teilen. In der Schweiz gibt es Netflix-Abos ab 8.50 Franken pro Monat.

Die Zahlen der IG Elektronische Medien Schweiz hinken der Aktualität hinterher und liegen zu tief. Die Wahrheit über die Zahl der Netflix-Nutzer liegt also irgendwo dazwischen.

Generell weist Netflix eine tiefe Abwanderungsquote auf: Wer sich einmal für ein Netflix-Abo entschieden hat, kündigt dieses nicht so bald wieder. Der Grund liegt vor allem im Angebot: Netflix weiss, die Kunden an sich zu binden. Der Streamingriese steckt viel Geld in eigene Produktionen und bietet damit viel.

Trotzdem geht Siri Fischer von der IG Elektronische Medien Schweiz davon aus, dass die Zahl der Abos auch wieder sinken könnten. «Ein Netflix-Abo kostet zwar nicht alle Welt, doch man muss es sich auch leisten können», sagt sie. Hat die Coronakrise Netflix traumhafte Zuwachsraten gebracht, könnte ausgerechnet sie sich als Boomerang erweisen. Dann nämlich, wenn Menschen in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten und ihre monatlichen Ausgaben drosseln müssen.

Dringlichkeit nach einer «Lex Netflix» steigt

In der Schweiz soll das neue Filmgesetz dafür sorgen, dass sich Streaminganbieter, die in der Schweiz Geld verdienen, finanziell am Schweizer Filmschaffen beteiligen. Das Gesetz steckt im parlamentarischen Prozess. Nächste Woche berät die Kommission des Nationalrats das Gesetz. Hinter den Kulissen tobt ein Kampf um die Höhe der Abgabe. Mit den überraschend hohen Nutzerzahlen in der Schweiz steigt die Dringlichkeit nach einem Gesetz.

Matthias Aebischer, SP-Nationalrat, Präsident des Filmbranchenverbands Cinésuisse und Mitglied der Kommission freut sich über die hohe Zahl der Netflix-User. Er selbst schwärmt vom Serien- und Filmangebot und sagt: «Nun wird es ernst, es gilt jetzt, Netflix und Co. zur Beteiligung am Schweizer Filmschaffen zu bringen.» Dann, hofft er, stehe einer von Netflix aufwendig mitproduzierten Schweizer Serie nichts mehr im Weg. «Mit der Bergwelt bietet die Schweiz doch ein ideales Setting und tolle Bilder», sagt er.

Was aber sind die Vorlieben des Schweizer Netflix-Publikums? An der Spitze der Netflix-Hitliste steht seit Wochen der polnische Softporno «365 Days», in dem ein sizilianischer Mafioso eine Touristin kidnappt und dazu zwingt, sich innerhalb eines Jahres in ihn zu verlieben. Auch ein solcher Film profitiert vom Streaming-Boom. Oder umgekehrt: Sex sells. Und hilft Netflix, weiterzuwachsen.

Meistgesehen

Artboard 1