Letzten Herbst schlug sie ein wie eine Bombe. Rabea Egg spielt im Fernsehkrimi «Verdacht» von Sabine Boss eine Schülerin, die ihren Kunstlehrer des sexuellen Missbrauchs bezichtigt. Dem Jungtalent glückt gleich mit seiner ersten grossen Rolle der schwierige Spagat zwischen Fragilität und jugendlicher Aufmüpfigkeit. Sofort war klar: Dieses frische Gesicht werden die Zuschauer so schnell nicht vergessen.

Jetzt ist die 17-jährige Bülacherin zurück mit ihrer zweiten Fernsehrolle: «Lina» (Regie: Michael Schaerer) wird am 21. Februar auf SRF ausgestrahlt, feierte aber bereits am Sonntag im Rahmen der Solothurner Filmtage Premiere. An diesem Anlass wurde Rabea Egg für ihren Auftritt in «Lina» auch gleich mit dem Schweizer Fernsehfilmpreis 2016 ausgezeichnet. Den mit 10 000 Franken dotierten Preis hat sie sich redlich verdient, denn wie schon in «Verdacht» muss Eggs Filmfigur in «Lina» ganz böse untendurch.

Der Film spielt grösstenteils in den 60er-Jahren und thematisiert die sogenannte administrative Versorgung, ein unrühmliches Kapitel aus der Schweizer Geschichte. Die 17-jährige Lina ist ein Landei, das mit seiner Sandkastenliebe Julian (gespielt von Flurin Giger) von der grossen Welt träumt. Lina kommt mit der Zürcher Jugendbewegung in Berührung, doch die Behörden haben bereits ein Auge auf das Mädchen geworfen: Lina wird in eine Umerziehungsanstalt zwangseingewiesen und landet später sogar in einem Frauengefängnis.
«Harte» Rollen fordern heraus

Was sie an einer solchen Rolle reizt, sei «die Herausforderung», erzählt Rabea Egg. «Lina macht extrem harte Sachen durch und wird im Filmverlauf gebrochen. So eine Veränderung zu spielen, finde ich extrem spannend.» Das extreme Leid, das Eingesperrtsein: Die Gefühlswelt ihrer Filmfigur kannte Rabea Egg nicht aus eigener Erfahrung. Eine Frau, die fürsorgerische Zwangsmassnahmen am eigenen Leib erfahren hat, habe ihr die beklemmende Realität jener Zeit geschildert, und ausserdem hätten sie die Szenen in einem echten Gefängnis gedreht. «Dort fühlst du dich automatisch eingesperrt», so Egg. Mit einer derart qualvollen Rolle bewegt sich Rabea Egg auch aus ihrer eigenen Komfortzone. Angesprochen auf ihre Kindheit in Bülach betont die Jungdarstellerin, wie absolut wohlbehütet sie aufgewachsen sei. Seit ihrem vierten Lebensjahr steht Egg schon auf der Bühne, von Kinder- über Jugendtheater gings stetig weiter Richtung Film. Ihre Eltern – Eggs Vater ist Architekt, ihre Mutter hat Modedesign studiert – hätten sie dabei immer unterstützt, es gab wegen der Schauspielerei nie Unstimmigkeiten, nie Fragezeichen.

Kritisch wirds höchstens, wenn Egg in ihren Filmen ganz besonders heikle Szenen spielen muss. In «Verdacht» stellt sie beispielsweise mit einer Mitschülerin und einem Smartphone Gustave Courbets berühmtes Aktgemälde «Der Ursprung der Welt» nach. «Wenn du dann mit deinen Eltern vor dem Fernseher sitzt, dann ist das natürlich schon unangenehm.» Als sie die Szene drehten, erinnert sich Egg, seien aber wirklich nur jene auf dem Set gewesen, die wirklich dort sein mussten. «Und dann musst du da einfach durch.»

Als Schauspielerin macht Rabea Egg keine halben Sachen. Ein starkes Bedürfnis danach, in einem Film mitzuspielen, verspürte sie erstmals im Alter von 11 oder 12 Jahren. Als sie dann 2012 in ihrem ersten Kurzfilm («Between») mitmachte, habe sie realisiert, dass sie es mit der Schauspielerei ernst meint. Egg ist zurzeit Mittelschülerin am Liceo Artistico in Zürich, in zwei Jahren ist sie fertig. «Dann will ich ins Ausland an eine Schauspielschule.»
Vor die Kamera zu stehen, sei inzwischen wie eine Sucht. «Auf dem Filmset bist du wie in einer grossen Familie, du arbeitest intensiv zusammen, und wenn das dann plötzlich vorbei ist, fällt man fast in ein Loch.» Und wie füllt man dieses Loch wieder auf? Indem man den nächsten Film dreht. Egg drehte «Lina» letztes Jahr während der Sommerferien, seither wartet sie auf das nächste Rollenangebot. Dieses dürfte nach dem Filmpreis in Solothurn nicht mehr lange auf sich warten lassen.
Schöner Zufall: Die Auszeichnung für die beste männliche Fernsehhauptrolle ging an Immanuel Humm, Eggs Co-Star in «Verdacht». «Als ich hörte, dass wir beide ausgezeichnet werden, habe ich mich sehr gefreut», sagt Egg. In der Urteilsbegründung hebt die Jury Eggs «Natürlichkeit» hervor. Es ist genau jene Qualität, die die Jungschauspielerin auch bei ihren grossen Idolen – Juliette Binoche und Marion Cotillard – so bewundert. «So authentisch wie sie rüberzukommen, das wünsche ich mir.» In diesem Punkt steht die 17-jährige Rabea Egg ihren Vorbildern schon jetzt in nichts nach.

Lina (CH 2015) 90 Min. Regie: Michael Schaerer. Mit Rabea Egg, Elisabeth Niederer, Mona Petri u.a. Solothurner Filmtage: Heute, 20:45, Reithalle. TV-Premiere: So 21. Februar, 20:05, SRF1.