Film
Mit Klettern und Stalken ein Trauma überwinden: So war der Eröffnungsfilm der Solothurner Filmtage

Erstmals war der Start der Solothurner Filmtage für alle zu Hause erlebbar. Der Eröffnungsfilm «Atlas» stimmt hoffnungsvoll.

Daniel Fuchs
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Klettern ging vor dem Attentat flüssiger: Allegra (Matilda De Angelis) versucht, wieder Tritt zu finden.

Klettern ging vor dem Attentat flüssiger: Allegra (Matilda De Angelis) versucht, wieder Tritt zu finden.

Solothurner Filmtage

Zwei Szenen, dazwischen eine Katastrophe. In der Überwindung steckt der Kern dieses Films. Glückliche Menschen essen vereint vor einem Rustico, zwei Familien mit ihren Töchtern, Sonja und Allegra. Beste Freundinnen sind sie, zusammen mit ihren Partnern planen sie Kletterferien im Atlasgebirge in Marokko. Den Sorgen ihrer Eltern, bei Allegras Vater durchaus rassistisch unterlegt, begegnen sie herzlich und mit Humor.

Fast dieselbe Szene um einen gedeckten Tisch, Monate später. Sonja und die beiden jungen Männer fehlen. Allegra hat als einzige einen Terroranschlag in Marokko überlebt. An ihr nagen Schmerz, Trauer, Wut. Und Gewissensbisse, war es doch sie, die das Abenteuer Nordafrika vorgeschlagen hatte.

Am Tisch kommt es zum Eklat. Allegras Vater, voller Hass auf die Islamisten, will Grenzen schliessen. Sonjas Eltern bringen «solche Banalitäten» ihre Tochter auch nicht wieder zurück. Das Essen bleibt unangetastet, sie verlassen das Diner und machen klar, ein Kontaktunterbruch wäre jetzt besser.

Der 38-jährige Niccolò Castelli führte Regie bei «Atlas» und mit seinem Film eröffnete ein Tessiner Beitrag erstmals überhaupt die Solothurner Filmtage.

Der 38-jährige Niccolò Castelli führte Regie bei «Atlas» und mit seinem Film eröffnete ein Tessiner Beitrag erstmals überhaupt die Solothurner Filmtage.

Imagofilm/Sabine Cattaneo

Die Szene erzählt vom Geduldsfaden, der reisst wegen gewisser Charaktereigenschaften von Freunden, über die man in glücklichen Zeiten humorvoll hinwegsehen kann, in der Krise aber nicht.

Es ist eine herausragende Szene in «Atlas». Regie führte der Tessiner Niccolò Castelli. Am Mittwochabend eröffnete er die Online-Version der Solothurner Filmtage. «Atlas» lief im TV und ist via Website der Filmtage bis Freitag verfügbar.

Inspiriert vom Anschlag 2011 in Marrakech

Die Geschichte ist in düsteren Bildern gehalten. Die Hintergründe sind real. 2011 kamen bei einem Terroranschlag auf ein Café in Marrakech drei Mitglieder einer vierköpfigen Tessiner Reisegruppe ums Leben. Die echte Allegra gibt es. In «Atlas» dreht sich alles um sie. Gespielt wird sie von der noch unbekannten Italienerin Matilda De Angelis. Allegra war frei, sportlich und künstlerisch aktiv. Das Attentat nahm ihr die Unbekümmertheit. Mit Hilfe der Kletterei findet sie nun wieder Tritt.

Während einer Busfahrt erleidet Allegra wegen eines nordafrikanisch anmutenden Passagiers eine Panikattacke. Eine weitere Schlüsselszene. Doch statt wie ihr Vater in die Falle zu tappen und eine Mauer der Ablehnung hochzuziehen, stellt sich Allegra ihren Geistern, auch wenn sie den Marokkaner dafür erst einmal stalken muss.

Und so entwickelt sich «Atlas» trotz Bombe, Schmerz und Düsternis zu einer Geschichte voller Licht, der man gerne folgt.