Phoebe Waller-Bridge

Mit der Lizenz zum Provozieren: Diese Frau soll den neuen Bond-Film retten

Phoebe Waller-Bridge wird derzeit als aufregendste neue Stimme in der britischen Film- und Fernsehbranche gefeiert. Ihr Leistungsausweis: zwei TV-Serien, die Tabus brechen.

Er hat nukleare Angriffe vereitelt, unzählige Killer gefasst und eigenhändig das britische Wirtschaftssystem gerettet – doch dieses Mal ist selbst James Bond auf Hilfe angewiesen.

007-Darsteller Daniel Craig höchstpersönlich soll Phoebe Waller-Bridge darum gebeten haben, das Drehbuch des neuen Bond-Films zu überarbeiten. Die ursprüngliche Fassung, aus der Feder von Oscar-Gewinner Danny Boyle («Slumdog Millionaire») und John Hodge, hatte ihn überhaupt nicht zufriedengestellt.

Boyle und Hodge wurden gefeuert und zunächst durch das eingespielte Bond-Autorenduo Neil Purvis und Robert Wade ersetzt. Doch Craig muss sich für seinen letzten Auftritt als 007 offenbar mehr gewünscht haben. Mehr Ideen vielleicht, mehr Überraschungen – oder ganz einfach mehr Pfiff.

Phoebe Waller-Bridge ist genau die Frau dafür. Die 33-jährige Schauspielerin, Drehbuchautorin und Produzentin aus London wird derzeit als aufregendste neue Stimme in der britischen Film- und Fernsehbranche gefeiert.

Grund dafür sind ihre beiden Fernsehserien «Fleabag» und «Killing Eve», die derzeit auf BBC respektive Amazon Prime Video laufen. Ihre Markenzeichen: spitzzüngige Dialoge, komplexe Frauenfiguren und stinkfreche Überraschungen.

Also alles, wofür Kino-Veteran James Bond nicht steht.

Unerhört und unglaublich lustig

Waller-Bridge hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Sehgewohnheiten ihres Publikums herauszufordern. In «Fleabag» spielt sie eine ziemlich unsympathische junge Frau, die sich durchs Londoner Nachtleben schläft und regelmässig die vierte Wand durchbricht.

Das heisst, sie blickt direkt in die Kamera und teilt dem Fernsehpublikum ihre Gedanken mit. «Wir sind so standardmässig am Rammeln, als er sich plötzlich meinem Arschloch nähert», erzählt sie uns in der ersten Szene der Serie, mitten während eines One-Night-Stand. «Aber ich bin betrunken, und er ist extra hergekommen ...»

Die Beiden begeben sich ins Bett, Waller-Bridge spricht immer noch direkt in die Kamera: «Er ist so aufgeregt. Als wir am nächsten Morgen aufwachen, flüstert er: ‹Das war unglaublich. Ich habe es noch mit keiner anderen Frau ... hintenrum geschafft.› Er streicht mir mit aufrichtigem Dank durchs Haar. Das ist irgendwie rührend. Nachdem er gegangen ist, frage ich mich den ganzen Tag: Habe ich etwa ein riesiges Arschloch?» Die Szene ist unerhört und unglaublich lustig, wie alles in «Fleabag».

«Fleabag»: Phoebe Waller-Bridge spielt eine Frau, die scharf ist auf einen Priester. HO

«Fleabag»: Phoebe Waller-Bridge spielt eine Frau, die scharf ist auf einen Priester. HO

Waller-Bridge entstammt einer britischen Adelsfamilie, wuchs im vornehmen Londoner Stadtteil Ealing auf und besuchte ein katholisches Internat. Ihre Schauspielausbildung absolvierte sie an der renommierten Royal Academy of Dramatic Art.

Doch auf eine Karriere als sterbende, heulende oder belanglos rumstehende Frau in Shakespeare-Stücken hatte sie keine Lust. Also gründete sie 2007 die Theatergruppe DryWrite, um eigene Stoffe zu entwickeln.

«Fleabag» entstand ursprünglich als Ein-Frau-Bühnenstück. Der unverblümte Inhalt trug Waller-Bridge zahlreiche Preise ein. Worauf sie die BBC mit der Umsetzung fürs Fernsehen beauftragte.

Die erste Staffel von «Fleabag» lief im Juli 2016 im Fernsehen, die zweite folgte diesen April – und bricht ebenfalls Tabus. So schläft Waller-Bridges Figur heuer mit einem Priester.

«Man sagt mir, dass meine Serie Männer schockiert», erzählte Waller-Bridge in einem Interview. «Ich finde: Das wurde verdammt noch mal Zeit!»

Sex als Betäubung

Doch wer «Fleabag» schaut, merkt bald, dass es Waller-Bridge um viel mehr geht als billige Schockeffekte. Die vielen Sexabenteuer entpuppen sich als Betäubungsmittel, mit dem sich die von ihr gespielte Protagonistin vor zwei Schicksalsschlägen zu schützen sucht: den Krebstod ihrer Mutter sowie den Suizid ihrer besten Freundin.

«Der Sex und die Witze sind eine Fassade, unter der sehr viel Schmerz verborgen liegt», so Waller-Bridge. Ihr Hauptanliegen sei es, «echte Frauen» zu zeigen, samt all ihren Makeln.

Leichter verdaulich, aber nicht minder brillant ist ihre andere TV-Serie «Killing Eve», die auf den Kriminovellen «Codename Villanelle» von Luke Jennings basiert. Waller-Bridge stand für die Fernsehumsetzung zwar nicht selber vor die Kamera, drückte dem trashigen Stoff aber als Hauptautorin ihren Stempel auf.

«Killing Eve» handelt von der von ihrem eingerosteten Eheleben gelangweilten MI6-Agentin Eve Polastri («Grey’s Anatomy»-Star Sandra Oh). Als Einzige in ihrer Abteilung glaubt Eve daran, dass hinter einer brutalen Mordserie nicht etwa ein Mann steckt, sondern eine Frau: die extravagante, modebesessene Auftragskillerin Villanelle (genial: Jodie Comer). Doch als Eve die Ermittlungen aufnimmt, gerät sie selber ins Visier von Villanelle.

Ein rabenschwarzes Vergnügen

Der Reiz von «Killing Eve» liegt einerseits in der Umkehrung von Geschlechter- stereotypen, andererseits in der einzigartigen Beziehung zwischen seinen beiden Protagonistinnen. Villanelle und Eve entwickeln im Verlauf der Serie eine Obsession füreinander, die zwischen brandgefährlich, völlig unvernünftig und auf herrlich absurde Art romantisch pendelt.

Wie «Fleabag» ist auch «Killing Eve» ein Spiel mit dem Verbotenen, Amoralischen. Dank ihren exzentrischen Heldinnen ist die Serie ein rabenschwarzes Vergnügen.

Wie kann 007 von Phoebe Waller-Bridge profitieren? Daniel Craig wird oft vorgeworfen, sein Bond habe zu wenig Humor. Wenig überraschend titelten britische Zeitungen nun: Waller-Bridge soll Bond lustiger machen.

Aber das greift zu kurz. Ihre wirkliche Gabe ist es, tief in den Kern ihrer Figuren vorzudringen und dort tiefliegende Traumata offenzulegen. Auch James Bonds harte Schale verbirgt doch vor allem eines: Schmerz.

«Fleabag»: Staffel 1 jetzt, Staffel 2 ab 17. Mai auf Amazon Prime Video.

«Killing Eve»: Staffel 1 jetzt auf DVD, Staffel 2 ab Mai auf BBC.

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