Eigentlich möchte man am liebsten gar nichts verraten über diesen Film. Sondern nur dazu ermuntern, sich dem so bitterbösen wie skurril sanften Bilderreigen auszusetzen. Und ja, vielleicht würde man noch ein paar steile Behauptungen mitliefern: So hat man die urbane Schweiz noch nie gesehen! Hier wird die Wirklichkeit mit Witz und radikaler Ästhetik zur Kenntlichkeit entstellt! In dieser abgezirkelten digitalen Verlorenheit erfriert das Leben und wird das Schmunzeln geboren!

Sie wollen doch noch etwas mehr wissen, bevor Sie bereit sind, 71 Minuten Ihrer Lebenszeit für ein höchst eigenwilliges Kinovergnügen einsetzen? Bitteschön: Eine Enkeltrickbetrügerin, die in einem Callcenter arbeitet, nimmt alte Omas aus.

Anti-Krimi

Das muss reichen. Denn der ganze Rest dreht sich einzig ums Wie. Wie erzähle ich diesen Anti-Krimi so, dass jede Zuschauererwartung listig unterlaufen wird? Wie schaffe ich ohne Figurenpsychologie und mit einer nur vorgeschobenen Handlung eine neue Form von Spannung? Wie langweile ich nicht, obwohl es doch immer ums Gleiche geht: um Geld, billige Internet-Abos und teure Krankenkassen, um Passwörter und vergessene Filmtitel, um Orientierungsversuche im digitalen und mentalen Dschungel.

Der junge Zürcher Filmautor Cyril Schäublin und sein Kameramann Silvan Hillmann finden dafür Tableaux vivants ausgesuchter Sterilität und Leere. Es sind wahre Nicht-Orte, die überall und nirgendwo sein könnten. Wenn sich die Menschen darin bewegen, erinnert das an die Bilder von Edward Hopper und bekommt dadurch auch eine düstere Schönheit. Denn was all diese Figuren in ihrer Verlorenheit verbindet, ist eine Sehnsucht nach Zusammenhang. Im ganzen Film gibt es eine einzige Berührung von Mensch zu Mensch, die nicht rein funktioneller Natur ist. Und wie um diesen Wärmemoment zu bewahren, greift die Frau im Altersheim an diese Stelle, wo sie der Pfleger eher beiläufig berührt hat.

Erfolge trotz allem

Am Festival in Locarno war «Dene wos guet geit» noch ein Geheimtipp im Nachwuchswettbewerb. Inzwischen wurde er auch auf Festivals in São Paulo, Thessaloniki, Bilbao und Rotterdam wie an den Solothurner Filmtagen gezeigt und als so böse wie poetische Kapitalismus-Kritik beklatscht.

In den Deutschschweizer Kinos hat er in den ersten drei Wochen gegen 6000 Eintritte erzielt und damit «Blue my mind» ums Doppelte und «Goliath» gleich dreifach überholt. Und eben ist «Dene wos guet geit» auch für den Schweizer Filmpreis nominiert worden. Eine erstaunliche Karriere für einen so ungewöhnlichen Film.

Spricht man mit dem Filmautor, ist er ganz erstaunt, dass Kritiker bei seinem Film von «Entfremdung» und «digitaler Kälte» sprechen. Er sieht vielmehr echte Schönheit, Liebe und Empathie, die seinen Film durchzieht. Es verstecke sich sogar eine heimliche Liebesgeschichte darin, betont er.

Richtig ist zweifellos, dass dieser satirisch entlarvende Blick sehr sanft und liebevoll daherkommt. Schäublin hat für seine Filmausbildung die letzten zehn Jahre im Ausland gelebt, zuerst in Peking und dann in Berlin. Jetzt ist er für seinen ersten Spielfilm zurückgekommen in seine Heimatstadt und beobachtet mit quasi ethnologischem Blick die einheimischen Stämme bei ihren seltsamen Gesprächen und Gebräuchen. Das ist schon sehr komisch.

Cyril Schäublin ist einer, der sich gerne wundert. «Dene wos guet geit» schenkt dieses Wundern auf höchst wunderliche Weise an sein Publikum weiter. Im Gespräch äussert der Filmautor einen Satz, den sich wohl einige Kreative über den Arbeitstisch hängen könnten: «Ich stecke ein Feld ab, und dann schaue ich, was darin passiert – und hoffe, dass ein Geheimnis durchscheint.»

So gut wie Mani Matter?

Schäublin betont, er wolle keine moralischen Fragen stellen. Verbrechen benutzten einfach die bestehenden Strukturen. In der Anfangsphase des Drehbuchs hätten sie sich noch überlegt, ob sie dem Enkeltrickbetrug eine gewisse Legitimität geben wollten, indem er zum Beispiel dazu dient, eine lebensnotwendige Operation eines Elternteils im Kosovo zu finanzieren. Die amoralische Variante wirkt nun einschneidender und verstörender.

Und dennoch darf man sich auch fragen: Kommt «Dene wos guet geit» an die melancholische Tiefe und Träfheit des titelgebenden Chansons von Mani Matter heran? Der zu früh Verstorbene jongliert dort bekanntlich mit knapp einem Dutzend Worte auf fünfzehn Zeilen und bringt das Problem der ungerechten Güterverteilung – samt seiner Auswirkungen auf unseren Gefühlshaushalt – unglaublich lakonisch auf den Punkt.

Lakonisch ist Schäublins Film in seinem Sprach- und Bildwitz zweifellos auch. Aber es gibt doch immer wieder Zuschauer, die eine entschiedenere Aussage des Films vermissen und ihm Beliebigkeit vorwerfen.

Darüber kann man füglich streiten. Immerhin: Im Schlussbild, das man als Zuschauer imaginieren darf, explodiert die ganze Europäische Zentralbank, und all das Geld, von dem im Film permanent die Rede war, flattert hilflos durch die Lüfte. Als nächstes Filmprojekt hat sich Cyril Schäublin übrigens den Anarchismus im Schweizer Jura vorgenommen. So viel kann man bereits garantieren: Ein Historienschinken wird das nicht.