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Mister Entschleunigung: «Mein Stil wurde auch schon als Koma-Kino bezeichnet»

Filmemacher Lav Diaz: «Mein Stil wurde auch schon als Koma-Kino bezeichnet.» KEYSTONE/Urs Flüeler

Filmemacher Lav Diaz: «Mein Stil wurde auch schon als Koma-Kino bezeichnet.» KEYSTONE/Urs Flüeler

Fünf Stunden und mehr: Der Filipino Lav Diaz dreht die längsten Filme der Welt. Und kämpft mit ihnen gegen die kollektive Amnesie seines Volks.

Die brütende Hitze und eine Grossbaustelle auf der Mittleren Brücke in Basel bringen praktisch alles zum Erliegen. Stillstand – damit kennt sich auch Lav Diaz aus. Der philippinische Filmemacher gastiert zurzeit als Jurymitglied am Filmfestival Bildrausch in der Rheinstadt. Sein Name steht synonym für das sogenannte Slow Cinema: langes, langsames Kino. «Mein Stil wurde auch schon als Koma-Kino bezeichnet», sagt Diaz im Gespräch mit der «Schweiz am Wochenende» und lacht.

Der 58-jährige Filipino hat einige der längsten Kinofilme aller Zeiten gedreht. Sein Epos «Evolution of a Filipino Family» (2004) hat eine Spieldauer von 9 Stunden und 53 Minuten, sein Locarno-Gewinnerfilm «From What Is Before» (2014) dauert fünfeinhalb Stunden. Dagegen wirkt sein neuester Film «The Woman Who Left», der 2016 am Filmfestival von Venedig den Hauptpreis gewann und nun am Bildrausch zu sehen ist, fast wie ein Kurzfilm, kommt aber immer noch auf 3:46 Stunden.

Trailer: The Woman Who Left

Trailer: The Woman Who Left

«Warum einschränken?»

«Kino bedeutet Freiheit. Warum soll man sich da einschränken?», findet Diaz, der einst Drehbücher für philippinische Fernsehdramen schrieb, bevor er Anfang der 90er-Jahre nach New York umsiedelte.

Dort hat er sich losgelöst – von filmischen Konventionen, aber auch von kommerziellen Interessen. «Ein Hollywoodfilm gehorcht den Regeln des Markts. Alles muss schnell sein, alles muss sich der Action unterordnen, den Bewegungen von Tom Cruise und Nicole Kidman.» Diaz nähert sich seinem Schaffen ganz anders. Sein Grundsatz lautet: «Je simpler, desto besser.» Nicht der Action gilt sein Fokus, sondern der Leinwand, auf der er seine Geschichten ausbreitet.

Es sind kleine Geschichten, die Grosses erzählen. Geschichten aus dem Alltag seiner Landsleute, die den Seelenzustand der ganzen Nation erahnen lassen. Lav Diaz nennt Dostojewski als einen seiner wichtigsten Einflüsse – Diaz’ Vater, ein Lehrer, habe Russische Literatur verschlungen, das habe auch bei ihm Spuren hinterlassen. Zu «The Woman Who Left» habe ihn nun eine Kurzgeschichte von Tolstoi inspiriert.

Der Film erzählt von Horacia (Charo Santos), einer Lehrerin, die 30 Jahre lang unschuldig im Gefängnis gesessen ist. Nach ihrer Entlassung sinnt sie auf Rache: Sie besorgt sich eine Waffe und will den wirklichen Verantwortlichen, ein reicher Geschäftsmann, erschiessen. Doch als Horacia dessen Nachbarschaft erkundet, geschieht etwas Sonderbares: Sie freundet sich mit einem buckeligen Eierhändler und einer Landstreicherin an und kümmert sich rührend um einen Transvestiten, der fast zu Tode geprügelt wurde.

Bilder von inniger Ruhe

Diaz filmt diese Begegnungen ganz in Schwarzweiss, in langen, entschleunigten Einstellungen von inniger Ruhe und graziler Schönheit. Drei Stunden, vier Stunden, acht? Egal, wir würden auch länger sitzen bleiben. Diaz zeigt Bilder, die uns nicht anspringen, sondern uns einladen. Je länger wir hinschauen, desto stärker schimmert etwas hindurch, desto heller strahlt Horacias Humanismus.

Interview mit Lav Diaz

Interview mit Lav Diaz

Ihr Umgang mit den randständigen Menschen, denen sie begegnet, steht in einem faszinierenden Widerspruch zu ihren Racheabsichten. Mit solchen Gegenüberstellungen arbeitet Lav Diaz in seinen Filmen immer wieder. Das habe mit der Kultur seines Volkes zu tun, erzählt er. «Wir Filipinos stecken in einem Kreislauf aus Tod und Wiedergeburt fest.» Jedes Jahr fegen durchschnittlich 25 Wirbelstürme über das Land. Ganze Dörfer werden dabei zerstört, und dann wieder aufgebaut. Ein hartes Los, doch Diaz sagt: «Damit haben wir uns abgefunden.»

Mehr Sorgen bereitet dem Filmemacher ein anderer Kreislauf, der das philippinische Volk gefangen halte, einer mit historischer Dimension. Diaz spricht hier von einer «kollektiven Amnesie», von einer Staatskrankheit, die die leidvolle Vergangenheit der Archipelnation aus dem Gedächtnis seiner Bevölkerung auszuradieren drohe – allen voran die Schreckensdiktatur von Ferdinand Marcos in den 70ern und 80ern. Eine Epoche, die Diaz immer wieder zu seinem Filmstoff macht.

Filmischer Widerstand

Der aktuelle Präsident Rodrigo Duterte, dessen kompromissloser Drogenkrieg Tausende auch unschuldige Opfer gefordert habe, sei der Beweis, dass sein Land nichts aus seiner Vergangenheit gelernt habe. Duterte sei ein weiterer Demagoge, der die Medien unterjocht habe, um einen Heldenmythos um sich herum zu erschaffen. «Duterte verkauft sich als Retter der armen Bevölkerung und verführt sie mit Lügen.» Das habe er sich bei Marcos abgeschaut, sagt Diaz. «Die jungen Filipinos realisieren das nicht. Sie sind faul und haben kein Interesse daran, sich mit der Geschichte unseres Landes auseinanderzusetzen.»

Fühlt sich Lav Diaz dazu berufen, mit seinen Filmen Widerstand zu leisten? «Mein Einfluss ist klein, aber ich stehe in einer Verantwortung, um die ich mich nicht drücken möchte.» In seinem nächsten Film – ein Musical, das bereits zu Dreivierteln abgedreht ist – knöpft er sich deshalb wieder das Marcos-Regime vor, um die Parallelen zu Duterte aufzuzeigen. «Mir ist egal, ob der Film Geld einspielt. Wenn er nur einer einzigen Person die Augen öffnet, ist das viel wertvoller.»

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