Film

Milo Rau: «Es gibt Wahrheit, und es gibt Gerechtigkeit»

Der Schweizer Regisseur Milo Rau (2.v.r.) im Kongo bei Dreharbeiten zu seinem Film «Das Kongo Tribunal».Thomas Schneider

Der Schweizer Regisseur Milo Rau (2.v.r.) im Kongo bei Dreharbeiten zu seinem Film «Das Kongo Tribunal».Thomas Schneider

Regisseur Milo Rau ist bekannt für die Reinszenierung historischer Prozesse. Im jüngsten Projekt inszeniert er im vom Bürgerkrieg gebeutelten Ostkongo ein Tribunal, in dem Verantwortliche für die Millionen von Toten zur Rechenschaft gezogen wurden.

Milo Rau, träumen Sie noch gut?

Milo Rau: Ja, meistens. Man könnte erwarten, dass ich schrecklichste Albträume habe. Aber seltsamerweise handeln meine Albträume nach wie vor davon, dass ich eine Lateinprüfung habe, aber kein Latein mehr kann.

Bereits die Inszenierung Ihres Theaterprozesses in Moskau war nicht ungefährlich. Aber ein Prozess im Ostkongo, einem Land, in dem noch Bürgerkrieg herrscht, das ist tatsächlich lebensgefährlich.

Ja, das ist es. Aber ich hatte wenig Zeit zum Schlafen in diesen Monaten. Ich war so beschäftigt, dass so etwas wie Angst gar nicht aufkommen konnte. Meine Albträume sind immer professioneller Art: Ich hoffe, dass dieser oder jener nicht vom Projekt abspringt, dass es keine Probleme mit der Polizei gibt ...

Es ist so weit, dass Sie Ihr Leben für die Kunst aufs Spiel setzen.

Ja, und vor allem auch das Leben meines Teams und der weiteren Beteiligten. Das liegt im Wesen der Sache. Wir haben Zeugen anonymisiert und versucht, sie so gut wie möglich zu schützen. Aber trotzdem haben ein paar ernsthafte Probleme bekommen: einer, der zu einem Massaker, ein anderer, der zu einem Wirtschaftsverbrechen ausgesagt hat. Wir versuchen, gemeinsam mit der UNO alles Menschenmögliche für sie zu tun. Aber im Kongo ist nie absehbar, was als Nächstes geschieht. Wir sagten jedem gefährdeten Zeugen: anonymisiere dich, verhülle dich. Erstmals in der Geschichte von solchen Prozessen haben wir sogar Stimmen verfremdet. Wenn das jemand aus politischen Gründen nicht wollte, dann ist das eine Entscheidung, die ich akzeptieren musste.

Warum machen Sie das? Für die Kunst, für die Gerechtigkeit?

Ich habe gerade an der Biennale in Venedig einen Workshop über politische Kunst für junge Regisseure und Schauspieler gegeben. Einige ihrer Ideen kamen mir sehr brav vor. Ich versuchte, sie zu pushen und habe zum Beispiel vorgeschlagen: «Wir bauen morgen eine Leiter, über die die Strassenverkäufer gratis in die Giardini hineinkommen, wo die Länder-Pavillons stehen». Da hab ich gemerkt, dass sie so was nicht gewohnt sind. Sie fanden meine Vorschläge gefährlich, unethisch oder kriminell. Als die ersten Drohmails von der Biennale kamen, waren sie völlig verschüchtert. Da ist mir aufgegangen: «Ach so, seit 15 Jahren arbeite ich in dieser Weise, es wird immer gefährlicher und irrer und ich nehme es gar nicht mehr wahr.» Das Kongo-Tribunal ist in dieser Hinsicht ein Schlusspunkt. Man könnte vielleicht noch im Nordirak eine Koran-Verbrennung vornehmen. Aber was ein ernsthaftes Projekt angeht, sind die Spannung und der Schwierigkeitsgrad nicht mehr zu steigern. Und vor allem ist es so: Wenn man sich einmal mit so etwas zu beschäftigen beginnt, mit sechs Millionen Toten im Ostkongo, dann würde man tatsächlich anfangen sehr schlecht zu träumen, wenn man sich nicht wirklich drauf einliesse und etwas täte. Das ist für mich Selbstschutz und Verpflichtung gegenüber diesen Menschen gleichermassen.

Sie mussten Zeugen schützen wie in einem echten Prozess. Das zeigt: Die Illusion dieses Theaters ist so gut, dass sie im Grunde Realität ist.

Es ist total real, bis ins letzte Detail. Alle Fälle sind real, alle Zeugen aus der Armee, der Regierung, der Opposition, den Firmen. Der einzige Unterschied zur Realität besteht darin, dass es bei uns natürlich keine Rechtsfolge gibt. Aber im Grund ist dieser Theaterprozess hoffentlich eine Vorausnahme der Realität im Kongo. Ein symbolischer Prozess, der zeigt: Gerechtigkeit ist möglich. Die Leute waren sehr erstaunt, dass man einen solchen Prozess überhaupt durchführen kann. Und zwar vor Ort, nicht in Den Haag oder wo auch immer. Deshalb ist der Impact dieses Projekts so gewaltig. Das sage ich auch meinen Studenten: Ihr müsst euch überlegen, wo etwas stattfindet und mit wem. Wenn ein politisches Projekt nicht irgendeine Form von Realität aufgreift, dann kann man geradesogut Shakespeare oder Tschechow inszenieren. Dann bleibt es eine intellektuelle oder moralische Übung.

Für die Angehörigen der Opfer, die in diesem Theaterprojekt mitmachen, ist es also auch so, als ob ein echter Gerichtsprozess für Gerechtigkeit sorgte?

Es ist ein Vorbildprozess. Aber nicht als pathetische oder moralische Forderung, sondern als wirklich ausgeführte Handlung. Es war wie ein irrer Wachtraum, bei dem plötzlich alle dasitzen: der Gouverneur, Regierungsvertreter aus Kinshasa, der Armeegeneral, der das Massaker verübt hat. Und der Minister, der verantwortlich ist, dass die Polizei nicht eingeschritten ist, sagt tatsächlich aus. Dann frage ich mich schon: Warum passiert das, wie kann das sein? Es ist fantastisch. Und ich vergesse in dem Moment, dass wir zuvor ein Jahr lang penetrant hinter diesen Leuten her waren. Beim Biennale-Workshop haben die jungen Künstler gefragt: Ja, aber wie soll man das machen? Ich sagte: Wenn du etwas wirklich machen willst, es wirklich für die Inszenierung brauchst, wird es am Ende irgendwie klappen. Möglich ist alles, sogar ein Prozess mit 1000 Beteiligten im Bürgerkriegsgebiet.

Konnten Sie bereits etwas ändern, die Situation verbessern?

Das «Kongo Tribunal» hat eine riesige Signalwirkung entwickelt, täglich werden mir neue Artikel, neue Rechtsfolgen zugeschickt. Auch wenn man sieht, wer alles mitgemacht hat: Der Gründer des Den Haager Tribunals etwa war unser Richter, in der Jury sassen sehr wichtige Intellektuelle. Vor allem aber haben wir bewiesen, dass es juristisch und praktisch möglich ist, Wirtschaftsverbrechen nach kongolesischer Verfassung und lokalem Bodenrecht zu verhandeln. Aber im Grund ist es in der Kunst falsch zu fragen: Was hat es gebracht? Ich meine: Was hat die «Odyssee» gebracht? Man weiss das vielleicht erst 50 Jahre später. Ich persönlich mache Kunst, die real ist, aber trotzdem symbolisch bleibt. Wenn wir in «The Dark Ages» über die begangenen Massenverbrechen in Ex-Jugoslawien sprechen, hat das keine Auswirkung, und es sind nur einzelne Schicksale, die herausgegriffen werden. Aber es wird doch etwas gerettet, das menschlich ist. Oder im «Kongo Tribunal»: Mein Richter gibt dem Gouverneur 20 Minuten, um zu reden. Und er gibt der deportierten Bäuerin die genau gleichen 20 Minuten. Danach fällt für beide der Hammer. Das stellt totale Demokratie her, so etwas gab es im Kongo noch nie.

Haben Sie anhand Ihrer Theaterprozesse feststellen können, wo die Schwächen der weltlichen Prozesse liegen und wo die Herstellung von Gerechtigkeit an ihre Grenzen stösst?

Die Gerechtigkeit in unserer Welt hat Grenzen, und die zieht die Politik. Die Firmen, die ich im «Kongo Tribunal» zur Rechenschaft ziehe, sind verantwortlich für Massendeportationen, für Morde. Es gibt aber kein eindeutig definiertes, erprobtes internationales Wirtschaftsrecht, das man gegen sie in Stellung bringen könnte. Vor allem aber gibt es keinen Kläger.

Was treibt Sie immer weiter an?

Ich sehe immer mein Team vor mir, diese Erwartung: Was geschieht als Nächstes? Wir sind eine verschworene Bande. Ich habe also stets das Gefühl, noch etwas nachlegen zu müssen. Es gibt so vieles, das ich noch machen will. Ich sollte wohl ein wenig Sport machen, damit ich lange genug lebe, um wenigstens die Hälfte all der Sachen zu machen, die ich gern machen will. Nicht nur Theater. Es gibt so viele Filme, die ich schon lange machen möchte, Bücher, die ich gern schreiben würde. Aber mehr als vier Projekte pro Jahr kriegen wir einfach nicht hin.

Sie haben im Kongo viel Schreckliches gesehen, Sie haben getötete Kinder gesehen. In Ihrem neuen Stück «The Dark Ages», das dieses Theater-Spektakel eröffnet hat, lassen Sie Hamlet zitieren mit: «Welch ein Meisterwerk ist der Mensch! Wie edel durch Vernunft! Wie unbegrenzt an Fähigkeiten!» Konnten Sie trotz allem ein derart gutes Menschenbild behalten?

Ich habe zwei Töchter, und sie sind wirklich Meisterwerke an Gutartigkeit. Gutartige Menschen ziehen leider meistens den Kürzeren. Das habe ich bei meinen Untersuchungen über Genozide gesehen. Aber ich bin ja ständig von wunderbaren Menschen umgeben. Bei allen Projekten, obwohl sie fatalistisch scheinen, versuche ich zu sagen: Es gibt Kunst, es gibt Darstellung, es gibt die Menschen, die jetzt da stehen und von all den Schrecken erzählen. Es gibt Wahrheit, es gibt Gerechtigkeit.

Obwohl Sie ja ständig im Dunkeln wühlen mit Ihren Projekten?

Ja, aber ich denke, dass die Sachen, die ich daraus mache, eine eigene Schönheit haben. Auch wenn man über Schreckliches spricht, hat Kunst immer diesen Aspekt: Dass man es trotzdem macht. Das ist das Entscheidende.

Angesichts all der aktuellen Probleme, der massiven Flüchtlingsströme: Was tun?

Heute habe ich am Radio gehört, dass allein diesen Juli 50 000 Menschen in Griechenland angekommen sind. Das ist so viel wie im ganzen letzten Jahr. Wir stehen mitten in einer Zeitenwende. Der kalte Realist in mir sagt: Im Grunde sollte Europa zum Imperium werden, die Grenzen zumindest kontrollieren. Der Humanist sagt das Gegenteil. Als Künstler habe ich die Möglichkeit, Humanist und Realist zugleich zu sein. Ich kann Projekte realisieren, die sich an dem messen, was sein könnte. Damit will ich fortfahren.

Hier in der Schweiz hat die Luzerner Regierung mehr oder weniger suggeriert, Eritreer könnte man doch zurückschaffen. Die CVP fordert Ähnliches sowie ein Bargeld-Verbot und Zwangsarbeit für Asylbewerber. Was sagen Sie dazu?

Ich denke, das ist der neue politische Stil. Der Wind hat sich geändert. Wir treten in ein anderes Zeitalter ein. Die Schweiz Henry Dunants ist tot. Jetzt wird es hart, jetzt geht es darum, wer überlebt. Das ist der bedauerliche Ton der neuen Zeit. Es ist angenehm, dass uns das noch als unangenehm auffällt.

Wenn Sie sich einen Traum erfüllen könnten, was würden Sie tun?

Dann würde ich gern ein wirklich umfangreiches theoretisches Buch schreiben: eine Zusammenfassung meiner Beobachtungen, meine Philosophie. Und es gibt den einen oder anderen Plan für Monumentalfilme. Alle anderen Träume sind absurderweise in Erfüllung gegangen: Ich wollte immer eine Familie haben, mit ihr ein Haus bewohnen. Ich wollte immer beruflich das tun, worauf ich Lust habe und mit Leuten, zu denen ich absolutes Vertrauen habe. Ich hatte sehr viel Glück.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1