Im Kino sind Sie in der Komödie «Dead Fucking Last» zu sehen. Jetzt startet der TV-Krimi «Der Bestatter». Welche Produktion ist Ihnen näher?

Mike Müller: Das kann ich nicht sagen. Es waren ganz unterschiedliche Voraussetzungen. Bei der Velokurier-Komödie «Dead Fucking Last» waren wir drei Hauptdarsteller anderthalb Jahre vor Drehbeginn in die Produktion involviert und hatten so viel wie selten geprobt. Es ging um die Frage, wie man den Groove der 1980er-Jahre in die heutige Zeit rüberbringt. Wie interpretiert man heute ehemals Bewegte? Das hat zu grosser Einigkeit bei Drehbeginn geführt. Wir waren eine verschworene Gemeinschaft.

Im Film spielen Sie einen 80er, im Krimi einen bürgerlichen Bestatter. Welche Rolle entspricht Ihnen eher?

Auch das kann ich nicht sagen. Ich habe mich in beide Rollen hineingelebt. In den 1980er-Jahren war ich in Olten. Dort hat es keine Bewegung gegeben. Wenn du in Olten einen Pflasterstein in die Hand nehmen willst, muss zuerst die Altstadt-Kommission ihren Segen geben. Damals haben wir in Olten unsere Theatergruppe gegründet. Wir haben unser eigenes Ding gedreht, und das war für uns Bewegung genug. Eine Jugendbewegung in dem Sinne gab es nicht. Wenn man initiativ ist, kann man in Olten viel machen, denn die Strukturen sind glücklicherweise nicht so starr.

Aber von der Generation her sind Sie ein 80er. Hat der Einfluss nicht nach Olten gereicht?

Doch. Ich hab in Zürich studiert und im Theater hab ich viel mit 80ern zu tun gehabt. Es ist aber auch nicht so, dass diese Bewegten für mich von einem anderen Stern kommen.

Zur selben Zeit waren Sie als Totengräber tätig.

Ja, in der solothurnischen Gemeinde Wisen. Sie wollten mich sogar wählen, aber ich war noch minderjährig. Das war ein gut bezahlter Job.

Was hat Sie am «Bestatter» gereizt?

Der TV-Krimi hat eine sehr gute dramaturgische Anlage. Der Ex-Polizist, der das Schnüffeln nicht lassen kann. Interessant ist der Krimi auch, weil er im Aargau, in der Region Aarau spielt. Ich habe sofort zugesagt.

Wieso ist der Aargau interessant?

In diesem relativ grossen Mittellandraum spielen die regionalen Eigenheiten nicht eine so grosse Rolle. Da ist Aarau wie Olten. Hier erklärt man Fremden nicht, wie es läuft. Es ist eine Offenheit, die viele dem Mittelland gar nicht zutrauen. Vielleicht hat das damit zu tun, dass Olten wie Aarau immer Untertanen-Gebiet war. Der Stolz und der Lokal-Patriotismus sind hier nicht stark ausgeprägt, dafür ist es ein bisschen republikanischer.

Definieren Sie die Provinz positiv?

Ja, durchaus. Das Provinzielle ist gar nicht so langweilig, wie man immer meint. Wobei, diese Provinz gibt es auch in Zürich, wo ich heute lebe.

Wieso handelt denn der Bestatter in Aarau und nicht in Zürich?

Der Vorteil von Aarau ist, dass man die Stadt nicht die ganze Zeit verkaufen muss. Dieser Lokalchauvinismus spielt in Aarau keine grosse Rolle. Diese Schweizer Normalität gefällt mir. Beim Luzerner Tatort muss man die Kapellbrücke immer wieder zeigen. In Aarau genügt es, wenn ich mal über die Kettenbrücke fahre und wir hin und wieder in der Altstadt drehen. Man muss nicht eine Stadt oder ein bestimmtes Milieu verkaufen. Stattdessen konnten wir uns auf die Story konzentrieren. Dazu ist Aarau genug gross und vielfältig, dass die unterschiedlichsten Geschichten möglich sind. Die Geschichte vom Hühnerhof wie jene vom Fressbalken auf der A1.

Wie stehts mit dem Dialekt?

Das ist auch ein Vorteil von Aarau oder überhaupt dem Mittelland. Es gibt eine Durchmischung, und der Dialekt ist nicht so stark ausgeprägt wie in Basel, Klosters oder im Wallis. Die Hauptdarsteller sprechen Bern-, Züri- und Oltnerdialekt. In Aarau geht das. An einem anderen Ort würden wir damit durchfallen.

In Aarau gibts gar keinen Hühnerhof.

Nein, aber er wäre in der Region denkbar. Im konkreten Fall haben wir in einer Hühnerfarm in Mellingen gedreht. Die Eier, die ich in Zürich kaufe, stammen auch von dort.

Sind alle Drehorte im Aargau?

Nein, das herrschaftliche Bestatterhaus steht am Züriberg. Die noble Autogarage in Urdorf und selbst die Szenen vom Hallwilersee wurden nicht am Hallwilersee gedreht, sondern am Obersee. Da wird immer wieder «beschissen» und dort gedreht, wo es am einfachsten geht.

Haben Sie Krimi-Erfahrung?

Kaum. In «Studers erster Fall» hatte ich eine kleine Rolle. Das ist meine erste Krimi-Hauptrolle. Aber früher habe ich viel Krimis geschaut. Ich war süchtig nach dem deutschen Krimi «Der Fahnder» mit Klaus Wennemann.

Und Schweizer Krimis?

Oh ja. «Ein Fall für Männdli» mit Ruedi Walther habe ich geliebt. Wie der «Bestatter» war der Krimi sehr helvetisch. Dann «Graf Yoster». Der war zwar nicht sehr schweizerisch, aber Hauptdarsteller Lukas Ammann ist ein unglaublich guter Schauspieler.

Wie würden Sie den Bestatter als Person charakterisieren?

Er ist sehr bürgerlich und geradlinig. Kein Freak. Einige Dinge in seinem Leben sind schiefgelaufen, der Lebensentwurf ist ihm ziemlich «wurscht».

Es sind jetzt vier Folgen gedreht. Wie geht es danach weiter?

Die Vorgaben sind klar: Es gibt Fortsetzungen, wenn die Quote höher ist als bei einer eingekauften deutschen Krimiserie. Sonst lohnt sich die Investition für das Schweizer Fernsehen nicht. Also schon eine gleich gute Quote reicht nicht. Wir müssen besser sein als die Deutschen. Die Aufgabe ist nicht leicht, denn sie verstehen das Krimifach, und die Zuschauer am Krimiabend Dienstag sind Krimi-Kenner.

Sie sind skeptisch.

Nein, ich bin überzeugt vom «Bestatter» und spiele die Figur wahnsinnig gern. Bei der Quote bin ich aber kühl und sachlich. Wenn der Krimi abgesetzt wird, werde ich sicher nicht öffentlich weinen.

Sie haben inzwischen Erfahrungen mit Misserfolgen. Gerade Ihre letzten Kinofilme waren Flops.

Ich bin ein Routinier in Sachen Flops. Auch im Theater. Kommerzielle wie künstlerische Flops. Lustig ist das nicht, aber damit muss man leben. Auch in Hollywood floppen acht von zehn Filmen. Zu uns kommt nur die Spitze. Manche Flops wie das «Missen-Massaker» sind mir heute noch unerklärlich. Ich stehe jedenfalls zu dem, was ich dort gemacht habe, und würde mit Michael Steiner wieder zusammenarbeiten. Irgendwie ist es uns nicht gelungen, einen lustigen Sommerfilm zu machen, den die Leute sehen wollen.

Meine Prognose: «Dead Fucking Last» floppt, weil er zu zürcherisch ist. «Der Bestatter» wird ein Hit, weil er in der Provinz spielt.

Was heisst schon floppt. «Dead Fucking Last» ist ein bescheidener Film, der in Arthouse-Kinos läuft. Die Erwartungen sind dementsprechend. Wenn er floppt, weil er zu zürcherisch ist, kann ich damit leben. Umgekehrt finde ich, dass dieser Anti-Zürich-Reflex langsam vorbei sein sollte. Ich gebe es zu. Ich hatte ihn auch, habe ihn inzwischen aber abgelegt. Denn Zürich ist wohl die beste Stadt für Zugelaufene. Die Zürcher sind sehr integrationsfreundlich.

Die schlimmsten Zürcher sind ja ohnehin die Ex-Aargauer.

Nein, die Ex-Oltner, die Olten furchtbar finden. Jene, die das Gefühl haben, sie seien die Spitze der Avantgarde. Man muss schon darauf achtgeben, dass man nicht so wird.

Lustig ist ja, dass «Dead Fucking Last» von Aargauern geprägt ist.

Ja, total. Regisseur Walter Feistle ist aus Lenzburg, Markus Merz aus Menziken. Das ist in Zürich eben möglich. Dass Aargauer einen Zürcher Film machen. Das spricht für Zürich. Ich habe als Oltner ja mit meinem Bruder Tobias und Rafael Sanchez, dem spanischen Secondo aus Aesch BL, auch das Theaterstück «Elternabend» über das Aemtler-Schulhaus im Kreis 3 geschrieben. Zürcher Stadtteil-Theater von Auswärtigen. Und die Zürcher haben es akzeptiert.

Sie sind omnipräsent. Im Kino, im TV-Krimi und sonntags mit «Giacobbo/Müller». Haben Sie keine Angst, dass die Leute eine Überdosis Mike Müller kriegen?

Doch (seufzt) … Und ich würde es auch ein wenig verstehen. Aber ich konnte es nicht ändern. Der Film wurde schon im Herbst 2011 gedreht. Der TV-Krimi ein Jahr später. Jetzt kommen halt beide zur gleichen Zeit raus. Immerhin sind es verschiedene Sachen für unterschiedliche Zielgruppen.

Dafür pausieren Sie im Theater.

Hmm … Nein. Ich bereite eine Fortsetzung des Rechercheprojekts «Elternabend» vor. Beim «Elternabend» ging es um das Thema Integration in einer Zürcher Schule mit vielen Immigrantenkindern. Jetzt ist das Thema «Schweizer Armee», und wir gehen nach demselben Recherchemuster vor. Das heisst: Ich führe Interviews mit Leuten zum Thema «Schweizer Armee». Transkribiere die Interviews danach und spiele die Leute dann auf der Bühne. Ich war vier Tage im Militär und habe mit 35 Leuten gesprochen. Es ist von der Anlage etwas komplizierter als der «Elternabend». Mein Bruder ist wieder für die Dramaturgie und Rafael Sanchez für die Regie zuständig. Premiere ist am 9.März im Theater am Neumarkt.

Haben Sie weitere Pläne?

Nein, glücklicherweise nicht. Ich möchte nur etwas mehr Bücher lesen und mehr schwimmen.

(Pause) … Ich habe mir vorgenommen, keine Frage zu Ihrem Gewicht zu stellen.

Das finde ich super, das ist ein Primeur (lacht). Aber ich schwimme sowieso nicht, um mein Gewicht zu halten. Im Zürichsee schwimmen ist einfach schön.