Herr Bleibtreu, ist Ihre Rolle in «Die dunkle Seite des Mondes» das erste Mal, dass Sie mit dem eigenwilligen Universum des Autors Martin Suter in Kontakt gekommen sind?

Moritz Bleibtreu: Als ich vom Projekt erfuhr, kannte ich einige Romane und hatte auch «Die dunkle Seite des Mondes» gelesen, aber das war lange her, und ich erinnerte mich nur noch grob an die Story. Ich war vor allem interessiert, weil das eineabgründige Figur ist, die einen wahnsinnigen Tanz aufführt zwischen sich Sich-selbst-Verlieren und Sich-selbst-behalten-Wollen ... Das fand ich extrem spannend.

Dieser Urs Blank ist anfangs ein rücksichtsloser Mensch. Er macht dann aber durch seine Drogenerfahrungen einen Wandel durch, wobei man nicht unbedingt von einer Läuterung sprechen kann.

Der Charakter von Urs Blank ist im Film etwas anders angelegt als im Buch. Weil man in einem Film einer Figur nur schlecht folgt, wenn sie absolut kein Gewissen zeigt, sagten wir uns: Der Mann muss jeweils Erkenntnisse gewinnen, wenn er die Kontrolle verliert. Quasi wie das Erwachen aus einem Albtraum, wo er sich fragt: «Was hab ich da gerade gemacht?» Das liegt dem Roman zwar fern, aber ohne diesen Kunstgriff hätten die Zuschauer den Typen bald nicht mehr sehen wollen. Das war für mich als Schauspieler auch wichtig: Dass das Publikum immer an ihn dranbleibt, obwohl er über weite Strecken unausstehlich ist. Der Roman schafft das, weil er die Innenwelt der Figur schildert – wir mussten anders vorgehen.

Die dunkle Seite des Mondes - der Trailer

Die dunkle Seite des Mondes - der Trailer

Im Gegensatz zum Buch beginnt der Film mit einem Schock – ein Opfer von Blank erschiesst sich nach einer unfreundlichen Firmenübernahme vor seinen Augen.

Uns war es wichtig, zu zeigen, welche Konsequenzen diese Dinge haben, die man so hinter verschlossenen Türen entscheidet. Da gehen Existenzen zugrunde. Von einer solchen Verantwortung kann man sich dann auch nicht einfach freimachen; das kriegt man manchmal direkt ins Gesicht zurück. Und das ist auch der emotionale Unterbau, den die Figur da erfährt: Blank beginnt, an sich zu zweifeln, an der moralischen Richtigkeit der Dinge, die er tut. Und dann überholt ihn die ganze Geschichte wie ein D-Zug.

Ab diesem Moment würde man ja auch erwarten, dass Blank eine Form von Gewissen entwickelt. Aber es passiert das genaue Gegenteil: Er wird unkontrolliert und grundlos gewalttätig.

Das halte ich für furchtbar, wenn man nicht mehr Herr über seine Aktionen ist. Das meiste, was einen einholt, kann man ja irgendwie behandeln: Gegen Kopfschmerzen nimmt man Tabletten; ein gebrochenes Bein legt man in Gips. Aber Blank ist gegen seine Gewaltausbrüche machtlos. Wir sprechen hier über etwas ganz Elementares: Jeder Mensch, der sich oder seine Lieben bedroht sieht, wird sich so oder ähnlich verhalten. Es sagen ja immer alle, die Welt sei so brutal. Aber mal ehrlich: Wenn wir uns nicht in unseren zivilisierten Bahnen bewegen würden– wie schnell würde alles schiefgehen? Manchmal wundert es mich, dass wir uns nicht sowieso ständig die Köpfe einschlagen. Wenn man bedenkt, wie unterschiedlich der Wohlstand in unserer Gesellschaft verteilt ist, dann bin ich schon fast stolz darauf, dass die Leute nicht aus viel geringeren Gründen bereit sind, jemandem den Kopf abzuhacken. Mich beschäftigt das persönlich, denn das sind existenzielle Fragen: Was ist gut? Was ist böse? Ich glaube, dass die Menschen zu 90 Prozent gut sind. Nur haben leider die anderen 10 Prozent die ganze Kraft, das wieder zunichtezumachen.

Zu diesen unguten 10 Prozent gehört definitiv der von Jürgen Prochnow gespielte Pius Ott, der tief in Wirtschaftskriminalität verstrickt ist, und der Ihrer Figur irgendwann nach dem Leben trachtet. Dabei werden die beiden ja von den gleichen Dingen angetrieben.

Ja, aber Blank lebt diesen Antrieb nicht aus. Das ist ja der Punkt: Ob man sich dem Bösen verschreibt und vor dem Rest der Welt gut erscheinen will, oder ob man sagt: «Ich verschreib mich dem Bösen, und es ist mir völlig egal, ob alle das wissen.» Das ist wie bei «Star Wars»: Wenn man das macht, dann setzt das Kräfte frei. Wenn man sein Gewissen ablegt, dann ist man jedem gewissenhaften Menschen haushoch überlegen, weil man nicht mehr zögert. Da sind wir wieder bei der Empathie: Wenn die weg ist, ist der Schritt zu den Extremen nicht mehr weit. Deshalb macht es mir auch Angst, wenn Leute im Internet wildfremde Personen beleidigen. Einem Menschen ohne Empathie zu begegnen oder ihm etwas anzutun, dazwischen liegt nur ein kleiner Schritt.

Urs Blank überschreitet diese Grenze – und er ist mit den Konsequenzen überfordert.

Ja, weil er immer noch die Hoffnung hegt, das rückgängig machen zu können. Er versucht, sein altes Leben zu bewahren. Obwohl er spätestens nach dem Mord eigentlich wissen müsste, dass der Drops jetzt gelutscht ist. Spätestens dann geht es aber auch nicht mehr um seine Rehabilitierung, sondern um die knallharte Auseinandersetzung zwischen zwei rücksichtslosen Männern. Denn am Ende ist es ein klassischer Western, wenn man so will.