«Rencontre»
Marthe Keller: «Ich habe mich immer mehr versteckt als gezeigt»

Die Baslerin Marthe Keller (66) spielte neben Dustin Hoffman, Al Pacino, Marlon Brando, Yves Montand und Marcello Mastroianni. Die Solothurner Filmtage widmen ihr die Reihe «Rencontre» mit filmischen Highlights und persönlichen Begegnungen.

Stefan Brändle, Paris
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Marthe Keller in «Toute une vie» (1974) von Claude Lelouch
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Schauspielerin Marthe Keller
Marthe Keller neben Dustin Hoffmann in «Marathon Man»
Marthe Keller in «Rouge Baiser» (1985) von Véra Belmont
Marthe Keller und Miou-Miou in «Elles» (1997) von Luis Galvão Teles
Marthe Keller in «Elles» (1997) von Luis Galvão Teles
Marthe Keller in «Fragile» (2005) von Laurent Nègre
Marthe Keller im Jahr 2006 (Archiv)

Marthe Keller in «Toute une vie» (1974) von Claude Lelouch

Marthe Keller: Ich fühle mich natürlich geehrt, zumal man mich in der Deutschschweiz wenig kennt. Eine solche Auszeichnung ist auch eine Art Weckruf für Erinnerungen.

Sie haben vor fünf Jahren erstmals in einem Schweizer Film, «Fragile», gespielt. Zieht Sie etwas in die Schweiz zurück?

Nein, das war purer Zufall. Ich hatte wie üblich das Drehbuch gelesen, und es gefiel mir. Es freute mich auch, dass Laurent Nègre ein Schweizer Regisseur ist. Das machte alles sehr unkompliziert.

Sie dachten nicht, das sei eine gute Gelegenheit, wieder mal die Alpen zu sehen oder Basler Läckerli zu essen?

Um die Schweizer Berge zu sehen, muss ich keinen Film drehen. Ich wohne zum Teil selbst in Verbier.

Den Hauptteil Ihrer Karriere erlebten Sie allerdings im Ausland.

Gott sei Dank, es war damals auch nichts los in der Schweiz.

Sie sind ein Weltstar. Wie erklären Sie es sich, dass man Sie in der Deutschschweiz, obwohl sie Baslerin sind, kaum kennt?

Stimmt, in der Romandie nimmt man mich seltsamerweise stärker wahr. Aber ich gehe den Medien aus dem Weg und gebe selten Interviews. Wichtig ist mir, was man tut, nicht was man sagt. Wie sagt man gleich vom Propheten, der im eigenen Land weniger gilt? Das macht mir aber nichts aus, sonst würde ich etwas dagegen unternehmen.

Wünschen Sie insgeheim nicht, dass man zu Hause weiss, wie berühmt Sie in den USA oder Paris sind?

Nein, warum sollte ich?

Vielleicht für Ihre kleine Grossnichte . . .

Das brauche ich nicht. Ich liebe meinen Beruf so sehr, dass ich kein Publikum brauche. Es geht mir einzig ums Metier, das Schauspielen. Im Theater ist es etwas anders, da steht man auf einer Bühne. Aber generell habe ich mich immer mehr versteckt als gezeigt. Ich verdanke der Schweiz und meinen Eltern viel, ich erlebte dort eine glückliche Kindheit und erhielt viel Liebe und Vertrauen; das hat mir eine Ausgeglichenheit und eine positive Grundhaltung zum Leben gegeben – meine Ovomaltine, sozusagen! Aber das reicht mir. Und mit meiner Nichte spreche ich lieber über unsere Familie als über meine Filme.

Sie hatten also Glück im Leben?

Mehr Glück als Talent! Ich war bloss am richtigen Ort zur richtigen Zeit. Einzelne Schauspielfreunde von mir sind sicherlich begabter als ich, doch sie erhalten nicht die Hälfte meiner Engagements. Gewiss, ich habe hart an mir gearbeitet, war sehr diszipliniert, aber da war auch Zufall dabei.

Als 16-Jährige wollten Sie Balletttänzerin werden, mussten diesen Plan aber wegen eines Skiunfalls aufgeben.

Das war Glück im Unglück, denn so bin ich Schauspielerin geworden – und habe damit den Beruf gewählt, den ich heute liebe. Auch zu meiner ersten grossen Filmrolle kam ich zufällig: Ich spielte in einem Theater in New York, und der Regisseur John Schlesinger sass im Zuschauerraum. Er engagierte mich gleich für «Marathon Man», neben Dustin Hoffman.

In diesem Film gibt es eine berühmte Szene, in der Sie eine Agentin spielen und erklären, Sie stammten aus Verbier. Ihr Gegenüber erwidert, dann müssten Sie den Skilehrer X kennen. Sie bejahen – und sind damit entlarvt, da es diesen Skilehrer gar nicht gibt.

Die Idee mit Verbier stammte von mir. Sie kam uns beim Improvisieren. Schlesinger schlug zuerst Zermatt vor, weil er nur diesen Bergort kannte, aber das klang etwas abgedroschen. Da brachte ich Verbier ein, denn dort wohnte ich seit einiger Zeit. Die dortige Tourismusbehörde sollte mir dankbar sein! (Lacht.)

Sonst leben Sie in Paris und New York. Wie erleben Sie diese Metropolen?

New York ist ein Mann, Paris eine Frau. New York strahlt Energie aus, die ansteckend ist, in Paris spaziere ich lieber. In New York hat jeder seine Chance, in Paris sind alle misstrauisch. Ich pendle zwischen beiden Städten, weil ich beide liebe. Ich mag es an beiden Orten, wegzugehen und zurückzukehren.

Sie spielen in Kinofilmen, TV-Produk tionen und auf Theaterbühnen. Worin liegt für Sie der Unterschied?

Das Drehen von Kino- und Fernsehfilmen erlebe ich gleich: In den Filmequipen kommen alle Berufe und sozialen Klassen zusammen, das ist sehr spannend und amüsant. Im Theater hat der Schauspieler eine andere Stellung: Er ist freier, er spricht auf der Bühne, wie er sich gerade fühlt, er macht die Pause oder die Betonung, wann er will. Anders im Film, da gibt der Regisseur alles vor, da werden Sie montiert, geschnitten.

Bevorzugen Sie deshalb Theater?

Ich schätze beides, ich brauche beides. Aber gut, ohne Theater könnte ich nicht leben, ohne Filme vielleicht schon.

Sie haben in New York Mozarts «Don Giovanni» inszeniert. Hat ein Regisseur ein anderes Verhältnis zu Opernsängern als zu Schauspielern?

Bevor der Vorhang hochging, hatte ich fast Bedauern mit den Sängern, weil sie rausmussten auf die Bühne, während meine Arbeit als Regisseurin getan war und ich mich zurücklehnen konnte. Dann fiel mir auf, dass die Opernsänger keine Bühnenangst haben. Die scherzen noch eine Sekunde, bevor sie ins Rampenlicht treten. Theaterschauspieler kriegen es ab fünf Uhr nachmittags mit Lampenfieber zu tun. Was ich auch zu spüren bekam, ist die völlige Einsamkeit des Regisseurs. Ich hätte nicht gedacht, wie hart der Job ist, wie schwierig es ist, allein zu entscheiden, für alles eine Antwort zu haben, für das Ganze die Verantwortung zu tragen. Ich bevorzuge die Schauspielerei. Deshalb übernehme ich keine Opernregie mehr, obwohl ich vier Opern mit Erfolg inszeniert habe und man mir weiter Angebote macht.

Wo denn?

In Wien, Berlin, Rom. Aber ich will nicht mehr.

Welche Rolle würden Sie als Schauspielerin noch gerne spielen?

Die Gutsbesitzerin in Tschechows «Kirschgarten». Daran gefällt mir alles – die Rolle, das Stück, der Autor. Es ist der einzige Traum, den ich noch habe. Das ist das erste Mal, das ich so etwas sage; sonst wünsche ich nie etwas.

Und im Film? Da Sie Marlon Brando und Al Pacino kannten – wären Sie zum Beispiel im «Paten» nicht die bessere Besetzung als Diane Keaton gewesen?

Ich weiss nicht . . . «Der Pate», was für ein fantastischer Film! Hollywood wollte halt eine naive Hauptdarstellerin. Eine typisch amerikanische Besetzung.

Und sonst keine Rollenwünsche?

Früher wollte ich alle Rollen, die Meryl Streep erhielt. Wenn ich ihre neueren Filme sehe, beneide ich sie aber nicht mehr. Heute werden die Rollen solcher Superproduktionen meist durch Spe zialeffekte zugedeckt. Da wird so viel getrickst, dass es kein Vergnügen mehr ist zu spielen. Zudem muss man heute eine Reihe von Tests absolvieren. Gerade jetzt nehme ich den ersten Sprech- und Sprachtest für einen grossen englischen Film auf. Wir sind noch zu zweit in der Endausscheidung, aber ich rechne mir nicht viel Chancen aus.

Wie gehen Sie vor, wenn Sie Ihre Rollen auswählen können?

Meist achte ich auf den dargestellten Charakter und die Rolle, aber manchmal geben auch der Film, sein Thema, zum Teil auch der Regisseur den Ausschlag. Derzeit habe ich noch einen anderen Film im Angebot, aber ich zögere. Das Drehbuch ist gut, die Rolle geht aber zu wenig tief. In meinem Alter bin ich beim Dessert angelangt – ich nehme nur noch, was mir wirklich Spass macht.

Auch kleine Rollen?

Durchaus. Das ist bei meinem dritten hängigen Projekt der Fall. Zumal ich gerade eine französische Grossproduktion hinter mir habe, mit einer starken Rolle – eine Frau, die wahnsinnig wird. Ausserdem übernehme ich gern die Stimme in Dokumentarfilmen, jüngst etwa über die Mahler-Sängerin Kathleen Ferrier, die 1953 gestorben ist.

Sie haben schon eine Terroristin und eine Prinzessin, eine Spionin oder eine Aristokratin gespielt. Ganz schön vielfältig, nicht wahr.

Ich spiele nicht gerne die ewig gleiche Rolle, wie jene Schauspieler, die ständig de gleichen Charakter geben, weil sie gerne so wären. Ich will nicht jemand anderer sein. Und ich bin kein Star, sondern Schauspielerin – ich lese die Rollen nach dem Drehbuch aus und spiele in jedem Film eine neue Rolle.

Stört Sie das heutige Starsystem?

Junge Frauen wollen gar nicht Schauspielerinnen, sondern berühmt werden. Mich interessiert die Arbeit, nicht das Resultat. Sonst gäbe ich auch dauernd Interviews und ginge an Partys. Ich will nicht mal fotografiert werden. Am liebsten habe ich es, wenn man mich in Ruhe lässt. Lesen, träumen, arbeiten, das ist mein Glück. Mein Luxus ist es, Sachen ablehnen zu können, die ich nicht machen will. Das kostet ein wenig Geld; wer fünf Kinder hat, muss auch mal schlechte Fernsehserien drehen. Aber ich lebe allein, mein Sohn ist erwachsen. Abhängig bin ich nur von meiner Unabhängigkeit. (lacht)

Ist das Altern für Schauspielerinnen schwieriger als für männliche Kollegen?

Das glaube ich nicht. Meine Mutter sagte mir schon mit 17: Wenn du einmal keine Pickel mehr hast, kriegst du die ersten Falten. Ich kenne männliche Diven, die sehr schlecht altern, das ist oft pathetisch. Wir Frauen wissen, mit 30 gehts abwärts. In Hollywood geraten sie schon mit 25 auf die schwarze Liste.

Als Sie an der Metropolitan Opera «Don Giovanni» inszenierten, wirkten die Frauenrollen keineswegs wie passive Opfer eines Schürzenjägers. War das Absicht?

Durchaus. Eine Frau weiss genau, was läuft. Manipuliert werden die Männer. Wir Frauen sind Schauspielerinnen. Wenn wir in einen Mann verliebt sind und hören, dass er um zwei Uhr bei der Post vorbeikommt, dann kreuzen wir ihn dort wie zufällig – und tun dann so, als würde er uns den Hof machen. Deshalb liess ich Zerlina in «Don Giovanni» den Schuh absichtlich fallen lassen.

Hier in Paris lautet ein Macho-Spruch «Sei schön und halt den Mund». Bei Ihnen hat man irgendwie eher das Gefühl, dass echte Schönheit auch auf Intelligenz beruht.

Ach so? Auf jeden Fall liegt die Schwierigkeit meines Berufs nicht darin, zu einer Filmrolle zu kommen, sondern sie immer wieder zu erhalten. Und wenn man gerne nachdenkt und sich die Dinge genauer überlegt, dann hält man sich in dem Metier schon viel länger.

Sie hatten mit dem französischen Regisseur Philippe de Broca einen Sohn ...

. . . der auch hier in Paris wohnt, obwohl er zurzeit gerade in Indien ist. Mit seinen zwei Kindern waren wir kürzlich in Basel, weil mein Sohn ihnen zeigen wollte, wo ihre Grossmutter lebte und zur Schule ging, mit dem Stadttheater, dem Zoo, dem Heimweg . . .

Heimweh?

(lacht) Nein, Heimweg von der Schule. Heimweh habe ich nicht, und schon gar nicht nach dem Basler Trämli. Ich mag die Schweizer Städte nicht besonders. Umso mehr die Berge.

Könnten Sie sich vorstellen, Ihren Lebensabend in der Schweiz zu verbringen?

Ja, wegen der Lebensqualität. Aber nur auf dem Land. Vielleicht an einem See oder in den Bergen. Wenn ich in Verbier spazieren gehe, fühle ich mich zu Hause. Höre ich dort Schreckensmeldungen aus Fukushima oder von anderswo, denke ich mir, in Verbier wird es nie zur Katastrophe kommen, wird die Welt nie aufhören! Dort habe ich ein starkes Gefühl von Ruhe und Geborgenheit.

Kann die Bergwelt für Sie als Städterin nicht auch bedrohlich sein?

Gewiss, und ich mag keine schroffen Felswände. Leukerbad käme für mich zum Beispiel nicht infrage. Das Emmental ist mir zu eng. Aber zum Beispiel der Jura. Kürzlich war ich in Weggis, in einem Hotel, da schien die Zeit stillzustehen. Ein wunderschöner kleiner Ort. Zum Frässe!

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