Marc Forster, ist alles okay bei Ihnen? Man konnte lesen, auf dem Set von «World War Z» hätte es beinahe einen schweren Unfall gegeben und Brad Pitt hätte einer Statistin das Leben retten müssen.

Marc Forster:Das habe ich auch gelesen, aber ich habe keine Ahnung, wovon da die Rede ist. Auf meinem Set ist nichts passiert. Vermutlich hat da jemand etwas erfunden…

Solche Geschichten gehören wohl dazu, wenn man mit einem Superstar wie Brad Pitt arbeitet...

Es ist schon speziell. Wir werden fotografiert, wo immer wir drehen – ob Glasgow oder Malta, aber das hatte bisher keine negativen Auswirkungen. Und Brad ist immer sehr ruhig und nett zu den Leuten.

Es sind jetzt zehn Jahre seit Ihrem Durchbruch in Sundance vergangen. Wie haben sich Ihre Kriterien für Stoffe seither verändert?

Die Geschichte muss mich nach wie vor herausfordern – die Möglichkeit des Scheiterns muss da sein. Nur so konnte ich als Filmemacher Fortschritte machen. Für «Machine Gun Preacher» beispielsweise wäre ich vor zehn Jahren noch nicht reif gewesen. Damals hätte ich nur Geschichten gedreht, hinter denen ich inhaltlich stehen konnte. Aber die Welt ist sehr komplex, und damit kann ich heute besser umgehen.

«Machine Gun Preacher» ist die wahre Geschichte von Sam Childers, einem gewalttätigen Ex-Drogendealer, der Gott fand und nun im Sudan Kinderheime baut und sie auch mit Waffengewalt verteidigt. Wohinter können Sie da konkret nicht stehen?

Ich habe sicherlich ein ambivalentes Verhältnis gegenüber Sam Childers. Ich rede ja in Filmen wie «Monster’s Ball» davon, dass Gewalt nur mehr Gewalt hervorbringt und dass man diesen Teufelskreis durchbrechen muss. Aber Sam ist auch eine inspirierende Figur und seine Geschichte sollte erzählt werden. Man kann aus der Ferne natürlich einfach sagen: Ich unterstütze lieber wohltätige Zwecke – vor Ort ist das anders, wenn man die Kinder leiden sieht. Und ich war vor Ort im Sudan. Wenn man nichts tut, ist man genau so schuldig, wie wenn man etwas moralisch Fragwürdiges tut. Vielleicht hilft ja nur Gewalt. Sam sagt auch immer: «Wenn man dein Kind kidnappen würde und ich könnte es zurückbringen, würdest du dann fragen wie?»

Machine Gun Preacher - offizieller Trailer

Machine Gun Preacher - Der offizielle Trailer

Beantworten Sie solche Fragen anders, seit Sie selber eine zweieinhalbjährige Tochter haben?

Wie man in einem solchen Moment reagiert, weiss man erst, wenn es so weit ist, aber ja: «Machine Gun Preacher» hat mich sicher auch so berührt, weil ich Vater bin. Und weil es die Geschichte eines finanziell Machtlosen ist, der sich sagt: Auch ich kann etwas bewegen.

Sie haben sich in Ihrer Arbeit oft mit der Kinderseele beschäftigt. Was entdenken Sie an ihr nun neu, da sie nicht mehr nur Theorie ist, sondern Alltag?

Lia ist jetzt im Alter, wo sie viele Fragen stellt. Direkte Fragen ohne Filter. «Wieso machst du das?», «Wieso dies?» Ganz alltägliche Sachen halt. Und ich überlege mir nun, wieso ich ganz Alltägliches überhaupt mache. Sie lehrt mich auch, mit ihr präsent zu sein – nicht am Telefon oder am Blackberry. Sie nimmt mir das Blackberry aus der Hand und legt es auf den Tisch.

Sie verbringen derzeit mehr Zeit in Zürich als in Los Angeles?

Ja, und sie besuchen mich auf den Sets: Lia war schon in Südafrika bei «Machine Gun Preacher» und nun in Glasgow und London für «World War Z», und im Oktober wird sie nach Budapest kommen. Nach Abschluss der Dreharbeiten bin ich wieder in der Schweiz. Und wenn nicht, skypen wir – da führt sie mir Tänze vor.

Die Karriere läuft super, wie sieht es in Ihrem Privatleben aus?

Wenns im Beruf gut läuft, kommt das Privatleben immer etwas aus dem Gleichgewicht, oder nicht? Denn man verbringt zu viel Zeit damit, den Job zu perfektionieren. Filmemachen ist sehr zeitaufwändig. Was noch übrig bleibt an Zeit, verbringe ich mit meiner Tochter und meiner Familie und Freunden. Ich gehe nicht auf Dates. Ich bin so erschöpft, wenn ich am Abend nach Hause komme, da käme es mir wirklich nicht in den Sinn, noch auszugehen.

In Ihrem Beruf trifft man ja viele Leute bei der Arbeit, da muss man gar nicht ausgehen, um jemanden Neuen kennen zu lernen.

Ja, aber eben: Ich arbeite mit ihnen. Das ist alles. Natürlich wäre eine Partnerschaft schön, aber ich suche das nicht unbedingt. Es muss bei mir auf natürliche Art passieren. Es gibt viele schöne, nette und gescheite Frauen in der Welt. Und ich treffe auch viele Leute, aber die Details müssen ja auch stimmen.

Nämlich?

Je älter man wird, desto mehr unverrückbare Gewohnheiten hat man doch. Ich gehe zum Beispiel gerne früh ins Bett und stehe früh auf, wenn jemand gerne abends ausgeht, passt das nicht. So viele Dinge müssen passen: Eine Partnerin müsste meinen Terminkalender verstehen und die gleiche Lebensvision haben. Und natürlich Humor!

Wie Sie sagen, läuft es für Sie beruflich bestens. Was waren die wichtigsten Momente in den letzten zehn Jahren?

Die Geburt meiner Tochter war sicher etwas Grosses und auch eine grosse Veränderung. Ansonsten: Mit «Finding Neverland» habe ich gelernt, wer ich als Filmemacher bin. «Stay» hat dann nicht funktioniert, was ich von Anfang an gewusst habe, aber ich wollte trotzdem experimentieren. «The Kite Runner» war ein Projekt, das mir sehr am Herzen lag, und «Quantum of Solace» sollte einfach kommerziell sein und die Massen unterhalten. Das war ein sehr schwieriger Film, denn im Gegensatz zu «Casino Royale» basierte dieser Bond-Film nicht auf einem etablierten Roman. Ausserdem drehte ich «Kite Runner» und «Quantum of Solace» nahtlos hintereinander. Wie jetzt «Machine Gun Preacher» und «World War Z» – das ist anstrengend. Aber es macht nach wie vor Spass.

Jetzt sind Sie also mit «World War Z» beim Zombie-Film angekommen – mit Brad Pitt zwar, aber doch ein Zombie-Film. Wieso dieses B-Genre?

Das Genre an sich interessiert mich nicht sonderlich. Ich war sicher kein Zombie-Connaisseur, als mir Brads Plan-B-Produktionsfirma das Buch brachte – ich kannte nur «The Year of the Living Dead», wo sie wie steife Roboter herumlaufen. Aber in «World War Z» sind sie ganz anders gebaut. Zombies sind ja auch eine Metapher für die Schattenseiten der Menschheit. In den Siebzigerjahren prangerten Zombie-Filme das Kommerzdenken an. Zudem kommt der Film im Dezember 2012, am Ende des Maya-Kalenders also, heraus. Das passt doch irgendwie!

Glauben Sie, dass die Welt dann untergeht?

Nein, ich glaube nicht, dass die Welt dann untergeht, aber ich glaube, dass sich die Welt verändert. Wir müssen uns mit den dunklen Seiten, die wir selber geschaffen haben, auseinandersetzen. Ich bin ja ein hoffnungsvoller Mensch: Die Welt mag am Zusammenbrechen sein, die Rohstoffe ausgehen und die Finanzmärkte kollabieren – aber bei einem Forster-Film sieht man am Schluss immer das Licht am Ende des Tunnels!