Film

Magistrale Beobachtung des Alltags

Gerri (rechts) und ihr Sohn hören Freundin Lesley (Mitte) zu.  ho

Gerri (rechts) und ihr Sohn hören Freundin Lesley (Mitte) zu. ho

Mike Leigh erzählt in seinem jüngsten Film «Another year» keine «Geschichte» im herkömmlichen Sinn und doch erfahren wir vieles über Freundschaft und Vergänglichkeit, Leben und Tod.

Die auf etwa Mitte 50 geschätzte Frau ist wohl jünger, als sie aussieht. So, wie sie mit schweren Lidern und tiefen Falten um die Mundwinkel vor ihrer jungen, hochschwangeren Ärztin sitzt, wirkt sie alt und verbraucht. Schlafen möchte sie und nur das. Doch mit Pillen ist es nicht getan.

Nach den vorsichtig insistierenden Fragen ihrer Ärztin wird die Patientin weiter zur Therapeutin Gerri (Ruth Sheen) gelotst – und damit begegnen wir einer Hauptfigur in Mike Leighs Film «Another year». Mit subtiler Hartnäckigkeit leuchtet der englische Regisseur diese Eingangssequenz aus – und bereits da, in diesen ersten Minuten, erahnen wir die lastende Beschwernis einer Unterschicht-Familie. In diesen Momenten wird uns aber auch klar, wie wichtig menschliche Wärme und menschlicher Zusammenhalt sind. Man erschrickt leise – weil Mike Leigh sich auch in seinem jüngsten Werk als magistraler Beobachter des Alltags erweist.

Mike Leighs neuster Streich: «Another year»

Mike Leighs neuster Streich: «Another year»

Dieser Regisseur erzählt keine «Geschichte» im herkömmlichen Sinn und doch erfahren wir – mit dem Einfangen der vier Jahreszeiten – vieles über Freundschaft und Vergänglichkeit, Leben und Tod. Was die depressive Frau (Imelda Staunton hat einen beklemmend intensiven Kurzauftritt) und die Ärztin mit Gerri und deren Mann Tom (Jim Broadbent) verbindet, wird erst nach und nach erhellt. Was uns jedoch sofort auffällt, ist die stimmige, mit wenigen Worten auskommende Beziehung zwischen zwei lange und glücklich verheirateten Menschen, die Dreh- und Angelpunkt eines Freundeskreises sind, der sich in der Wohnküche des Paares einfindet. Dort wird gegessen, aber eben nicht nur. Die Freunde erzählen vielmehr von Alltäglichem (wie etwa einem Autokauf), vor allem aber von ihren Sorgen und misslichen Lebenslagen. Mitunter sind diese derart gross, dass sie einen krassen Gegensatz zum harmonischen Leben von Tom und Gerri bilden. Mary (Leslie Manville), Gerris Kollegin, kämpft nach einer Scheidung mit ihrer Einsamkeit und sucht – mit zu viel Alkohol – verzweifelt nach einem neuen Gefährten. Der übergewichtige Ken wiederum versinkt in Selbstmitleid und Toms Bruder Ronnie (Phil Davis) versteinert nach dem Tod seiner Frau seelisch.

Doch stets sind Gerri und Tom da, um die Freunde aufzufangen: sei es mit einer behutsamen Geste, einem Wort oder einem Schweigen. Das könnte nach selbstgerechten «Gutmenschen» anmuten, doch wer dem wunderbar sublimen Spiel der beiden Leigh-Stammspieler zusieht, denkt gar nicht erst daran.

So verbringen wir denn in «Another year» Frühling, Sommer, Herbst und Winter mit Gerri und Tom; wir sehen ihnen bei der Arbeit im Garten und beim Kochen zu – und wir erleben, wie sie mit ihrem Sohn und ihren Freunden umgehen. Nichts ist spektakulär; alles ist alltäglich, doch wie Mike Leigh von den einfachen Dingen des Lebens ohne jede Anstrengung erzählt – das ist spektakulär.

Another year (UK, 2010) 129 Minuten. Regie: Mike Leigh. Mit: Jim Broadbent, Imelda Staunton, Lesley Manville, Phil Davis, David Bradley. Im Kino ab 6. Januar 2011.

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