Die Schauspielerin Greta Gerwig ist in «Lady Bird» nicht zu sehen, aber ihre Stimme ist in ihrem mit fünf Oscars nominierten Regie-Debüt nicht zu überhören. Wenn die Titelfigur, gespielt von Saoirse Ronan, sich gleichzeitig unterbewertet und überschätzt, erkennt man dahinter die 34-jährige Gerwig aus Filmen wie «Frances Ha» und «Maggie’s Plan». Für «Lady Bird», ihren Erstling als Solo-Autorin und -Regisseurin, hat sie eine Thematik ausgesucht, die sie gut kennt: Erwachsen werden und von einem Künstlerleben in der Grossstadt träumen. Über einen Film als Regisseurin zu sprechen, sei neu für sie, entsprechend sei sie nervös, sagt sie nach der Begrüssung beim Interview-Termin. Aber davon ist bald nichts mehr zu merken.

Greta Gerwig, mit «Lady Bird» zeichnen Sie zum ersten Mal allein als Autorin und Regisseurin verantwortlich für einen Film. Empfanden Sie das als besonderen Kraftakt?

Greta Gerwig: Es fühlte sich an, als würde ich von einer Klippe springen. Ich bin nie in eine Filmschule gegangen, sondern habe meine Set-Erfahrung als Filmschule genutzt: Ich machte jeden Job, den man mich machen liess – ich schrieb, ich spielte, ich inszenierte mit, ich hielt das Mikrofon, ich schnitt, ich stellte die Kamera ein … Als ich mit «Lady Bird» im Herbst 2016 anfing, war ich seit zehn Jahren auf Film-Sets. Zehn Jahre sollten eigentlich genug Schulzeit sein.

Wie viel Autobiografie steckt in «Lady Bird»?

Lady Bird ist eine fiktive, fehlerhafte Heldin, die viel mit mir gemein hat: Ich bin auch aus Sacramento und ging in eine katholische Schule. Aber ich habe meinen Namen nie geändert, färbte meine Haare nicht bunt und war allgemein angepasster. Aber wie Federico Fellini sagt: «Alle Kunst ist autobiografisch. Die Perle ist die Autobiografie der Auster.» Ich wollte mit «Lady Bird» einfach etwas über Heimatgefühle und Familie sagen, das man erst kapiert, wenn man alles aus dem Rückspiegel sieht. Filme wie «Les quatre cents coups» und «Amarcord» haben mich da sehr inspiriert.

Sie lieben das europäische Kino?

Ja, als ich im College «Beau Travail» von Claire Denis sah, habe ich mich in Kino als Kunstform verliebt. Ich hatte vorher noch nie so etwas gesehen. Dass der Film von einer Frau inszeniert war, fiel mir erst am Schluss auf. Ein wichtiger Film für mich war auch «Jeanne Dielman» von Chantal Akerman, denn er zeigte eine Frau, die über lange Strecken langweilige Haushaltsarbeit macht. Diese Aufmerksamkeit für die vielen unsichtbaren Dinge, die Frauen in ihrem Alltag tun, aber die meistens nicht wichtig genug erscheinen, um es in einem Film festzuhalten, wollte ich in «Lady Bird» auch drin haben.

Sie erwähnen Regisseurinnen – nach wie vor eine Rarität in Hollywood: Sie sind erst die fünfte Frau, die in der Kategorie «Beste Regie» für einen Oscar nominiert wurde. Glauben Sie, dass die #MeToo- und #Times-Up-Bewegung etwas daran ändert?

Ich hoffe, es ist das Jahr, von dem wir später sagen werden, dass es die Veränderung brachte. Aus komplizierten und traurigen Gründen, für die wir alle verantwortlich sind. Es braucht die Gemeinschaft, dass sich etwas ändert. Oder wie der Rabbi und Philosoph Abraham Heschel meint: «In einer freien Gesellschaft sind wenige schuldig, aber jeder verantwortlich.» Das letzte Jahr hat mich mit Filmen von Patty Jenkins, Dee Rees, Maggie Betts und Valerie Faris aber auch ermutigt. Es gibt also sicher Lichtblicke.

Wieso glauben Sie, spricht Ihre Geschichte um den Alltag eines Teenagers Menschen verschiedener Generationen an?

Egal, wo ich den Film auf der Welt zeigte, das Publikum erkennt sich und seine Familie im Film. Leute erzählen mir von ihrer Mutter oder ihren Töchtern und ihren Dörfern und Kleinstädten, in denen sie aufwuchsen. Auch Hauptdarstellerin Saoirse Ronan, die ja nicht in Kalifornien, sondern in Irland aufgewachsen ist, hat sich sofort mit den Figuren identifiziert. Und das ist das Beste am Kino: es schlägt Brücken zwischen Kulturen und bringt Menschen einander näher.

Wie sind Sie insbesondere die Tochter-Mutter-Beziehung angegangen, die den Darstellerinnen Saoirse Ronan und Laurie Metcalf Oscar-Nominationen einbrachten?

In den meisten Filmen über Teenager wird die Erwachsenen-Welt als Witz dargestellt, der nebenher läuft. Ich wollte zeigen, dass wenn auf der einen Seite jemand erwachsen wird, auf der anderen Seite jemand loslassen muss und dass das ebenso bedeutungsvoll und schmerzhaft ist. Ich weiss nicht, wieso nicht mehr Filme über die Mutter-Tochter-Beziehung gemacht werden, denn sie ist so reichhaltig und lebendig – voll von Liebe und Konflikt.

Haben Sie diese Erfahrung auch mit Ihrer eigenen Mutter gemacht?

Klar, denn wir sind uns letztlich auch sehr ähnlich, so wie Lady Bird und Marion sich im Film sehr ähnlich sind. Wir sind nicht wie die beiden Filmfiguren, aber als Teenager habe ich meine Mutter schon auch auf die Palme gebracht. Dafür fühle ich mich heute noch schuldig.

Filmtrailer: «Lady Bird»

Filmtrailer: «Lady Bird»

Sie haben «Lady Bird» auch als eine Liebeserklärung an die kalifornische Hauptstadt Sacramento beschrieben …

Ja, denn Sacramento kommt ja sonst auffallend wenig in Filmen vor (lacht). Die Leute denken bei Kalifornien an Los Angeles und San Francisco und vergessen dabei, dass dazwischen ein riesiges landwirtschaftliches Tal liegt, das rund einen Fünftel der USA mit Lebensmitteln versorgt. Sacramento liegt in diesem Tal und repräsentiert, was in Amerika allgemein abgeht – die Mittelklasse und die Jobs, die verschwinden, zum Beispiel. Deshalb muss Lady Birds Vater eine neue Stelle suchen. Als ich Elena Ferrantes vier «Neapolitanische Saga»-Bücher las, wollte ich gleich vier Filme über Sacramento drehen. Ich möchte der Fellini von Sacramento sein! Ich habe die Stadt auch so fotografieren lassen, als wäre es Rom.

Ihr Lebenspartner ist Filmemacher Noah Baumbach, mit dem Sie die Filme «Greenberg» «Frances Ha» und «Mistress America» gedreht haben – bei den letzten beiden haben Sie auch als Co-Autorin gewirkt. Wie ergänzen Sie sich kreativ?

Es fühlt sich manchmal schon an, als lebten wir in einer Filmfabrik. Wir reden viel über unsere Projekte und Filme im Allgemeinen. Mit ihm als Autorin an «Frances Ha» und «Mistress America» gearbeitet zu haben, hat mich natürlich sehr geprägt und dass er einer meiner Lieblingsfilmemacher ist, versteht sich wohl von selbst. Er ist die erste Person, der ich einen Entwurf zeige und deren Meinung mir am meisten bedeutet. Wenn ich ihn lachen höre, wenn er etwas von mir liest, fühlt sich das schon sehr gut an.