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Locarnos Feingeist soll die Berlinale retten

«Ich glaube nicht, dass ich geeignet bin, zumal ich ja kein Deutsch spreche»: Carlo Chatrian, künstlerischer Leiter des Locarno Festivals, in einem Interview im Sommer 2017.

«Ich glaube nicht, dass ich geeignet bin, zumal ich ja kein Deutsch spreche»: Carlo Chatrian, künstlerischer Leiter des Locarno Festivals, in einem Interview im Sommer 2017.

Carlo Chatrian leitet seit 2012 das Filmfestival in Locarno. Nun soll er offenbar in Berlin übernehmen – und einen Kurswechsel einleiten.

Es wäre eine faustdicke Überraschung: Carlo Chatrian soll die Leitung der internationalen Filmfestspiele von Berlin übernehmen. Offiziell wird die Nachfolge des aktuellen Berlinale-Direktors Dieter Kosslick zwar erst morgen Freitag bekanntgegeben. Doch die «Berliner Zeitung» und die «Bild» wollten bereits gestern aus dem Kreis des zuständigen Aufsichtsrats in Erfahrung gebracht haben, dass die Wahl auf Chatrian gefallen ist.

Der 46-jährige Italiener ist in der Schweiz bestens bekannt. Seit 2012 leitet er das Filmfestival in Locarno. Bei den Spekulationen um die Kosslick-Nachfolge fiel zwar immer wieder auch sein Name. Doch Chatrian galt als grosser Aussenseiter. Er hatte sich sogar dem Anschein nach selbst aus dem Rennen genommen. Gegenüber der «Zeit» sagte er im Juli 2017: «Die Berlinale ist ein grossartiges Festival mit viel Potenzial, aber ich glaube nicht, dass ich dafür geeignet bin, zumal ich ja kein Deutsch spreche.» Nichtsdestotrotz, schreibt die «Berliner Zeitung» weiter, habe sich Chatrian nun gegen aussichtsreiche Kandidaten wie Cameron Bailey vom Filmfest Toronto, Bero Beyer vom Filmfest Rotterdam und Rajendra Roy, dem Filmkurator vom Museum of Modern Art in New York, durchgesetzt.

Locarno hält sich bedeckt

Chatrian wollte gestern auf Anfrage keine Stellung zu den Gerüchten beziehen. Der Präsident des Locarno Festivals, Marco Solari, liess einzig verlauten: «Der zuständige Aufsichtsrat wird am Freitag in Berlin zusammenkommen und seinen Entscheid bekanntgeben.»
Für Chatrian wäre der Wechsel vom Tessin in die deutsche Bundeshauptstadt ein bedeutender Aufstieg. Locarno ist zwar das renommierteste Filmfestival der Schweiz, spielt aber europaweit in einer tieferen Liga als die «grossen Drei»: Cannes, Venedig und eben Berlin. Die Berlinale gilt als eines der grössten Publikumsfestivals der Welt und begrüsst jedes Jahr über 300 000 Besucher.

Dieter Kosslicks Vertrag als Berlinale-Direktor läuft im Mai 2019 aus und wird nicht verlängert. Der 70-jährige Deutsche, der das Amt 2001 übernommen hatte, ist in den letzten Jahren wegen seiner durchzogenen Filmauswahl in die Kritik geraten. Prominente deutsche Regisseure hatten in einem offenen Brief gar eine komplette Neuausrichtung des Festivals gefordert.

Ein Händchen für Autorenfilme

Kann Carlo Chatrian diese Neuausrichtung herbeiführen? Der Locarno-Direktor, der immer noch im Bergdorf seiner Jugend wohnt, ist tatsächlich eine Art Anti-Kosslick. Sprich: nicht der Showman, der mit Hollywoodprominenz kokettiert, sondern der feingeistige Cineast, der das Rampenlicht auf der Piazza Grande stets anderen überlasst – seinen Gästen und dem weitaus auftrittsfreudigeren Solari.

Chatrian, der gut vernetzt ist und jedes Jahr Dutzende Festivals auf der ganzen Welt besucht, ist in Locarno nicht unumstritten. Am meisten Lob erhält er jeweils für seine Zusammenstellung des internationalen Wettbewerbs. Der ehemalige Filmkritiker hat ein Händchen dafür, spannende Autorenfilme aus kleineren Filmnationen ans Festival zu holen. Unter seiner Ägide war 2014 beispielsweise das fünfstündige Schwarz-Weiss-Epos «From What Is Before» des philippinischen Regisseurs Lav Diaz ausgezeichnet worden.

Chatrians Programm für die 8000 Zuschauer fassende Piazza Grande dagegen war oft eine Enttäuschung: Statt publikumswirksamen Blockbustern tischte er oft zweitklassige Hollywoodfilme und Euro-Kitsch auf, statt heutiger Stars begrüsste er als Gäste fast ausschliesslich Stars von gestern. Den Beweis, dass er den Spagat zwischen Kunst und Kommerz meistern kann, muss Chatrian erst noch erbringen. Die Ansprüche in Berlin, wo man um den Anschluss an Cannes und Venedig bangt, sind hoch.

Dem Vernehmen nach soll Chatrian bereits auf Februar 2019 hin zur Berlinale wechseln und während Kosslicks letztem Festivaljahr eingearbeitet werden. Das diesjährige Locarno Festival (1.-11.8.) wäre demnach sein letztes. Mit Nadia Dresti, die dort 2017 überraschenderweise als Ko-Direktorin installiert wurde, stünde die designierte Nachfolgerin schon bereit.

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