Dokfilm

Liebesleid vor laufender Kamera

Christian Frei filmt seine Protagonisten bewusst nüchtern.HO

Christian Frei filmt seine Protagonisten bewusst nüchtern.HO

Christian Freis wird im Dokumentarfilm «Sleepless in New York» den Emotionen der Protagonisten nicht immer gerecht.

In der einen oder anderen Form kennen wir sie alle: Die Liebeskrankheit, das Verzweifeltsein bei einer unerwiderten Zuneigung, die Ohnmacht, wenn man von seinem Partner verlassen wird. Der gestandene Dokumentarfilmer Christian Frei hat sich darüber gewundert, dass es zu diesem intensiven Gemütszustand noch keinen Dokumentarfilm gibt. Und er hat sich an die Arbeit gemacht.

Natürlich sind ausserordentliche Gefühlsregungen die Würze eines jeden Films – aber lassen sie sich wirklich isolieren und spezifisch zum Thema einer abendfüllenden Filmdokumentation machen? Christian Frei hat sich für sein Projekt an die US-Anthropologin Helen Fisher gewandt, die mehrere Bücher zum Thema geschrieben und das Phänomen auf seine biologischen, chemischen und neuronalen Wirkungsweisen untersucht hat. Etwa, indem sie die Hirnaktivität von unglücklich verliebten Menschen mit bildgebenden Verfahren auswertet.

Menschen mit Liebeskummer

Gleichzeitig hat Christian Frei aber auch in sozialen Netzwerken und anderswo nach Menschen gesucht, die zum Zeitpunkt der Dreharbeiten unmittelbar einem Liebeskummer ausgesetzt waren und sich bereit erklärten, ein Tagebuch darüber zu führen und sich filmen zu lassen. Drei Menschen wurden ausgewählt: zwei Frauen um die dreissig und ein Mann um die fünfzig. Ihre für das Projekt geschriebenen Tagebucheinträge bildeten das eigentliche Gerüst der Porträts.

Frei hat also an alles gedacht: Er hat mit Helen Fisher eine charismatische Expertin an Bord sowie drei betroffene New Yorker, die mit dem Problem auf ihre jeweilige Weise umzugehen versuchen. Und er hat natürlich uns, das Publikum, die wir alle mindestens einmal in unserem Leben mit dieser Problematik konfrontiert waren, falls wir es nicht gerade wieder einmal sind.

Als Zuschauer kommt man ganz generell nicht umhin, das Gezeigte und Gesagte mit der eigenen emotionalen Biografie in einen Zusammenhang zu stellen. Gewisse Erfahrungen teilt man, andere nicht. Einzelne Aussagen von Helen Fisher frappieren und leuchten ein, andere empfindet man als trivial.

Weit problematischer als die Erklärungen der mediengewandten Populärwissenschafterin sind jedoch die zahlreichen Szenen mit den aufgeschürften Protagonisten, die naturgemäss sehr weit in deren Intimität hineinreichen und sie nicht immer von ihrer vorteilhaften Seite zeigen. Zu ihnen hat Christian Frei eine starke persönliche Beziehung aufgebaut, wie er im Interview mit der «Nordwestschweiz» bestätigt: «Ich habe durch die Tagebücher noch intimere Sachen erfahren von diesen Menschen. Die ausgewählten Passagen nahmen wir als Basis und haben sie vor laufendem Mikrofon abgeändert und weiterentwickelt, während die Emotionen wieder hochkamen. Die Protagonisten haben den Rohschnitt gesehen und sind begeistert vom Ergebnis.»

Betreuung geht an die Substanz

Natürlich zeigt Frei seine vom Liebesglück verlassenen Subjekte nicht nur in der tiefsten Misere, er begleitet sie auch bei ihren Versuchen, das Problem mehr oder weniger aktiv zu bewältigen. Für das Publikum ist ihre Offenheit vor der Kamera oft rührend, bisweilen lehrreich, manchmal witzig, manchmal auch leicht unangenehm. Wer selbst schon liebeskranke Menschen betreut hat, weiss, dass es an die Substanz geht.

Frei filmt das alles bewusst nüchtern, mit atmosphärischer Musik, weitgehend ohne seine Bildsprache effekthascherisch der inneren Verzerrtheit seiner Figuren anzupassen. «Es gibt ja so viele schlechte TV-Formate in dieser Hinsicht, so viel unwürdiges Zeugs. Ich arbeite lieber auf Augenhöhe mit den Menschen, mit Respekt», erklärt Frei seinen Verzicht auf dramatische Überspitzungen.

Dass sich Frei von jeglichen Reality-TV-Ansätzen distanziert, liegt für einen Dokumentarfilmer auf der Hand. Es führt aber auch dazu, dass «Sleepless in New York» – rein auf der technischen Ebene – etwas konventioneller wirkt, als er es sein müsste. Gerade aufgrund der Thematik, die vom Drang zum Stalking und von Selbstmordgedanken bis zu einer pathologisch verstärkten Wahrnehmung reicht, hätte Frei gemeinsam mit seinen Protagonisten noch weit radikalere, freiere künstlerische Lösungen jenseits des Dokumentarischen finden können. Vielleicht hätte er seinen Mitstreitern in ihrem ganzen emotionalen Tumult, ihren Ängsten, Fantasien und Hoffnungen sogar einen noch grösseren Gefallen getan.

Sleepless in New York (CH 2014) 90 Min. Regie: Christian Frei. QQQQQ

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1