«Spencer» im Kino
Dreitagekrieg im Königshaus: Die schlimmsten Weihnachten für Prinzessin Diana

So kam es zur Trennung – die dramatischsten Weihnachtstage für Prinzessin Diana gibt es nun als Film. Wird «Spencer» der Figur gerecht?

Daniel Fuchs
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Gute Wahl, tolle Performance: Kristen Stewart spielt in «Spencer» eine sehr verletzliche und in die Enge ge­triebene Lady Di.

Gute Wahl, tolle Performance: Kristen Stewart spielt in «Spencer» eine sehr verletzliche und in die Enge ge­triebene Lady Di.

Bild: DCM Film

Symmetrie total, kein Grashalm zu lang: So steht das königliche Gut Sandringham da. Eine Vorfahrt, ein Treppenaufgang, Motorengeräusch. Es ist Dezember 1991, ein Militärkonvoi nähert sich. Landrovers, Truppentransporter. Ist es die Vorhut? Fahren als nächstens Panzer vor und kommt es zu einer Schlacht in den weiten Feldern rund um das Gut?

Nein, eine Brigade Armeeköche reiht sich auf. Holzkisten werden ins Innere des Guts geschleppt. Statt Kriegsmaterial lagern darin frisches Gemüse, Obst, Hummer und feinste Tropfen. Die Schlacht fürs royale Weihnachtsfest kann beginnen. Auf Einladung der Queen findet sich nach und nach die ­gesamte britische Königsfamilie auf Sandringham ein.

«Es sind nur drei Tage»: Diana macht sich selbst Mut und erlebt einen Horrortrip. Das ist «Spencer».

Quelle: DCM Film / Youtube

Drehort war ein Schlosshotel im deutschen Taunus. So durchorchestriert wie die Feier des britischen Königshauses ist auch dieser neue Film des chilenischen Regisseurs Pablo Larraín. Die Eröffnungssequenz, begleitet von disharmonischen Geigentönen, wechselt sich ab mit den Aufnahmen einer Blondine, die in derselben Gegend im Porsche über Feldwege fährt und nach ihrem Ziel sucht. Diana Spencer, Lady Di, die Prinzessin von Wales fährt ans royale Weihnachtsfest – ins Familiengemetzel.

Eine Prinzessin am Hof wie ein Fremdkörper

Larraín, der schon mit dem Film «Jackie» über die Witwe des 1963 ermordeten US-Präsidenten JFK einen sehr erfolgreichen Film über eine spannende Frau drehte, legt nun mit «Spencer» einen Film über eine Ikone des 20. Jahrhunderts nach. Die Amerikanerin Kristen Stewart schlüpft in die Rolle von Prinzessin Diana.

«Spencer» konzentriert sich auf die Weihnachtstage 1991. «Es sind bloss drei Tage», sagt Diana im Film zu sich selbst, nachdem sie den Weg nach Sandringham doch noch gefunden hat. Komm schon, Mädchen, das stehst du durch, will das heissen. Doch wird sie die drei Tage nicht gut überstehen, immerhin aber zu sich finden und einen Entscheid treffen, um sich und ihre beiden Söhne vor der bedrohlichen Königsfamilie zu retten.

Auch in die Enge getrieben, aber mit einem kämpferischen Auftritt: die echte Diana im BBC-Interview 1995.

Auch in die Enge getrieben, aber mit einem kämpferischen Auftritt: die echte Diana im BBC-Interview 1995.

Bild: Alamy

Denn 1991 entschied Diana, sich von ihrem Mann Charles, dem Prince of Wales, zu trennen. Vier Jahre später reichte dieser die Scheidung ein, sie selbst sagte im legendären und skandalösen Interview mit der BBC:

«Wir waren zu dritt in dieser Ehe, es war ein bisschen dicht gedrängt.»

Und spielte damit auf Charles’ Affäre mit Camilla Parker Bowles an. Dianas Aussagen erschütterten das Königshaus. Das öffentliche Interesse an ihr kulminierte schliesslich im tragischen Ende: Am 31. August 1997 ziehen Retter Lady Di in Paris aus dem Mercedes-Wrack, in dem sie mit ihrem Freund Dodi al-Fayed sass. Diana lebt noch, Al-Fayed und der Fahrer, der den Unfall auf der Flucht vor Paparazzi verursachte, sind auf der Stelle tot. Stunden später hört das Herz der Prinzessin auf zu schlagen.

Sechs Jahre zurück, in die Zeit des neuen Films: Die Prinzessin hält ihren Porsche an einer Tankstelle, betritt ein Café und muss nach dem Weg zum königlichen Gutshaus fragen. Kristen Stewart, noch zierlicher gebaut als Lady Di, wirkt zerbrechlicher und verletzliche wie nie. Die drei kommenden Tage werden für sie zur Tortur.

Natürlich kommt sie zu spät, niemanden am königlichen Hof verwundert das, doch ein eisiger Wind schlägt ihr entgegen. Die feindliche Stimmung verkörpert am treffendsten der Zeremonienmeister. Der Kriegsveteran, hervorragend gespielt vom britischen Charakterdarsteller Timothy Spall, wacht mit einer furchteinflössenden Strenge über das Benehmen der Royals. Und wie es der Brauch will, misst als Erstes das Gewicht der Prinzessin. Ob Queen, Prinz oder Prinzessin – jedes Familienmitglied muss vor und nach der weihnachtlichen Zusammenkunft auf die Waage. Schliesslich soll niemand ohne ein paar Pfund mehr auf der Hüfte Sandringham verlassen.

Für Diana bedeutet das Weihnachtsgelage pro Gang eine neue Garderobe. Dazwischen erbricht sie sich auf der Toilette, erleidet Nervenzusammenbrüche, büxt nächtlich aus und besucht das verlassene Gut ihrer Eltern ganz in der Nähe, in dem sie aufgewachsen ist. In diesen albtraumhaften Sequenzen, von einem brutalen Soundtrack in die Köpfe der Zuschauer gehämmert, wächst Dianas Entschluss, diesem Leben den Rücken zu kehren.

Das ungebrochene Interesse an den Royals geht auf Diana zurück

Erinnerungen werden wach an das bekannteste Interview des letzten Jahres mit Prinz Harry und Meghan Markle. Oprah Winfrey konnte das Paar befragen, nachdem es von seinen royalen Pflichten zurücktrat. Meghan erklärte, an Depressionen und Suizidgedanken zu leiden. Wiederholte sich da gerade die Geschichte?

Wiederholt sich die royale Geschichte? Prinz Harry und Meghan Markle nach ihrem Rücktritt bei Oprah Winfrey.

Wiederholt sich die royale Geschichte? Prinz Harry und Meghan Markle nach ihrem Rücktritt bei Oprah Winfrey.

Bild: AP/Keystone

Ein Quotenknüller war auch schon das Interview Dianas mit der BBC. Es inspirierte Regisseur Larraín zu seinem Film und zeigte eine Diana in all ihren Facetten. Bedrängt und verängstigt drehte sie den Spiess um und stellte sich dem Journalisten durchaus auch kämpferisch. Das Interview flog der BBC später um die Ohren, als bekannt wurde, dass der BBC-Mann Martin Bashir die Bereitschaft Dianas mitzumachen, erschlichen hatte. Die Quote aber stimmte und steht sinnbildlich für das beispiellose Vermarktungspotenzial der Royals. Kein anderes Königshaus sorgt für mehr Klicks und mehr Einnahmen.

Aufsehenerregende Interviews hier, Verfilmungen dort: Die TV-Serie «The Crown» beleuchtet Generationen der royalen Familie, gilt als eine der erfolgreichsten Netflix-Serien überhaupt und natürlich spielt das Drama um Diana und Charles eine zentrale Rolle. Bei den Royals ist einfach alles drin: Liebe, Glanz, Prunk, Verrat, Tod.

Dem Katalog fügt nun Pablo Larraín etwas Thrillerhaftes hinzu. Diana durchläuft in «Spencer» einen Horrortrip. Mit einem optimistischen Ende, nur vorerst freilich. «Spencer» triggert bei Zuschauern jene mulmigen Gefühle, die sich einstellen bei Persönlichkeiten, deren tragische Geschichte bei allen präsent ist. Wer weiss schon, welchen Gang die Geschichte um Diana genommen hätte, wäre sie an Weihnachten 1991 weniger in Bedrängnis geraten?

«Spencer»steht für Ausbruch einer Frau aus einer Enge, in die sie viel zu jung hineingeraten ist und der sie sich als befreite Frau später entschieden und konstruktiv entgegenzutreten wagte. Und deshalb, wenn auch bei einem Unfall, viel zu früh gestoppt wurde.

Kristen Stewart spielt diese Frau so verletzlich, dass es schon fast schmerzt. Bis man realisiert: Das ist nur eine punktuelle, dafür grossartige Darstellung der Leidensgeschichte einer der wichtigsten Frauenfiguren unserer Zeit. Mit ihrer Rolle schickt sich Stewart ins Rennen um einen Oscar.

Spencer (GB 2021, 111 Min.); Regie: Pablo Larraín; ab Donnerstag im Kino.

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