Kino
«The Last Duel» von Ridley Scott: Was steht im Zentrum, die Frau oder die Schlacht?

Das Drehbuch zu Scotts Mittelalterepos haben Ben Affleck und Matt Damon geschrieben – hauptsächlich jedenfalls –, und natürlich spielen beide auch mit. Ein feministisches Thema verpackt in einen Ritterkampf auf Leben und Tod.

Regina Grüter
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Jean de ­Carrouges (Matt Damon, rechts) setzt im Kampf gegen Jacques LeGris (Adam Driver) auch das Leben seiner Frau aufs Spiel.

Jean de ­Carrouges (Matt Damon, rechts) setzt im Kampf gegen Jacques LeGris (Adam Driver) auch das Leben seiner Frau aufs Spiel.

Bild: Disney

Beim Sex ist es so. Alle daran Beteiligten müssen ihr Einverständnis geben, sonst läuft nichts. Das Mittelalterepos «The Last Duel», hauptsächlich geschrieben von zwei Männern (Ben Affleck, Matt Damon) und inszeniert von einem Mann (Ridley Scott), fügt sich unerwartet ein in die Debatte um die Reform des Schweizer Sexualstrafrechts: «Ja heisst Ja» oder «Nein heisst Nein».

Matt Damon mit Vokuhila-Frisur, Ben Affleck mit kurzem, blond gefärbtem Haar – das ist eigentlich das einzig Lustige an diesem Film, der alles in einem ist: Schlachtepos, Analyse der Macht- und Gesellschaftsstrukturen sowie Kampf einer Frau um ihr Recht auf die Wahrheit.

Das Drehbuch basiert auf der überlieferten Geschichte des Ritters Jean de Carrouges (Matt Damon). Zwei Freunde, der Ritter und sein Knappe, werden Feinde. Der eine, der Knappe Jacques LeGris (Adam Driver), der im Günstlingsumkreis des Grafen Pierre d’Alençon (Ben Affleck) aufsteigt, vergewaltigt die Frau des anderen. Die Frau, Marguerite de Carrouges (Jodie Comer), erzählt ihrem Mann davon. Sie habe ihn gedemütigt, erwidert er.

Das Ehepaar zieht gegen Jacques LeGris vor Gericht – Jean, um seine Ehre wiederherzustellen, Marguerite, weil sie die Wahrheit öffentlich machen will.

Die Männer sehen sich schliesslich auf dem Turnierplatz wieder, zum Kampf auf Leben und Tod. Ende 1386 fand in Paris der letzte Zweikampf statt, von dem sich das Gericht ein Gottesurteil erwartete: Recht sollte haben, wer siegen würde.

Ben Affleck erhofft sich Empathie durch eine weibliche Perspektive

Die Farben sind dunkel, eisern fast. Sogar das Blut, das den Männern nach gekämpfter Schlacht im Gesicht klebt, ist mehr schwarz als rot. Es waren dunkle, brutale Zeiten.

Die gedrückte Stimmung wird im ganzen Film von düsteren Farben begleitet.

Die gedrückte Stimmung wird im ganzen Film von düsteren Farben begleitet.

Bild: Disney

«Gladiator»-Regisseur Ridley Scott setzt auch in diesem Historienepos auf einen authentischen ­visuellen Stil, wozu natürliches Licht – Kerzenlicht in Innenräumen – gehört. Mittelalterliche Kampf- stehen im Wechsel mit stillen Szenen, in denen sich die Charaktere entfalten können. Der dramaturgische Aufbau ist klug und ungewöhnlich für einen Hollywoodfilm. Nacheinander wird die Geschichte aus der jeweiligen Perspektive der drei Hauptfiguren erzählt.

Das Schauspielensemble muss die Perspektivenwechsel mit feinsten ­Nuancen glaubhaft machen. Das gelingt hervorragend. Matt Damon nimmt man den grobschlächtigen, aber gutmütigen Soldaten genauso ab wie den von Rache getriebenen, gefühlskalten Egozentriker. Das Zwielichtige hat Adam Driver drauf; er ist als loyaler Freund ebenso glaubwürdig wie als narzisstischer Opportunist.

Und Ben Affleck, als dekadenter Graf in einer Nebenrolle, ist quite amusing.

Bleibt ­Jodie Comer. Ihr Spiel ist am subtilsten, muss es sein. Doch ist sie die einzige ­Figur, die durch und durch integer bleibt. Als ob das Opfer, das sich selbst ermächtigt, null Angriffsfläche bieten dürfte.

Ein Affleck-Damon-Scott-Vehikel zieht ein diverses Publikum an. Vielleicht muss man dem einen oder an­deren erklären, dass Sex verbale oder nonverbale Zustimmung erfordert. Marguerites Wahrheit sei die Wahrheit, heisst es eingangs des letzten Kapitels – es zu schreiben, haben Affleck und Damon an Nicole Holofcener abge­geben. Das wirkt fast ein bisschen anbiedernd.

Hinter dem Film, der «The Last Duel» heisst, steckt halt doch mehr als ein Endkampf zwischen zwei Männern. Das kommt aber alles etwas spät.

Ben Affleck spricht von der männlichen Perspektive in Bezug auf Frauen und was davon bis ins 21. Jahrhundert überdauert hat. Holofcener wollte einfach die Geschichte von Marguerite de Carrouges wahrheitsgetreu erzählen, an #MeToo habe sie dabei nicht sehr gedacht.

Die Klammer des Films bildet das Duell. Wie die Leute mit einem feministischen Thema bei der Stange halten? Indem man ihnen verspricht, dass am Ende schon noch der Ritterkampf kommt, Mann gegen Mann, bis einer stirbt. Damit hinterlässt «The Last Duel» ein zwiespältiges Gefühl.

Video: Youtube

«The Last Duel» (USA/GB), 152 Min., R.: Ridley Scott, ab 14. Oktober im Kino.

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