Kino ist mehr als der Sog grosser, über die Leinwand flimmernder Erzählungen und mehr als der gebannte Blick aus gepolsterten Sesseln. Kino ist Tradition und Innovation, ist Industrie und Traum. Es bewirbt unsere Vorstellungen von Schönheit und Erfolg und kostümiert die Rollen der Geschlechter. Es entführt in andere Welten und mutet uns aus nächster Nähe Glück und Dramen zu. Kollektiv lachen und weinen wir in der Anonymität der Verdunkelung, während Feindbilder und Sehnsüchte über die Leinwand flackern. Und nicht zuletzt gönnen uns die zeitlich gestrafften, von Extremsituationen beschleunigten Storys Unterhaltung – und damit eine Pause von uns selbst.

Solche und andere Facetten greifen die 30 Künstlerinnen und Künstler auf, die das Aargauer Kunsthaus zur Schau über die Unwiderstehlichkeit des Films aufbietet. «Cinéma mon amour» lässt «Hiroshima mon Amour» anklingen, jene Fiktion einer Liebe, die Alain Resnais 1959 mit Marguerite Duras realisierte. Und schon ist man mittendrin in der Faszination für die grosse kulturelle Leistung, die in ihrer sinnlichen Opulenz immer gleichzeitig auf Überlieferung und auf jetziges Erleben baut.

Extreme Verdichtungen

Zwei Diven machen den Auftakt zum Parcours in die Realität der Projektionen. Der Österreicher Martin Arnold stellt die Kontrahentinnen aus «All about Eve» (1950) als Diptychon einander gegenüber. Die Konzentration auf die Köpfe porträtiert das biedere Frauenbild der Nachkriegsjahre und zwei Darstellerinnen, deren psychische Verfassung sie in einer stummen Spannung verharren lässt.

Geschätzte zwei Stunden später – die Ausstellung braucht Zeit – wird der Rundgang auch in Reduktion enden: Als Abspann rollt Mark Wallinger die Menschengeschichte auf. Da kommt, im reinen Schriftbild, Gott, gefolgt von Adam, Eva, Kain, Abel und so fort. Die alttestamentarische Geschlechterfolge endet bei Jesus. Die Projektion des 35-Millimeter-Films wäre schwarz, aus und vorbei, würde nicht Richard Strauss’ orchestrale Festmusik das profane Leben weiter untermalen.

Dekonstruierter Glamour

Dass Künstlerinnen und Künstler die Überwältigung von Bild und Ton nutzen, wenn sie den Starkult oder Publikumserwartungen untersuchen, ist ein Glück dieser Schau: Sie feiert das Kinematografische. In unterschiedlichen Intensitäten und medialer Vielfalt schenkt sie Erlebnisse, in denen auch das eigene, biografische Skript zum Kino aufgehoben ist.

Verkürzt auf die Einstellungen, in denen nur die Hauptdarsteller sprechen, werden auch die Begehrtesten zum Overkill: Sharon Stone oder Clint Eastwood zerfallen vor unseren Augen, wenn jede Interaktion ausbleibt und Chauffeure, Widersacher und Geliebte zu ihrer Staffage verkommen.

Eine treffsichere Dekonstruktion vom Bild unserer Stars betreibt Candice Brice nicht nur in Hollywood, sondern auch im indischen Pendant. Kinder in Bollywood mimen mit Interviewzitaten ihren berühmtesten Filmschauspieler. Grosse Rhetorik spricht aus kindlicher Verkleidung, in den Stolz der hübschen Hoffnungsträger mischt sich Ironie: «I would give my life to be a star for the rest of my life!»

Internationaler Massstab

Englische Sprachkenntnisse sind von Vorteil auf dem Weg durch Haupt- und Untergeschoss. Aus der Auswahl der Werke spricht auch Aaraus Ambition, die Kooperation mit den Solothurner Filmtagen an die aktuelle internationale Szene der Kunst heranzuführen – und die Investitionen zu tätigen, die auch den grössten Kinematografen heutiger Kunst eine Bühne bieten. Keine Geringeren als die Galerien Hauser & Wirth, Eva Presenhuber oder Marian Goodman bilden ein unsichtbares Rückgrat der kostspieligen Leihgaben und Installationen.

Der Kanadier Stan Douglas hat sich mit seiner filmisch äusserst präzisen Erzählweise einen Namen gemacht. Wie frühere Arbeiten nimmt uns auch seine jüngste Sechs-Kanal-Videoinstallation «The Secret Agent» in die Mitte eines raumfüllenden Thrillers: Filmplot und Sprechtheater, Hommage und Aktualisierung einer politischen Fiktion aus den 1970er-Jahren sind verzahnt in simultane Projektionen.

Private Nebengeräusche

Als Highlight empfiehlt sich «Paradise Institute» des Künstlerduos Jennifer Cardiff und George Miller. Die verkleinerte Maquette eines ‹richtigen› Kinos hält eine räumliche, vor allem aber akustische Überraschung bereit. Hyperreal lässt eine Tonspur den ganz gewöhnlichen Alltag mit der Bildwelt auf der Leinwand zusammentreffen. Knirschendes Popcorn im Kiefer des Sitznachbarn, ein Mobiltelefon in der hinteren Reihe: beiläufige Kurzgeschichten aus dem privaten Hinterland konkurrenzieren mit den grossen Stoffen auf der Leinwand. Auch das – unbedingt! – ist Kino.

Cinema mon amour Aargauer Kunsthaus, Eröffnung Samstag, 21. Januar, 17 Uhr (Laufzeit mit Rahmenprogramm bis 17. April).