Thriller
Ketzer! Terroristen! Homos! «Baghdad In My Shadow» spricht heikle Themen an

«Baghdad In My Shadow» ist eine internationale Koproduktion zwischen der Schweiz, Deutschland und England mit Drehtagen in allen Ländern. Der Regisseur zielt auf die Schnittstelle zwischen Westen und Osten, sein Film soll vermitteln.

Lory Roebuck
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Der irakische Nachtwächter Taufiq (Haytham Abdulrazaq) wird von einem britischen Polizisten (Felix Scott) verhört. Fotos: Mario Heller

Der irakische Nachtwächter Taufiq (Haytham Abdulrazaq) wird von einem britischen Polizisten (Felix Scott) verhört. Fotos: Mario Heller

Mario Heller

Nur schon beim Zuschauen schnürt es uns den Atem ab. Von aussen blicken wir in einen kleinen, engen Raum hinein, in dem gerade gefilmt wird. Eine klassische Verhörszene. Platz um den zentralen Tisch haben nur Regisseur Samir, seine Kameracrew und seine drei Darsteller. Ihr Sprechpegel hebt sich nicht über ein Flüstern. Lauter, und die Wände könnten zusammenfallen. Beklemmung pur.

«Sie lügen uns doch an», sagt einer der beiden Polizisten und bückt sich bedrohlich nahe an unseren Filmhelden heran: Taufiq, ein alter Iraki mit Krawatte und erschöpften Falten im Gesicht. Der Polizist lässt nicht locker: «Sie haben den Jungen mehrmals in diese Salafisten-Moschee gebracht. Sie wissen doch, dass der Prediger dort ein Psychopath ist, der seine Gefolgsleute zum Mord an Homosexuellen anstiftet!» Taufiq senkt seine Augen.

Regisseur Samir gibt Anweisungen auf dem Filmset in Zürich.

Regisseur Samir gibt Anweisungen auf dem Filmset in Zürich.

Mario Heller

«And, cut», ruft Samir – und wir können wieder atmen. Der Zürcher Filmemacher mit irakischen Wurzeln arbeitet erstmals seit «Snow White» (2005) wieder an einem Kino-Spielfilm: «Baghdad In My Shadow», ein Thriller. Die Idee zum Film kam Samir vor sieben Jahren. «Ich hatte drei Figuren im Kopf: einen Homosexuellen, eine Ehebrecherin und einen Gottlosen. Also drei muslimische Tabubrecher.»

Tabuthema Homosexualität

Das birgt Zündstoff. «Über Homosexualität darf im Irak nicht öffentlich gesprochen werden», sagt Taufiq-Darsteller Haytham Abdulrazaq. Wer anders sei, gegen den werde oft mit Gewalt vorgegangen. Seine Co-Darstellerin Zahraa Ghandour erzählt, dass kürzlich ein junger Schauspieler im Irak ermordet wurde, weil er schwul war. Und er sei bei weitem nicht das einzige solche Opfer. «Solche Fälle müssen auf den Tisch», fordert Ghandour, «doch die Polizei in Bagdad geht diesen Morden nicht nach, weil Homosexuelle in ihren Augen dieses Schicksal verdienen.»

Der Homosexuelle im Film, dessen Handlung in London angesiedelt ist, ist Muhanad, ein junger Flüchtling, der für etwas Kleingeld den Computer des Hasspredigers repariert. Samir zeigt uns auf seinem Monitor eine bereits abgedrehte Filmszene: Muhanad besucht Taufiq und erzählt ihm, dass er auf dem Computer des Hasspredigers westliche Pornos entdeckt hat. Die beiden lachen.

Taufiq ist in Samirs symbolisch aufgeladener Figurenkonstellation der Gottlose: ein Dichter, der – wenn er nicht gerade verhört wird – als Nachtwächter im British Museum arbeitet, quasi ein Hüter der Kultur seines Landes. Die Dritte im Bunde ist Ghandours Filmfigur Amal, eine ehemalige Architektin, die von ihrem gewalttätigen Ehemann nach London geflüchtet ist und dort nun einen Engländer liebt.

Samir sagt, er habe erst während des Castings wirklich gemerkt, wie heikel sein Filmstoff ist. Drei irakische Darstellerinnen sagten ihm ab, weil sie in einer Filmszene über die sexuellen Vorlieben zweier muslimischer Männer hätten witzeln sollen. «Viele im Irak, die mein Drehbuch lasen, sagten mir: ‹Super! Aber spinnst du eigentlich, uns das vorzulegen?›»

Zahraa Ghandour musste mit sich selbst ringen, bevor sie die Rolle der Amal annahm. «Es ist eine Herausforderung, eine irakische Frau zu spielen, die nach ihren eigenen Wünschen lebt und liebt. Sich scheiden zu lassen, oder unverheiratet alleine zu leben – diese Optionen existieren in unserer Gesellschaft nicht.» Die Rolle habe ihr Angst bereitet, doch Ghandour findet es wichtig, eine muslimische Frau zu verkörpern, die ihr Leben in die eigenen Hände nimmt.

«Baghdad In My Shadow» (Budget: 4 Millionen Franken) ist eine internationale Koproduktion zwischen der Schweiz, Deutschland und England mit Drehtagen in allen Ländern. In Zürich entsteht die lange Verhörszene, die sich wie ein roter Faden durch den Film ziehen wird. Wie es zu Taufiqs Verhaftung kam, zeigt Samir dann in sprunghaften Rückblenden, die er in Köln, London und Bagdad dreht. «Ich gebe nichts auf all jene Lehrbücher, die sagen, dass man einen Film geradlinig erzählen muss», lacht Samir – und verspricht ein hohes Filmtempo mit ruhigen Momenten dazwischen.

Vom IS verführt

Hauptschauplatz von «Baghdad In My Shadow» ist das Café Abu Nawas in London, ein Mikrokosmos, in dem die Schicksale der verschiedenen Exil-Irakis aufeinandertreffen. Während Taufiqs kommunistische Freunde – darunter die rüstige Samira, die einer von Samirs Tanten nachempfunden sein soll – dort alten Zeiten nachtrauern, bringt ein anderer Gast eine Extraladung Sprengstoff in die Runde: Nassir, Taufiqs junger Neffe, der sich in der Salafisten-Moschee zunehmend radikalisiert.

Samir sagt, auch er habe Bekannte, die sich um ihre Söhne und Neffen Sorgen machten. Dass junge Irakis alleine wegen ihres problematischen sozialen Umfelds in die Arme des IS getrieben werden, greift für den Filmemacher als Erklärung allerdings zu kurz. Samir ortet vielmehr eine inhärente Unzufriedenheit bei jungen Menschen, die auch ihm nicht fremd ist. «Das kenne ich aus meiner eigenen Jugendzeit. Meine Ideologie unterschied sich zwar von jener Nassirs im Film, doch meine Gefühlswelt, meine Abneigung nach aussen war in diesem Alter ähnlich.»

Die Mischung im Café Abu Nawas ist explosiv. Was alle Filmfiguren verbindet, ist ihr Kampf, sich von ihrer schwierigen Vergangenheit zu lösen, die an ihnen wie ein böswilliger Schatten klebt. Samirs Filmtitel spielt aber auch auf jenen Schatten an, den die letzten Jahrzehnte auf seinen Geburtsort Bagdad geworfen haben. Mit «Baghdad In My Shadow» zielt Samir auf die Schnittstelle zwischen Westen und Osten, sein Film soll vermitteln. Und den Menschen im Irak Luft zum Atmen schaffen.