Literaturfilm

Keira Knightley in «Anna Karenina»: Von der Zierde zur gefallenen Frau

Keira Knightley verkörpert als Anna Karenina eine anrührende Liebende. keystone

Keira Knightley verkörpert als Anna Karenina eine anrührende Liebende. keystone

Joe Wright legt die achte Kinoverfilmung von Leo Tolstois «Anna Karenina» vor. Darin tritt Keira Knightley in der Rolle der russischen Adligen in die Fussstapfen von Greta Garbo, Vivian Leigh, Jacqueline Bisset und Sophie Marceau.

«Anna Karenina» ist eine der grossen tragischen Liebesgeschichten der Weltliteratur. Die Rolle der russischen Adeligen, die für den Grafen Wronskij ihren Mann verlässt, ist eine der prestigeträchtigsten Frauenfiguren, die das Kino zu bieten hat.

Hauptdarstellerin Keira Knightley tritt die Nachfolge unter anderem von Greta Garbo, Vivian Leigh, Jacqueline Bisset und Sophie Marceau an. Wright, der die Schauspielerin bereits in seinen allseits gelobten Romanverfilmungen «Pride & Prejudice» und «Atonement» glänzen liess, findet einen originellen Zugang zu dem Klassiker. Statt die Geschichte als detailgenauen Historienfilm auszustaffieren, verlegt er sie symbolträchtig in eine Theaterkulisse.

Schliesslich ist das Leben von Anna Karenina, Gattin eines hohen Beamten und Zierde der St. Petersburger Gesellschaft, eine anstrengende Theatervorstellung, die sie für ihr Milieu gibt. Stets gilt es, Klatsch und Tratsch abzuwehren. Ihr öffentlicher Bruch der Regeln macht die Ehebrecherin zur gefallenen Frau.

(Quelle: youtube.com/KinoCheck)

Trailer zu «Anna Karenina» mit Keira Knightley in der Titelrolle

Eine Amour fou gegen die Regeln

Das Geschehen findet also nicht in prächtigen Salons, sondern im recht ungestylten Bühnenambiente statt; die Zwischendecke, der sogenannte Schnürboden, muss für Strassenszenen herhalten. Der Zug, in dem Anna Wronskij (Aaron Taylor-Johnson) erstmals begegnet, wirkt anfangs wie eine Spielzeugeisenbahn. Anna ist aus St. Petersburg nach Moskau gereist, um Schwägerin Dolly die Scheidung von Annas Bruder, Schürzenjäger Oblonski, auszureden. Derweil bekommt Oblonskis Freund Ljewin von seiner Angebeteten Kitty, die auf einen Heiratsantrag von Wronskij hofft, einen Korb.

Doch den schneidigen Kavallerieoffizier trifft die Liebe wie ein Blitz, und er verfällt der älteren Anna. Anna, die mit dem strengen Karenin (Jude Law) eine recht harmonische Ehe führt, wehrt sich gegen diese Anziehung, doch Wronskijs Belagerung hat Erfolg. So beginnt eine skandalöse Amour fou mit fatalem Ausgang.

Tatsächlich sollte man die Handlung vor dem Filmbesuch in etwa kennen. Zwar dampft Wright die unzähligen Romanfiguren auf drei Paare ein und konzentriert sich auf Annas Gefühlschaos. Trotzdem ist es nicht ganz einfach, den Überblick zu wahren. Auch der durch das Theaterambiente hervorgerufene Verfremdungseffekt, zu dem Tanztheaterszenen mit eingefrorenen Bewegungen beitragen, lässt manches im Vagen.

Liebe mit garantierter Verdammnis

Ist der von dem blond gefärbten Aaron Taylor-Johnson («Savages») gespielte Wronskij ein zwar attraktiver, aber blasser Galan, so verkörpert Keira Knightley eine anrührende Liebende. Die magere Schauspielerin, im Grunde eine unmögliche Wahl für einen Film mit tief dekolletierten Roben, wirkt ebenso hinreissend wie fragil. Heisse Liebesszenen kontrastieren mit Annas Wissen um ihre «Verdammnis», mit ihrer sich steigernden Zerrissenheit, die einen realen Hintergrund hat: Denn als Geschiedene verlöre sie nicht nur ihren gesellschaftlichen Status, sondern auch ihr Kind.

Jude Law als Annas älterer Ehemann ist gekonnt gegen den Strich besetzt; das Ehebett ähnelt einem Sarg. Annas Ehebruch wird durch die «legale» Beziehung Ljewins zu Kitty, die auf dem Lande ihre Erfüllung findet, kontrastiert.

Und wenn sich die Tore des erstickenden Stadt-Theaters auf die lichte Landschaft samt ehrlicher Bauern öffnet, veranschaulicht der Film auch Tolstois Moralphilosophie. So appelliert diese artifizielle Inszenierung zwar an Cineasten, geht aber mit dem zeitlosen Unglück dieser grossen Liebenden auch ans Herz.

Anna Karenina (GB 2012) 130 Min. Regie: Joe Whright. Ab heute im Kino.

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