Im prallen Sonnenschein leuchten die vielen Farben umso kräftiger. Mitten im satten Grün von Bad Zurzach ragt ein rot-gelb-gestreiftes Zirkuszelt heraus, der Duft von pink-klebriger Zuckerwatte liegt in der Luft, eine Menschenschar in bunten Anzügen, Röcken und Hüten tummelt sich vor dem Eingang.

Klar, keiner ist so knallig, kurlig und kurvig wie er: Papa Moll, wie immer in blauem Jackett und roter Veste. Er ist angereist, um seinen Kindern Evi, Fritz und Willy einen Zirkusbesuch zu spendieren. «Do händer no en Batze für Zuckerwatte», sagt er und eilt davon, und schon entbrennt zwischen dem Moll-Nachwuchs und zwei anderen Kindern ein Streit, der darin gipfelt, dass der Zirkuszaun zusammenfällt.

Schusselig und schwitzend: Stefan Kurt alias Papa Moll am Filmset in Bad Zurzach.

Schusselig und schwitzend: Stefan Kurt alias Papa Moll am Filmset in Bad Zurzach.

«Und, cut!», sagt Filmregisseur Manuel Flurin Hendry zufrieden, bevor er Schirme rausschickt. Das delikate Make-up von Stefan Kurt droht in der Sonne zu zergehen. Der Schauspieler ist am frühen Morgen zweieinhalb Stunden lang in der Maske gestanden, um sich mit Silikonwangen, künstlichen Pfunden (Fatsuit) und aufgeklebtem Schnauz in den tollpatschigen Familienvater zu verwandeln, der aus den gleichnamigen Schweizer Comics bekannt ist. Kurt durfte zwar mehr als fünf Haare auf seinem Haupt behalten, findet seine Filmfrisur aber auch so zum Schreien komisch: «Ich muss ja auch nach Drehschluss so rumlaufen», lacht er.

Keine Modernisierung des Stoffs

«Papa Moll» ist ein Stück Schweizer Kulturgut, mit dem Kurt bestens vertraut ist: Die Comics musste er einst als Übung während seiner Ausbildung auf Französisch beschreiben. Seit 1952 haben sich die 28 Bände über 1,5 Millionen Mal verkauft, sie wurden sogar ins Chinesische übersetzt, und sie reflektierten immer auch den Wandel der Zeit: von Schubkarren zu Inline Skates, von Alphörnern zu Fussball, von Abenteuern mit verschiedenen Völkern zu solchen mit autistischen Menschen.

Der Kinofilm dagegen, der nun unter dem Mantel von Walt Disney entsteht und Ende 2017 anlaufen soll, lässt diese Modernisierungsbestrebungen aussen vor. Obwohl die Filmemacher bewusst auf eine präzise zeitliche Verortung ihrer Handlung verzichten, ist die Fünfzigerjahre-Ästhetik auf dem Set nur schwer zu übersehen. «Papa Moll ist ein zeitloser Antiheld», findet Stefan Kurt. «In jedem von uns steckt ein Stück von ihm. Er steht dafür, dass es Erwachsene nicht immer besser wissen als Kinder. Dass die Kinder über ihn lachen können, macht ihn sympathisch.»

Für den Kinofilm wurde eine brandneue Geschichte erfunden (mit Band 13, «Papa Moll macht Zirkus», hat er nichts zu tun), dennoch bleiben die Macher dem Grundmuster von «Papa Moll» treu: Der gutgläubige Familienvater ist überzeugt, alles alleine hinzukriegen – doch dann gehts natürlich schief, und er ist auf Hilfe angewiesen.

Diese zwei frechen Kinder sind die neuen Papa-Moll-Figuren

Diese zwei frechen Kinder sind die neuen Papa-Moll-Figuren

Dass für den Film neue Geschichten hinzukamen, stört Roy Oppenheim, Sohn von Papa-Moll-Schöpferin Edith Oppenheim-Jonas, nicht – im Gegenteil.

Im Film sieht das so aus: Weil Mama Moll wellnessen geht, soll sich Papa Moll alleine um die Kinder kümmern. Die wollen unbedingt einen berühmten Zirkushund sehen, doch dann muss Papa Moll wegen eines Grossauftrags notfallmässig zurück in die Schokoladenfabrik eilen, wo er als Qualitätssicherer angestellt ist.

Wie «Heidi» und «Schellen-Ursli»

Was beim Besuch der Dreharbeiten klar wird: Die beliebten vierzeiligen Reimverse gehen im Film zwar verloren, das Comicartige lebt aber in den sprechenden Bezeichnungen weiter: So heisst der Zirkus Pompinelli, die Schokoladenfabrik Weich und der Zirkushund – bevor ihn die Moll-Kinder in Tschips umtaufen – Kartovl.

Die Produktion trägt ihr Herz auf der Brust, was nur logisch ist: Es gilt, die Erfolgswelle von Kinderfilmen wie «Heidi» und «Schellen-Ursli» weiterzureiten. Darum wird hier auch keine Mühe gescheut. Alleine für den Dreh der Zirkusszenen, die zum Ende des ersten Filmdrittels spielen, sind 80 Crewmitglieder in Bad Zurzach stationiert, die Kinderdarsteller haben für Kameratests ihre eigenen Stand-ins, der Dackel hat sogar zwei. Hinzu kommen mehrere hundert Statisten sowie eine Handvoll echter Zirkusartisten, damit auch Bildrand und -hintergrund in jeder Einstellung lebendig werden. Eingefangen wird das Spektakel schliesslich aus mehreren Perspektiven, sogar auf einem zehn Meter hohen Kran ist noch eine Kamera montiert.

Mehrere Hände im Spiel

Auf dem Set ist deshalb vor allem grosse Koordinationsarbeit gefordert, Anweisungen durchlaufen mehrere Stationen, bis sie ankommen; vor jedem «Action!» müssen Strohhalme zurechtgerückt werden und Hunderte Statisten ihre Anfangspositionen einnehmen. Kein Wunder also, dass das Aufnehmen einer etwa 15 Sekunden langen Filmszene locker mehrere Stunden in Anspruch nehmen kann. 5,5 Millionen Franken fliessen in «Papa Moll», eine beträchtliche Summe für eine Schweizer Produktion. Neben Filmförderanstalten haben auch Bund, Kantone, Gemeinden und Tourismus ihre Hände im Spiel, und natürlich erwarten alle ein zählbares Resultat.

Papa-Moll-Darsteller Stefan Kurt blendet das alles aus. Für ihn zählt nur das Vermächtnis dieser nationalen Comic-Ikone: «Ich hoffe, dass die Zuschauer dann sagen, Papa Moll ist aufgestanden von der zweiten in die dritte Dimension, vom Cartoon in die Realität.»

Papa Moll Ab 21. Dezember 2017 im Kino.