Filmfestival Venedig
Eine filmische Fanveranstaltung: Quentin Tarantino ist jetzt auch Experte für Spaghetti-Western

Quentin Tarantino ist bekennender Fan von Spaghetti-Western. Im neuen Dokumentarfilm über Sergio Corbucci ist er nun auch Experte.

Sascha Rettig
Drucken
Teilen
Der neue Dokumentarfilm «Django & Django» ist eine cineastische Plauderstunde mit Quentin Tarantino.

Der neue Dokumentarfilm «Django & Django» ist eine cineastische Plauderstunde mit Quentin Tarantino.

Nicomax

Das Licht im Saal ist wieder an. Die Türen wurden bereits geöffnet. Das Publikum ist wie immer auf dem Filmfestival beim ersten Namen des Abspanns aufgesprungen. Doch Moment! So schnell ist nicht Schluss. So schnell lässt Tarantino seine Kinozuschauer nicht vom Haken. Eine Theorie hat er noch zum Finale des Dokumentarfilms «Django & Django» – und zwar dazu: Wer ist eigentlich Mercedes? Wer ist die Frau, an deren Grab der wortkarge Revolverheld Django im gleichnamigen Spaghetti-Western-Klassiker von 1966 erscheint?

Während das Festivalpublikum auf dem Sprung ist, breitet Tarantino auf der Leinwand ausführlich seine Ideen dazu aus und beendet seine Ausführungen, als der Abspann längst beendet ist, mit einem kurzen Lacher, der seine eigene Genialität noch einmal bestätigt.

Kein Django ohne Django

Um die Frage, wer denn Mercedes eigentlich ist, geht es allerdings nicht in Luca Reas Doku «Django & Django». Vielmehr steht mit Sergio Corbucci der «Django»-Regisseur im Fokus, den der «Django Unchained»-Regisseur Tarantino offensichtlich sehr verehrt, der für ihn sogar nach Sergio Leone der zweitbeste Regisseur von italienischen Western war.

Erst vor zwei Jahren baute Tarantino in «Once Upon a Time… in Hollywood» Anspielungen auf Corbucci ein. Der von Leonardo DiCaprio gespielte Protagonist verwechselt Corbucci zunächst mit Leone und äussert sich dann ziemlich abfällig über dessen Western. Hätte er «Django & Django» gesehen, wäre ihm das wohl nicht passiert.

Mehr Tarantino-Expertise als erwartet

Selber fast ein Cowboy: Django-Regisseur Sergio Corbucci

Selber fast ein Cowboy: Django-Regisseur Sergio Corbucci

Nicomax

In dem rund 80-minütigen Crash-Kurs erklärt vor allem Tarantino im plüschigen, roten Kinosessel die Grossartigkeit Corbuccis und sprudelt dabei wie gewohnt sein Wissen enthusiastisch heraus. «Wir dachten, dass wir nur eine halbe Stunde Interview mit Tarantino haben würden, dann waren es aber mehr als zwei Stunden», berichtete Regisseur Rea in Venedig. Auf dem Festival liess sich Tarantino anlässlich der Premiere allerdings nicht blicken. Dafür kam Ur-Django Franco Nero, der mit 24 Jahren durch die Filme berühmt wurde und nun auch in «Django & Django» interviewt wird. Er erklärt:

«Corbuccis Filme waren politisch. Er bekämpfte mit ihnen den Faschismus.»

In der Doku werden neben Interviews auch Archivschnipsel und Filmausschnitte von Corbuccis Western aus den 60ern wie «Leichen pflastern seinen Weg», «Die gefürchteten Zwei» oder eben «Django» gezeigt. Unerbittlich, pessimistisch, surreal waren sie laut Tarantino und zeichneten ein sehr blutiges und mitleidloses Bild des Wilden Westens. Es wird schnell klar, warum Corbucci für ihn eine wichtige Inspiration für sein eigenes Werk ist, zu dem der filmfanatische US-Regisseur hier nebenbei auch kurze Verbindungen zieht.

So ist «Django & Django» in mehrfacher Hinsicht eine filmische Fanveranstaltung: eine Huldigung mit Tarantino als grossem Fan vor der Kamera, inszeniert von einem spürbaren Fan und für ein Publikum von Fans, Nerds und allen, die sich auf diese Exkursion in die Historie der italienischen Western einlassen und etwas tiefer in dieses Untergenre des Spaghetti-Westerns folgen wollen.

Kreisch-Alarm am Lido

Statt Tarantino kam gestern immerhin Jamie Lee Curtis für die Premiere von «Halloween Kills», der x-ten Auferstehung des weissmaskierten Killers Michael Myers, in die Lagunenstadt und bekam den Goldenen Löwen für das Lebenswerk. Damit gehörte sie zu den wenigen Berühmtheiten, die auch in der zweiten Festivalhälfte Glamour auf den roten Teppich brachten, nachdem in den ersten Tagen fast schon verschwenderisch viele Stars auf den Lido kamen.

Kristen Stewart auf dem roten Teppich zur Premiere von 'Spencer' am 78. Filmfestival Venedig.

Kristen Stewart auf dem roten Teppich zur Premiere von 'Spencer' am 78. Filmfestival Venedig.

Ettore Ferrari / EPA

Kristen Stewart legte sich voll hinein in ihre Rolle als traurige Prinzessin Diana in Pablo Larraíns «Spencer». Penélope Cruz lief gleich zwei Mal über den Premierenteppich: zur Eröffnung mit Pedro Almodóvars etwas unebenem Mütter-Melodram «Madres paralelas» und für die amüsante Dreharbeiten-im-Film-Komödie «Competencia Oficial». Für den höchsten Fan-Kreischfaktor sorgte derweil allerdings Timothée Chalamet, der für die Premiere von Denis Villeneuves wuchtiger Sci-Fi-Verfilmung «Dune» kam, die das Festival in einen kurzen Ausnahmezustand versetze.

Django & Django, Luca Rea, 2021

Aktuelle Nachrichten