Dieses Gesicht. Blass. Redet kaum, regt sich kaum. Und doch changieren darauf in jedem Moment eine Myriade von Gefühlen. Dieses Gesicht erzählt wortlos ganze Lebensgeschichten. Von Schmerz, Einsamkeit, Armut und sozialer Kälte. Von kleinen Freuden, scheuer Verliebtheit, keimender Hoffnung, Enttäuschung und Resignation. Von Schwäche, die in Stärke umschlägt.

Das Gesicht ist ein Mädchen, das in einer Streichholzfabrik arbeitet – ausgenutzt von den bösen, faulen Eltern; geschwängert, sitzengelassen und entwürdigt von einem Mann; im Stich gelassen von einer kalten Gesellschaft. Das Gesicht ist eine Oberkellnerin, die ihre Arbeit verliert – zeitgleich mit ihrem Mann. Oder eine mit sich strengen, spröden Heilsarmee-Soldatin, die sich in fortgeschrittenem Alter jugendlich verliebt.

Dieses Gesicht gehört der finnischen Schauspielerin Kati Outinen. Durch die Filme des Regisseurs Aki Kaurismäki ist es international bekannt geworden. «Kati Outinen ist das weibliche Gesicht Finnlands», führte die Filmjournalistin Brigitte Häring sie diese Woche bei ihrem öffentlichen Gespräch im Stadtkino Basel ein. Wir haben die Schauspielerin zuvor unter vier Augen gesprochen und gefragt: Wie machen Sie das? Üben Sie Ihre Mimik vor dem Spiegel? Nein, das tue sie nie, das geschehe intuitiv. Sie denke und fühle wie ihr Charakter. «In meinem Kopf kreiere ich während des Spiels eine Art inneren Monolog.»

Im Spiel ihre Scheu überwunden

Ein Filmjournalist hat einmal die Stoppuhr gestellt, seither wiederholen andere seinen Befund immer wieder, fasziniert: In «Das Mädchen aus der Streichholzfabrik» sagt Outinen als Iris nach 13 Minuten zum ersten Mal einen kurzen Satz: «Ein kleines Bier.» In Kaurismäkis Filmen sprechen die Protagonisten nur das Notwendigste aus. Kommt man dagegen privat mit Kati Outinen ins Gespräch, gestikuliert und spricht sie überraschend lebhaft und viel. Im Film und im Theater seien Dialoge gefährlich, sagt sie. Sie würden oft eingesetzt, um zu lügen. Und man dürfe die Zuschauer nicht unterschätzen: Diese verstünden viel, auch ohne Worte.»

Als Kind hat sie wohl wenig gesprochen. «Ich war anders, ich war scheu, ich kam nicht so gut mit anderen Menschen aus.» Aber im Spiel, durch Geschichten, habe sie vergessen, dass sie scheu ist. So ist sie Schauspielerin geworden. Mit 12 war sie fest dazu entschlossen. Doch sie musste noch sechs Jahre warten, bis sie alt genug für die Schauspielschule war. Bis dahin habe sie Theater als Hobby gepflegt. «Und weil es ein Hobby war, haben wir alles selbst gemacht: das Skript, die Regie, Licht, Musik, Tanzchoreografie, alles. So bin ich ins Theater hineingewachsen.»

Seit 30 Jahren mit Kaurismäki

1986 spielte Kati Outinen zum ersten Mal in einem Film Kaurismäkis. Er sei zu ihr gekommen und habe verkündet: «Ich habe der Presse gesagt, dass du die weibliche Hauptrolle in meinem nächsten Film übernimmst.» Sie antwortete: «Okay.» Ein halbes Jahr später habe sie das Skript für «Schatten im Paradies» bekommen. «Es war brillant.»

Es war der Anfang einer langen Filmfreundschaft. Seit fast 30 Jahren arbeiten Kaurismäki und Outinen seither regelmässig zusammen. Zuletzt in «Le Havre», vielleicht sein letzter Film, wie er der bz kürzlich erzählt hat. Kann das sein, fragen wir Outinen? Er habe schon einige Male gesagt, er höre auf, weiss sie. Diesmal könnte es wirklich sein. Kaurismäki arbeite gern immer wieder mit denselben Leuten zusammen, doch inzwischen seien viele seiner vertrautesten Filmleute gestorben. «Es bricht sein Herz.»

Wild und lustig muss es vor 30 Jahren zugegangen sein, als die Kaurismäki-Filmfamilie sich formierte. «Ausser Matti Pellonpää waren wir alle Anfänger. Wir hatten das Gefühl, das Kino von Neuem zu erfinden.» Doch es sei kein neuer Stil, sondern beeinflusst von Stummfilmen, alten amerikanischen Filmen oder dem italienischen Neorealismus.

Nimmt das Älterwerden gelassen

Kati Outinen ist eine feine, bescheidene Frau. Schlicht gekleidet, 54 und botoxfrei. Die Antipodin eines Hollywoodstars. Feministin. In einem Interview sagte sie einmal, dass Frauen heute wie Porno-Darstellerinnen und dünne Businessfrauen gleichzeitig auszusehen hätten.

«Ich bin relaxed. Das Schönste am Älterwerden ist, dass man alles schon gesehen hat, die wichtigen Erfahrungen gemacht hat», erzählt sie. Jetzt müsse man nicht mehr pressieren, um dies oder jenes zu tun. «Man kennt sich, weiss, welche Art von Leben man geniesst.» Sie habe nie eine Karriere verfolgt. «Ich fand es immer interessanter, ein Leben in Balance zu leben, in dem ich die, die ich liebe, treffe.»

Heute bekomme sie vor allem Nebenrollen. Doch sie schreibe und sie gebe Kurse, Schauspiel und mehr. «Die Leute haben Probleme, in der Gegenwart zu leben. Oder sich zu konzentrieren. Oder mit Menschen zu interagieren. Schauspieler haben die Gabe, das zu tun.»

Was ist das Wichtigste, das sie bereits als Professorin an der Theaterakademie in Helsinki ihre Schüler lehrte? «Zuhören.» Nicht nur mit den Ohren, mit allen Sinnen. «Das ist auch das Allerwichtigste im Schauspiel. Sonst spielt man nur die eigene Rolle. Brillantes Schauspiel entsteht, wenn man die Rollen der anderen Charaktere auch spielt.» Das Rezept klinge banal, die Ausführung sei schwer: zuhören.

Kati Outinen ist noch bis Ende Monat in diversen Filmen der laufenden Kaurismäki-Reihe im Stadtkino Basel zu sehen.