Interview
Kate Winslet: «Ich habe gelernt, dass hysterisch werden nichts bringt»

Gefahr auf hoher See oder in den Bergen: Zwanzig Jahre nach «Titanic» kämpft Kate Winslet in «The Mountain Between Us» erneut ums Überleben. Im Interview verrät sie, wie sie mit den extremen Minustemperaturen am Set umgegangen ist.

Marlène von Arx aus Los Angeles
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Kate Winslet
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Schlagzeilen machte sie mit ihrem Kuss mit Schauspielkollegin Allison Janney.
Das Drama "Wonder Wheel" kommt voraussichtlich nächstes Jahr in die Kinos.
Winslet über die Arbeit mit James Cameron: «Er ist ein unglaublich intelligenter Filmemacher.»
Ihre berühmteste Rolle: Mit Leonardo DiCaprio in "Titanic".
Der Film gewann elf Oscars.
Mit Judi Dench stand Winslet 2001 in Iris vor der Kamera.
Szene mit Winslet aus "Enigma" von Michael Apted.
 Aus dem Film "Quills" von Philip Kaufman (2000). Im Bild: Kate Winslet.
Winslet an den Academy Awards 2009.

Kate Winslet

Keystone

1997 überlebte sie im Kassenschlager «Titanic» den legendären Zusammenstoss mit einem Eisberg und wurde zum weltweiten Star. Zwanzig Jahre, einen Oscar und sechs Nominationen später kämpft Kate Winslet nach einem winterlichen Gebirgs-Crash in «The Mountain Between Us» erneut ums Überleben. Die britische Schauspielerin über Krisen-Management, das Weinstein-Debakel und was sie von der «Avatar»-Fortsetzung, ihrer ersten Zusammenarbeit mit James Cameron seit «Titanic», erwartet.

Kate Winslet, sind Sie schneetauglich?

Kate Winslet: Ich kann zwar nicht Ski fahren und auch nur schlecht Schlittschuhlaufen, aber eigentlich bin ich ein Kalt-Wetter-Mensch. So viel im Schnee wie bei den Dreharbeiten zu «The Mountain Between Us» war ich jedoch in meinem ganzen Leben noch nie. Und schon gar nicht bei solch extremer Kälte.

Nach einem Crash mit einem Privatflugzeug sitzen Sie in «The Mountain Between Us» mit Idris Elba in den Rockies fest. Gedreht haben Sie in den kanadischen Purcell Mountains auf über 3000 Metern und bei extremen Minustemperaturen. Wie kamen Sie mit dieser Situation zurecht?

Man mag sich Dreharbeiten allgemein als etwas Glamouröses vorstellen, aber da ich nicht so teure Filme mache, ist das bei mir eigentlich nie der Fall. Filmemachen heisst irgendwie immer, Krisen zu überstehen. Aber bei diesem Film wars wirklich jeden Tag so. Manchmal stieg ich am Morgen ins Auto und es war minus 7 Grad. Bis ich am Drehort war, war es minus 38 Grad. Man hatte fast Angst auszusteigen. Mein Mann Ned gab mir Batterie-geheizte Handschuhe und einen Batterie-geheizten Schal mit, die ich unter dem Kostüm trug. Er lud sie auch jeden Abend wieder für mich auf – auch das Handy, obwohl das auf dem Berg gar nicht funktionierte (lacht). Es war wirklich ein harter Job, aber wir waren ein gutes Team: Idris und ich bekamen auch ein gutes Gefühl dafür, wie der andere gerade drauf war, und wenn einer von uns etwas nicht machen wollte, unterstützte der andere das.

Sie haben ja Ihren Mann, Richard Bransons Neffe Ned Rocknroll, während des Feuers auf Bransons Privat-Insel in der Karibik kennen gelernt. War das die grösste Krise, die Sie selber je meistern mussten?

Ja, ich lernte mich da auch selber kennen. Ned nahm in der Eile Kopflampe und Schuhe mit, und ich habe den BH, die Pässe und die Kinder gepackt. Das heisst: Zuerst habe ich den BH wieder hingelegt, weil ich dachte, es dauert zu lange, bis ich den anhabe. Aber ich konnte doch nicht ohne den verdammten BH raus! Ich nahm mir die Zeit, ihn anzuziehen, dann packte ich die Pässe und die Kinder.

Was haben Sie aus jener Krise gelernt?

Ich habe da aus erster Hand gelernt, dass hysterisch werden nichts bringt. Rumbrüllen ist Energieverschwendung. Und ich bin sicher vorsichtiger geworden, was Feuer betrifft, und schaue jetzt dreimal nach, ob ich den Ofen, die Kerzen und den Föhn ausgemacht oder ausgesteckt habe. Ich bin paranoider geworden: Bei den Dreharbeiten zu «The Mountain Between Us» bin ich einmal durchs Eis gebrochen und ins Wasser gefallen – danach hatte ich ein paar Mal geträumt, unter dem Eis gefangen zu sein.

Kate Winslet und Idris Elba in einer Szene von «The Mountain Between Us» Wegen des Wetters werden alle Flüge annulliert. Die beiden Passagiere chartern eine Privat-Maschine
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Das Flugzeug stürzt aber in den Bergen ab. Die Foto-Reporterin Alex (Kate Winslet) und der Chirurg Ben (Idris Elba) versuchen, in die Zivilisation zurück zu finden.
Gedreht wurde in den kanadischen Purcell Mountains auf über 3000 Metern und bei extremen Minustemperaturen.
Kate Winslet: «Mein Mann Ned gab mir Batterie-geheizte Handschuhe und einen Batterie-geheizten Schal mit, die ich unter dem Kostüm trug.»

Kate Winslet und Idris Elba in einer Szene von «The Mountain Between Us» Wegen des Wetters werden alle Flüge annulliert. Die beiden Passagiere chartern eine Privat-Maschine

key/AP Twentieth Century Fox

Sie haben Ihren Oscar für den von Harvey Weinstein produzierten Film «The Reader» gewonnen, und Sie waren eine der Ersten, die sich gegen den wegen sexueller Übergriffe und Vergewaltigung beschuldigten Mogul äusserten.

Ja, denn es ist so unerhört und furchtbar. Ich habe mich mit Bleistift und Papier hingesetzt und war verdammt noch mal sauer. Natürlich stehe ich hinter all den Frauen, die so etwas erlebten. Sie sind Opfer. Ich hoffe, das Ganze sendet den Frauen in anderen Berufen ein Zeichen, dass sie sich auch wehren können, wenn so etwas passiert, denn es passiert ja überall. Wir werden ihnen glauben und helfen. Wir Frauen müssen jetzt mehr denn je zusammenkommen und sagen: Fertig, so kann man uns nicht behandeln.

Drama am Berg

Als alle Flüge wegen des Wetters annulliert werden, chartern zwei dringend zu Hause erwartete Passagiere gemeinsam eine Privat-Maschine, die prompt in den Bergen abstürzt. Die Foto-Reporterin Alex (Kate Winslet) und der Chirurg Ben (Idris Elba) überleben, aber wie kommen die beiden Fremden jetzt aus der eisigen Kälte zurück in die Zivilisation? Hany Abu-Assad, zweimal für einen Oscar nominiert für seine palästinensischen Dramen «Paradise Now» und «Omar», gibt hier erfolgreich seinen Einstand als Hollywood-Regisseur. Seine Adaption des Romans von Charles Martin meistert den Übergang vom Abenteuerfilm zum Beziehungsdrama – nicht zuletzt dank der eindrücklichen Bilder von Kamerafrau Mandy Walker und den hervorragenden schauspielerischen Leistungen von Winslet und Elba.

The Mountain Between Us (USA/Kanada/UK), 112 Min. Regie: Hany Abu-Assad. Mit Kate Winslet, Idris Elba, Beau Bridges.

Sie haben mit Harvey Weinstein gearbeitet. Kamen die Anschuldigungen für Sie überraschend?

Nein, ich hatte zwar keine einschlägigen Geschichten gehört, aber er war sonst schon unmöglich im Umgang. Ich habe mit Emma Thompson darüber gesprochen: Bei dem Ausmass von Schikanen und schlechtem Benehmen, das wir alle mit ihm erlebt haben, sollte es eigentlich niemanden verwundern. Ich kenne niemanden, der nicht etwas Negatives mit ihm erlebt hat.

Sie haben ja auch sehr jung im Showbusiness angefangen. Gab es da nie fragwürdige Meetings in Hotelzimmern?

Zum Glück war ich früh etabliert und war nie in einem solchen Hotel-Szenario. Ich habe seit fünfundzwanzig Jahren die gleiche Agentin, die mich vor solchen Situationen bewahrt hat. Und meine Eltern haben mich gut und zu einer starken Person erzogen. Ich schwöre bei Gott: Wenn mir so etwas passiert wäre, hätte ich den Schuh ausgezogen und dem Typ den Absatz durchs Gesicht gebohrt.

Apropos früh etabliert: Vor zwanzig Jahren machte Sie «Titanic» zum Superstar. Was fällt Ihnen als Erstes ein, wenn sie das Wort «Titanic» hören?

Der erste Gedanke ist: Ach du meine Güte, das liegt mein halbes Leben zurück! Ich feierte meinen 21. Geburtstag während der Dreharbeiten. Und dann denke ich, dass ich Leonardo DiCaprio mein halbes Leben lang kenne, und das ist eigentlich schon ziemlich erstaunlich.

Sie und Leonardo DiCaprio sind also immer noch befreundet?

Ja, er ist einer der loyalsten Menschen, die ich je getroffen habe. Ich hatte ihm beispielsweise vor Jahren die «The Mountain Between Us»-Maskenbildnerin Sian Grigg vorgestellt. Sie verstanden sich ausgezeichnet. Sie hat seither alle seine Filme gemacht – auch «The Revenant». Ideal für mich, denn sie hatte allerlei Tipps und Techniken, wie wir mit der Haut in der Kälte umzugehen hatten. Und Leo habe ich natürlich auch angerufen und Erfahrungen ausgetauscht.

Kate Winslet

Kate Elizabeth Winslet wurde am 5. Oktober 1975 in Reading, England, als zweites von vier Kindern eines Schauspielerpaares geboren. Schon im Kindergarten verkörperte sie die Hauptrolle Maria in der Weihnachtsgeschichte. Sie hatte bereits ein paar Rollen in TV-Produktionen gespielt, als Peter Jackson die damals 19-Jährige für die Hauptrolle in «Heavenly Creatures» engagierte. Zwei Jahre später wurde sie mit «Titanic» zum Star. Zu den weiteren Highlights ihrer Karriere gehören «Sense and Sensibility», «Eternal Sunshine of the Spotless Mind», «The Reader» «Revolutionary Road» und «The Holiday». Winslet ist mit Richard Bransons Neffe Ned Rocknroll verheiratet und hat je ein Kind aus ihren drei Ehen.

Nun arbeiten Sie zum ersten Mal seit zwanzig Jahren wieder mit James Cameron zusammen. Wie fühlt es sich an – jetzt, wo Sie als Schauspielerin viel mehr Erfahrung haben, mit ihm in den «Avatar»-Ring zu steigen?

Jetzt, da ich älter und weiser bin? (lacht) Jim hat mich auch damals immer respektiert, und wie ich schon oft sagte: Wenn ich je wieder eine Krise zu managen habe, hoffe ich, James Cameron ist da, denn er weiss immer, was zu tun ist. Er ist ein unglaublich intelligenter, brillanter Filmemacher und achtet das Regisseur-Schauspieler-Verhältnis. Es wird also sicher gut. Ich freue mich auch riesig, bei «Avatar» mitzumachen und etwas Neues zu lernen. Ich habe ja keine Erfahrung mit Performance Capture. Es steht auch nur ein Dreh-Monat mit den Hauptdarstellern für mich an. Ich werde also nicht dreieinhalb Jahre meines Lebens opfern müssen.

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