Drogen-Epidemie

Julia Roberts: «Wo ich aufwuchs, gab es keine Drogen – man schoss auf Bierdosen»

Julia Roberts im Interview über ihren neuesten Film «Ben is Back», die Drogen-Epidemie in den USA und den Abstecher in eine TV-Serie.

Seit dreissig Jahren bezaubert Julia Roberts mit ihrem breiten Strahlen das Kino-Publikum. In ihrem neuesten Film, «Ben is Back», gibt es für die 51-jährige US-Schauspielerin allerdings nichts zu lachen: Roberts spielt die Mutter eines drogensüchtigen Jugendlichen. Es ist eine ergreifende Rolle. Mit Humor nimmt sie dafür inzwischen ihre Aufgabe wahr, ein bisschen PR für ihre Filme machen zu müssen. Eine Rolle, die sie nie besonders mochte und es Journalisten mit ihrer «Ich gegen Euch»-Attitüde auch spüren liess. Offenbar gewöhnt sich Roberts langsam an die Realitäten im Showbusiness: Nebst dem Familien-Drama «Ben is Back» tritt sie mit «Homecoming» jetzt sogar erstmals in ihrer langjährigen Karriere in einer TV-Serie auf.

Julia Roberts, im Film «Ben is Back» haben Sie einen drogensüchtigen Sohn. Wie herausfordernd war die Rolle für Sie?

Julia Roberts: Herausfordernd genug, dass ich die Rolle spielen wollte. Aber wie schwierig es ist, merkt man erst, wenn man mitten in der Nacht bei Minustemperaturen mit einem jungen Schauspielkollegen herumsteht und sich fragt, ob man vielleicht erfrieren wird. Über die körperliche Herausforderung, solche dunklen, kalten Nächte zu überstehen, hatte ich mir vorher keine Gedanken gemacht. Was mir schliesslich am meisten half: Ich hatte mir vor den Dreharbeiten die Mühe gemacht, meine beiden älteren Filmkinder Lucas Hedges und Kathryn Newton zu mir nach Hause einzuladen, damit wir uns kennen lernen und einen lockeren Umgang miteinander entwickeln konnten. So waren schwierige Situationen beim Dreh dann einfacher zu überwinden.

Haben Sie Mütter kontaktiert, die in einer ähnlichen Situation sind wie Ihre Filmfigur, um sich in die Rolle einzufühlen?

Nein, denn ich wollte nicht den Schmerz von jemandem heraufbeschwören, nur damit ich als Künstlerin davon profitieren konnte. Das scheint mir zu egoistisch. Leider leben wir ja heute in einer Welt, wo man solche Information zuhauf im Internet findet. Googeln Sie mal «Mütter mit süchtigen Kindern», dann findet man diverse Foren, die sich ausschliesslich solchen Frauen und wie sie sich fühlen widmen.

Dass Kinder drogensüchtig werden könnten, ist sicher eine verbreitete Angst bei Eltern. Bei Ihnen auch?

Darüber denke ich nicht nach. Wenn man all die Albträume verinnerlichen würde, die man als Eltern so hat, würde man alle Türen verriegeln und das Haus überhaupt nicht mehr verlassen. Man muss sich auf die positiven und optimistischen Dinge in der Welt konzentrieren und hoffen, dass die Familie alles intakt meistert.

In den USA ist gemäss einer neuen Studie letztes Jahr die Rekordzahl von 70 237 Menschen an einer Überdosis synthetischer Drogen und Medikamente gestorben. Es ist die verbreitetste Todesursache für Menschen unter 55. Wie gesellschaftspolitisch wollen Sie «Ben is Back» verstanden wissen?

Unser Autor und Regisseur Peter Hedges schrieb das Drehbuch durchaus aus gesellschaftspolitischer Motivation. Denn die Drogenkrise hält leider schon so lange an, dass die Zeitungen nur noch auf Seite fünf mit einer Statistik darüber berichten. Peter wollte der Tragödie ein menschliches Gesicht geben. Jedes Familienmitglied in «Ben is Back» hat eine eigene Sicht und zeigt auf, was Familien in dieser Situation durchmachen.

Welche Rolle spielen Ärzte und die Pharma-Industrie in Ihren Augen?

Von der Pharma-Industrie bis zu den Ärzten trifft sicher alle eine Mitschuld, aber man muss die grossen Zusammenhänge ansehen. Es gibt viele Verantwortungsträger, die versagen. Und mit jedem Versagen wird der nächste Verantwortungsträger ermutigt, auch zu versagen. Und so geht es schon lange. Da muss sich klar etwas ändern.

Hat sich Ihr Umgang mit Medikamenten insbesondere bei Ihren Kindern verändert?

Nein, wir greifen allgemein nicht schnell zu Medikamenten und wir haben auch einen guten Kinderarzt, dem wir voll vertrauen. Zum Glück haben wir zudem eine gesunde Konstitution und mussten bisher noch keine schwierigen Entscheide fällen, wenn ein Kind verletzt war oder Schmerzen hatte.

Sie waren im Teenager-Alter, als die damalige First Lady Nancy Reagan die Anti-Drogen-Devise «Just Say No» propagierte. Wie sah es damals bei Ihnen aus? Spürten Sie den Druck unter Gleichaltrigen, mit Drogen zu experimentieren?

Ich hatte das Glück, in einem sehr kleinen Städtchen aufzuwachsen. Drogen gab es an meiner Schule keine – oder ich wusste nichts davon. In meiner Gegend schoss man eher auf einem Parkplatz auf leere Bierflaschen.

Wenn wir schon von früher sprechen: «Pretty Woman» hat Sie vor 28 Jahren zum internationalen Superstar gemacht. Inzwischen gibt es eine Bühnenversion am Broadway davon. Was halten Sie davon?

Ich war nicht darauf vorbereitet, wie surreal das für mich sein würde. Die Schauspieler machten einen Super-Job und meine Wangen schmerzten vor Lachen, aber es war komisch, Dialoge zu hören, die wir damals einfach als Platzfüller improvisiert hatten. Wir haben dauernd neue Dialoge und Witze ausprobiert, um Regisseur Garry Marshall zum Lachen zu bringen. Das auf einer Broadway-Bühne zu hören, war komisch – und liess mich Marshall noch mehr vermissen.

Sie haben mit dem vor zwei Jahren verstorbenen Regisseur Garry Marshall drei Filme gedreht. Er hat Ihre Karriere bedeutend geprägt …

Ja sicher, sowie Steven Soderbergh, unter dessen Regie ich für «Erin Brockovich», den Oscar gewann. Aber auch Mike Nichols war wichtig. Dass Mike mich für «Closer» überhaupt in Betracht zog, hat mich sehr ermutigt, denn ich hätte mich selber nicht in diesem Film gesehen. Mike war einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben – auch seine Frau Diane Sawyer. Sie wurden zu Familienmitgliedern.

Und jetzt sind Sie erstmals als Hauptdarstellerin in einer TV-Serie zu sehen, und zwar im zehnteiligen Psycho-Thriller «Homecoming» auf dem Videostreaming-Dienst von Amazon. Was hat Sie zu diesem neuen Karriere-Schritt motiviert?

Ich habe mich nicht wirklich dafür entschieden, eine TV-Serie zu machen. Man hatte mir vor längerem einmal den «Homecoming»-Podcast geschickt, den ich sehr ungewöhnlich und spannend fand. Und dann rief mich «Mr. Robot»-Regisseur Sam Esmail an. Ich wusste zwar, dass er ein toller Fernsehmacher war, aber deswegen habe ich nicht automatisch angenommen, dass er «Homecoming» fürs Fernsehen adaptieren würde. Wir hatten einen unglaublich guten Gedankenaustausch über dieses Puzzle von einer Show und so kam alles ins Rollen. Aber ich habe mich mehr für Sam als fürs Fernsehen entschieden.

Was schauen Sie sich selber am Fernsehen an?

Nicht, viel. Meistens etwas, von dem Freunde erzählt haben und das mich interessieren könnte. «Peaky Blinders» hat mir gut gefallen. «Big Little Lies» war super und jetzt fangen wir zu Hause mit der zweiten Staffel von «Ozark» an.

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