Herr Riniker, in Ihrem Film geht es um Sterbehilfe. Was war das Motiv?

Paul Riniker: Ich beschäftige mich seit Jahren mit dem Tod und mit zunehmendem Alter hat diese Thematik noch an Dringlichkeit gewonnen. Meine Gelenke wollen nicht mehr so, wie sie sollten. Ich müsste mich etwa zum siebten Mal operieren lassen. Das stinkt mir ziemlich und ich schiebe es vor mir her. Ich gehe dreimal pro Woche ins Fitness, damit ich mich noch einigermassen bewegen kann. «Usfahrt Oerlike» ist also ein sehr persönlicher Film, der nicht weit weg von meiner Realität ist.

Hauptdarsteller Hans (Jörg Schneider) hat im Film auch Gehbeschwerden und ist auf Hilfe angewiesen. Sind Sie Hans?

Nein, aber es gibt Parallelen. Wir drei, neben Jörg Schneider auch Mathias Gnädinger und ich, gehen auch im realen Leben am Stock. Schneider ist inzwischen ja sogar im Rollstuhl. Auf dem Dreh waren wir die drei humpelnden Alten.

Der Film ist nicht zuletzt deshalb so berührend, weil er so nahe an der Wirklichkeit ist. Jörg Schneider ist schwer krank, er hat Krebs. Wie ist sein aktueller Gesundheitszustand?

Glauben Sie mir, mir wäre es viel lieber, wenn er kerngesund wäre. Bis zum Drehende ging es Jörg Schneider gut. Die Diagnose Leberkrebs erhielt er erst danach. Er wusste beim Dreh noch nicht, dass er nicht mehr lange leben würde. Aber jetzt freut er sich riesig auf die Premiere in Solothurn, und er will auf jeden Fall dabei sein.

Wird der Film sein Vermächtnis?

Ja, danach sieht es aus. Wir hätten gern nochmals einen Film zusammen gedreht.

Sie haben untereinander sicher über die Sterbehilfe gesprochen. Wie sind eure Positionen?

Jörg Schneider hat immer gesagt, dass er selber nicht den Weg von Hans gehen und sich das Leben nehmen würde. Heidi Maria Glössner, die im Film die Gegenposition von Hans einnimmt, ist im richtigen Leben dagegen eine vehemente Verfechterin der Sterbehilfe.

Und Sie?

Ich finde, dass jeder grundsätzlich das Recht hat, abzudanken. Einfach vielleicht nicht als spontane Reaktion. Aber wenn jemand gehen will, dann soll er gehen dürfen. Ich selber möchte auch nicht dement und inkontinent leben und sterben. Ich bin aber kein vehementer Befürworter der Sterbehilfe. Ich verstehe den Film auch nicht als Plädoyer für die Sterbehilfe, schon gar nicht für die Sterbehilfe-Organisationen Exit oder Dignitas.

Was ist denn die Botschaft des Films?

Er beschäftigt sich mit dem Ende des Lebens. Dabei geht es nicht nur um Sterbehilfe, sondern mindestens so sehr um Freundschaft, um Familie, um die Vater-Sohn-Beziehung und um Liebe.

Aber am Schluss wählt Hans den Freitod. Wieso?

Hans hat seine Aufgaben erledigt, sein Leben bereinigt, deshalb konnte er gehen. In meinem Spielfilm «Sommervögel» drehte ich ein extrem kitschiges Happy End. Bei «Usfahrt Oerlike» wollte ich das nicht, das wäre mir zu billig gewesen. Ich habe aber Verständnis, wenn jemand Mühe hat, mit dem Weg, den Hans wählt. Jeder soll frei entscheiden können, was für ihn das Richtige ist.

Hans wendet sich im Film nicht an eine Sterbehilfe-Organisation, weil es viel zu lange gehe. Ist das wirklich so?

Ich glaube ja. Wenn du den Entschluss fasst, zu sterben, ist das über Exit meines Wissens ein ziemlich langer Prozess.

Sterbehilfe war in unserer Gesellschaft aus religiösen Gründen lange ein Tabu.

Ja, aber die Schweiz ist diesbezüglich doch einiges liberaler als andere Länder. Hier beschäftigt man sich seit Jahren mit dem Thema und es hat sich einiges bewegt. Im Fall von Hans handelt es sich ja um den sogenannten «wohl überlegten Bilanzsuizid eines Hochbetagten», der momentan diskutiert wird und umstritten ist.

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Jörg Schneider?

Er sagte mir einmal, dass ihm die «Sommervögel» wahnsinnig gut gefallen hätten und dass er gern in einem solchen Film einmal die Hauptrolle spielen würde. Als Thomas Hostettler an mich herantrat mit der Idee, sein Theaterstück «Exit» zu verfilmen, wusste ich, dass Jörg Schneider diese Rolle spielen muss. Ich habe in ihm schon immer einen grossartigen Schauspieler gesehen. Er ist wahnsinnig präzis, wie Mathias Gnädinger übrigens auch. Dass er auch für ernste Rollen geeignet ist, wusste man eigentlich schon lange. Spätestens seit er 1981 mit Ruedi Walther Urs Widmers Dialektfassung «Warte uf de Godot» gespielt hat.

Jörg Schneider ist eine Legende und hat als Volksschauspieler ein Millionenpublikum erreicht, trotzdem spielte er bisher nie eine Hauptrolle in einem Spielfilm. Wie ist das möglich?

Er hatte einige kleinere Rollen, zum Beispiel in Christoph Schaubs «Happy New Year». Es hat ihn schon etwas verletzt, dass er nie den Zuschlag für eine Hauptrolle erhielt. Sein Problem war sein Erfolg. Alle kannten ihn als Kasperli, Generationen sind mit den Platten aufgewachsen. Der Kasperli ist sein Stigma. Dazu war er auf lustige Rollen abonniert. Zu Unrecht, wie er in «Usfahrt Oerlike» beweist. Er hatte immer eine stark melancholische Seite und wirkt sehr authentisch. Für ihn ist ein Traum Wirklichkeit geworden.

Haben sich Jörg Schneider und Mathias Gnädinger vorher gekannt?

Nicht gut. Sie haben auch zuvor noch nie zusammen gespielt. Für mich war sofort klar, dass die beiden zusammenpassen. Jörg Schneider war zuerst aber etwas skeptisch. Weil Gnädinger mehr Filmerfahrung hat, fürchtete er, dass er die erste Geige spielen würde. Dem war aber nicht so. Die Rollenverteilung war immer klar, und es war rührend, wie sich Mathias um Jörg bemühte. Die beiden verstanden sich beim Dreh immer besser und spielten grandios. Sie sind ein Traumpaar.