Ein klares Zeichen zugunsten der Qualität im Schweizer Film setzte gestern Abend denn auch die dreiköpfige Jury. Sie vergab den Hauptpreis, den Prix de Soleure, im Rahmen der Soirée de clôture an Jean-Stéphane Brons «Cleveland vs. Wall Street». Der Dokumentarfilm über die gerichtliche Aufarbeitung der Immobilienblase in Cleveland im US-Bundesstaat Ohio ist der logische Sieger und wurde bereits im Vorfeld als Favorit für den mit 60000 Franken dotierten Preis gehandelt.

Bron setzte sich gegen die Mitfavoriten «La dernière fugue» von Léa Pool und Sophie Heldmans «Satte Farben vor Schwarz» durch. Eher überraschend geht der mit 20000 Franken dotierte Prix du Public an Paul Rinikers Liebesdrama «Sommervögel». Er stach Peter Luisis «Der Sandmann» und «La petite chambre» von Véronique Reymond und Stéphanie Chuat aus.

Die Entdeckungen

Es ist ein kleiner Film, der grosse Gefühle evoziert und kein Auge trocken lässt – «Bouton». Res Balzli begleitet in seinem Dokumentarfilm die junge Schauspielerin Johana und ihre Puppe «Bouton» auf der letzten Reise. Johana hat Krebs. Die Bauchrednerin tritt in ein Zwiegespräch mit ihrer fransigen Puppe, reflektiert in bewegenden inneren Monologen über ihren Kampf gegen die Stammzellenkrankheit. Der Film pendelt zwischen Lachen und Weinen, Diesseits und Jenseits, dokumentarischer Realität und poetischer Fiktion.

Ebenfalls ein kleiner Film, der für viel Gesprächsstoff sorgte, ist Jonas Meiers «Mürners Universum». Zwar bewegt sich Meiers Porträt über den Sonderling Erwin Mürner, der einen Film über Ausserirdische zu drehen gedenkt, auf einem schmalen Grad zwischen Voyeurismus und dokumentarischer Distanz. Doch es wäre eine Schande, die Geschichte von Erwin Mürner, dessen Ansichten zwischen Esoterik und metaphysischem Schaudern pendeln, nicht zu erzählen.

Jonas Meier über seinen Film «Mürners Universum»

Jonas Meier über seinen Film «Mürners Universum»

Eine faszinierende Geschichte erzählt auch Jacqueline Zünd. Ihr stark inszenierter Dokumentarfilm «Good Night Nobody» ist eine ästhetisierte Reise durch die Nacht. Vier Hauptfiguren aus vier Kontinenten teilen dasselbe Schicksal: Sie können nicht schlafen. Die Nacht, die der Schlafende gerafft erlebt, wird in Zünds Film zu einem surrealen Traum, in dem sich Zeit und Raum auflösen. Die vier Porträtierten haben etwas, was dem «normalen» Menschen fehlt: Zeit. Untermalt mit Marcel Vaids Filmmusik, ist Zünds Film die Antithese zur modernen Gesellschaft, deren höchstes Gut – die Zeit – Mangelware ist.

Die Flops

Daneben gab es unter den über 200 gezeigten Filmen zwangsläufig auch schwache Produktion zu sehen: Lorenz Keisers Filmdebüt «Länger leben» mit Mathias Gnädinger ist formal wie inhaltlich ein Flop. Ebenfalls die Erwartungen nicht erfüllen konnte die junge Berner Regisseurin Christine Repond, die sich mit ihrem Erstling «Silberwald» auf allzu dünnem Eis bewegt. Der durchaus attraktive dokumentarische Stil vermochte die staksigen Dialoge und das allzu klischierte Bild des unpolitischen Jugendlichen, der in die rechtsradikale Szene abdriftet, nicht zu kaschieren.

«Silberwald» von Christine Repond

«Silberwald» von Christine Repond

Ebenso klischiert ist das von Stefan Haupt konventionell und nach allen Regeln des hollywoodschen Kinos inszenierte Gutmenschen-Stück «How About Love». Die Zürcherin Anka Schmid begleitet in ihrer Langzeitdokumentation «Mit dem Bauch durch die Wand» drei Teenager-Mütter über vier Jahre und befragt sie zu ihren Befindlichkeiten, Wünschen und Träumen; zu langatmig ist die Dokumentation, zu dünn sind die Erkenntnisse.

Diskussion um Filmförderung

«God No Say So» von Brigitte Uttar Kornetzky verspricht viel, hält jedoch wenig. Der assoziative Dokumentarfilm über die vom Krieg arg traumatisierte Gesellschaft Sierra Leones lässt jeglichen historischen Kontext vermissen – alles bleibt verschwommen. Schade eigentlich, denn Kornetzky hätte mit dem vorhandenen Material durchaus einen erhellenden Film über die vom Krieg gebeutelte Bevölkerung konstruieren können.

Die 46. Solothurner Filmtage zeigten auch, dass die Diskussionen, wie die Filmförderung inskünftig organisiert werden soll, noch lange nicht beendet sind. Kulturminister Didier Burkhalter deutete jedoch an, dass er einen Konsens zwischen Verbänden und Förderer zustande bringen will, damit der Schweizer Film – und nicht die Förderpolitik – wieder in der Hauptrolle zu sehen ist.

Bezüglich der Besetzung des Filmchefs in der Post-Bideau-Ära hält er sich allerdings noch bedeckt. Ob Filmtage-Direktor Ivo Kummer zum neuen Filmchef auserkoren wird, wie da und dort gemunkelt wird, bleibt offen. «Das ist Privatsache», sagte er. Es wäre der Filmbranche jedoch zu wünschen. Er und sein Team haben mit einer ausgewogenen Programmierung bewiesen, dass es um das Schweizer Filmschaffen so schlecht nicht steht.