Für «Southpaw» sind Sie in die Welt der Boxer eingetaucht, gingen an Kämpfe und trainierten täglich. Was hat Sie überrascht?

Jake Gyllenhaal: Mich hat überrascht, wie hyper-sensibel Boxer sind. Sie reagieren sofort, weil sie leicht verletzbar sind – am Körper und im Kopf. Und die Sensibilität braucht es natürlich auch, um den Gegner zu lesen. Es ist letztlich ein psychologisches Spiel. Darin ist Floyd Mayweather sehr gut, deshalb ist er so ein erfolgreicher Boxer.

Viele denken beim Boxen wohl zuerst an blutige Nasen, animalische Aggression und korrupten Sport, Sie nicht?

Ich denke, jeder Athlet hat etwas Animalisches, manchmal sieht man es, manchmal nicht. Wenn ich Roger Federer beim Tennis zuschaue, kann ich das Tier in ihm sehen. Es mag fokussiert, leise und listig sein, aber es ist nicht weniger vorhanden, als wenn Mike Tyson zum Schlag ausholt und jemanden k. o. schlägt. Was Korruption und Kommerz im Boxen betrifft: Jeder zuckt die Schultern und sagt, so sei halt das Kampfspiel, es gehört quasi dazu.

Wie gehen Sie mit Ihrer eigenen Aggression um?

Das wollte ich mit diesem Film erkunden. Die Wut im Bauch kann ein Antrieb sein und hat Billy anfänglich zum Erfolg gebracht, aber die Wut hat ihn auch in die Knie gezwungen. Ich kann wütend werden, ohne zu wissen wieso, und mich in gefährlichen Situationen wiederfinden. Und es gab auch schon Momente, da hätte ich wegen einer spontanen Reaktion Beziehungen zerstören können. Aber für diesen Film habe ich mich so weit gebracht, zuerst anzuschauen, wieso ich wütend bin, bevor ich reagiere.

Im Film kämpfen Sie nicht nur um die Karriere, sondern auch um Ihre Tochter. Wie kommen Sie mit Kindern zurecht – auf dem Set und privat?

Super. Ich tue alles für ein Kind. Meine Schwester Maggie hat zwei Töchter, eine ist drei, die andere neun. Mit meiner dreijährigen Nichte habe ich eine ganz besondere Verbindung. Wir kannten uns wohl schon in einem früheren Leben. Und die Neunjährige ist sogar stärker und klüger als meine Schwester, wenn das überhaupt möglich ist [lacht]. Wir stehen uns sehr nahe und ich würde mein Leben für sie geben.

«Southpaw» spielte auf der Piazza Grande in Locarno. Sie haben das Festival ausgelassen, aber Sie werden in zweieinhalb Wochen das Festival von Venedig mit «Everest» eröffnen. Was bedeutet eine Festival-Präsentation für Sie?

Es ist eine Ehre. Es freut mich sehr, dass «Everest» Venedig eröffnet – der grösste Berg an einem der grössten Festivals, das passt doch! Es ist ein grosser Film mit einem tiefen emotionalen Kern. Ich bin sehr stolz darauf.

Trailer zu "Southpaw"

Trailer zu "Southpaw"

«Everest» beruht auf der wahren Geschichte einer missglückten Expedition und wurde in Nepal und den Dolomiten gedreht. Was halten Sie vom Wagnis, das Extrem-Bergsteiger eingehen?

Tragödien passieren, wenn man etwas zu erobern versucht. Niemand weiss, wann seine letzte Stunde schlägt. Vielleicht ist es gefährlicher, in Los Angeles spazieren zu gehen, als den Everest zu erklimmen. Scott Fischer, den ich spiele, betonte immer, er hätte keine Angst vor dem Tod. Woher kommt so eine Einstellung? Ich teile sie sicher nicht, aber ich wollte erforschen, was solche Menschen antreibt.

Sie gehen in Ihren Filmen aber auch an Ihre Grenzen …

Ja, das schulde ich den Figuren. Josh Brolin und ich waren in einer Höhenkammer, um zu erfahren, wie sich 8800m anfühlen. Wir hätten nur 5 Minuten drin sein sollen, aber wir machten statt einer gleich drei Sessions. Zuerst fanden wir es lustig, dann waren wir deprimiert und brachen zusammen. Mir fehlte auch klar die Geduld fürs Bergsteigen: Monatelanges Vorbereiten, und dann kann man nicht hoch, weil das Wetter nicht stimmt. Ich weiss nicht, ob ich mir diese Ruhe überhaupt aneignen könnte oder ob man damit geboren sein muss.

Southpaw (USA 2015) 124 Min. Regie: Antoine Fuqua. Mit Jake Gyllenhaal, Rachel McAdams, Oona Laurence, u.a. Ab 20. August im Kino. Everest startet am 17. September in den Schweizer Kinos