Benno Tuchschmid: «Wetten, dass . . .?» verdient
Jan Böhmermann

DJ Bobo steht seit gestern in einer Reihe mit Recep Tayyip Erdogan und Yanis Varoufakis. Der Schweizer König des Eurodance ist Teil des erlauchten Kreises von Figuren der Zeitgeschichte, die in der grossen, nicht enden wollenden Variété-Show des deutschen Satirikers und Late-Night-Moderators Jan Böhmermann eine Rolle spielen. Welche Rolle Bobo einnehmen wird, war bis Redaktionsschluss noch unklar. Ganz genau weiss man nie, was Böhmermann vorhat. Auch nicht bei seinem neusten Coup, der temporären Wiederbelebung von «Wetten, dass ...?» als Teil seiner Sendung «Neo Magazin Royal». Klar ist: DJ Bobo war auf Wunsch von Böhmermann Gast in der Sendung.

Jan Böhmermanns Late-Night-Sendung «Neo Magazin Royal» ist eine einzige Reverenz an die untergegangene TV-Ära der 90er-Jahre. Es ist deshalb logisch, dass er sich für «Wetten, dass . . .» und DJ Bobo interessiert, diese Ikonen der Nineties. Immer wieder nimmt Böhmermann in seiner Sendung die Bildsprache und die Tonalität dieser Dekade auf, spielt mit ihnen, führt sie ad absurdum, pfeffert sie dem Zuschauer ins Gesicht. Die 90er-Jahre waren ja in gewisser Weise das Ende der TV-Geschichte, die letzten Momente unbeschwerter Glückseligkeit in der Fernseh-Unterhaltung. Die Zeit, in der es noch Gassenfeger gab, Sendungen, die jede und jeder schaute. Und «Wetten, dass ...?» war die Mutter aller Gassenfeger.

Böhmermann ist spezialisiert darauf, seine Zuschauer hinters Licht zu führen, sie auf falsche Fährten zu locken. Sei es mit dem vermeintlich manipulierten Stinkefinger des griechischen Ex-Finanzministers Yanis Varoufakis oder durch sein berühmtes Schmähgedicht, das eigentlich vor allem Satire über politische Satire war. Damit ist Jan Böhmermann das pure Gegenteil von «Wetten, dass ...?», einer Show, in der Prominente, nebeneinander auf einem Sofa sitzend, Menschen zuschauten, wie sie Farbstifte am Geschmack zu erkennen versuchten.

Wenn nun also Böhmermann «Wetten, dass ...?» in seine Sendung integriert, dann geht es nicht um eine Wiederbelebung des Formats. Nein, Böhmermann wird das Format würdig beerdigen. Und darauf können wir uns alle freuen – und es heute via Youtube bestaunen.

Kinderwette - Wetten dass...? vom 13.10.2016  | NEO MAGAZIN ROYALE mit Jan Böhmermann - ZDFneo

Kinderwette - Wetten dass...? vom 13.10.2016 | NEO MAGAZIN ROYALE mit Jan Böhmermann - ZDFneo

Mit den Füßen Politikergesichter zu bearbeiten ist ja ansonsten eher Kernkompetenz und Wunschdenken junger, weißer Männer aus Ostdeutschland. Das macht die nächste Wette umso verwunderlicher. Die 12-jährige Tanja aus Königsberg wettet, dass sie die Parteizugehörigkeit von zehn Landtagsabgeordneten mit ihren Füßen ertasten kann. Top, die Wette gilt!

Anna Wanner: Geistreiche Satire funktioniert am Samstagabend nicht

Schade sei es, dass es die Sendung nicht mehr gebe, findet der 35-jährige
Satiriker Jan Böhmermann. Deshalb will er dem Fernseh-Klassiker «Wetten, dass ...?» neues Leben einhauchen. «Und zwar jetzt gar nicht so aus Verarsche oder so was.» Er habe «Bock», das mal auszuprobieren. Zumindest sagte er das gegenüber dem Sender ZDF, der das Format wieder ausstrahlen will. Am ursprünglichen Konzept (von 1981) soll mehr oder weniger festgehalten werden. Stars wie DJ Bobo und Eva Padberg werden neben
Böhmermann auf dem Sofa sitzen, sich peinliche Fragen gefallen lassen und bei den Wetten grosse Augen machen müssen.

Trotz guter Ingredienzien (Spiel, Spass, Spannung und ein Hauch Glamour) wird das Projekt scheitern. Erstens fällt es schwer, zu glauben, dass jemand die abgehalfterte Sendung tatsächlich vermisst. Und jenen, denen sie (aus Gewohnheit) im Samstagabend-Programm fehlt, kennen Böhmermann höchstens von der Erdogan-Polemik, von seinem Schmähgedicht. Zwar nimmt er sich selbst nicht allzu ernst. Das hat er mit Thomas Gottschalk gemein. Böhmermanns Humor ist aber satirisch bis zynisch. Jener von Gottschalk, der mit der Sendung Rekordquoten erreichte, war simpel und platt. Ja, Gottschalk war peinlich. Er begeisterte aber ein Millionenpublikum.

Jan Böhmermann ist hingegen wirklich lustig. Doch seine Witze richten sich an ein junges, urbanes Publikum, das am Samstagabend selten fernsieht. Er sollte nur mit Zurückhaltung auf Familien und ältere Herrschaften losgelassen werden. Sie verstehen sich nicht. Das wäre, wie wenn Hazel Brugger «Benissimo» neu aufleben lassen müsste. Für den Augenblick ist das witzig, weil komplett absurd: Die junge, freche im biederen Fernsehformat. Ein solcher Clip würde in eine Satiresendung passen und auf Youtube Klicks generieren. Auf Dauer funktioniert das Konzept nicht. Es zielt am Samstagabend-Publikum vorbei. Dieses will auf seine Weise unterhalten werden.

Das «ZDF» ist sich dessen bewusst. Die Verantwortlichen glauben selbst nicht an einen langfristigen Erfolg: Sie strahlen die Sendung weder zur Primetime (20 Uhr) aus, noch wird sie auf dem Hauptkanal zu sehen sein – sondern auf ZDFneo. Zwei Versuche. Dann ist Sendepause. Und das ist gut so.