Fernsehen

Ist die Erfolgsserie «Game of Thrones» jetzt zu weit gegangen?

Lady Melisandre (Carice van Houten) in «Game of Thrones»: Die undurchsichtige Priesterin opfert Menschen einem Gott des Feuers.

Lady Melisandre (Carice van Houten) in «Game of Thrones»: Die undurchsichtige Priesterin opfert Menschen einem Gott des Feuers.

Reihenweise sterben die Protagonisten in «Game of Thrones». Die Erfolgsserie über Kriege und Intrigen in einer mittelalterlichen Fantasywelt ist ein Vergnügen der masochistischen Art. Sie ist brutaler denn je. Stösst sie an die Grenze des Zumutbaren?

«Jetzt steige ich aus – definitiv.» So oder ähnlich tönt es Woche für Woche bei den über 100 Millionen Zuschauern von «Game of Thrones». Die Erfolgsserie über Kriege und Intrigen in einer mittelalterlichen Fantasywelt ist ein Fernsehvergnügen der masochistischen Art. Lieb gewonnene Hauptfiguren werden reihenweise getötet – oft auf grausame Weise. Bereits zum Ende der ersten der bisher fünf Staffeln wurde der vermeintliche Protagonist der Serie geköpft. Ein Schock. Einer von vielen.

Autor George R. R. Martin, auf dessen Romane die TV-Serie beruht, sagte im Gespräch mit der «Nordwestschweiz»: «Ich hasse vorhersehbare Geschichten.» Und wahrlich: Ein grosser Reiz von «Game of Thrones» besteht darin, dass der Zuschauer um seine Lieblingsfiguren fürchten muss. Es kann jeden erwischen, jederzeit. Spannung pur.

Grosser Fan-Aufschrei

Doch sind die Macher jetzt zu weit gegangen? Die neueste Staffel von «Game of Thrones» endete Sonntagnacht mit dem überraschenden Tod einer der beliebtesten Figuren der Serie. Fünf Jahre lang hatte alles darauf hingedeutet, dass sie am Schluss dieser epischen Geschichte eine entscheidende Rolle spielen würde. Jetzt ist sie einfach weg. Der Fan-Aufschrei in den sozialen Medien war gross. Spekulationen, die Figur würde in der nächsten Staffel wundersamerweise zurückkehren, wiesen die Serienschöpfer Dan Weiss und David Benioff entschieden zurück: «Es ist vorbei. Die Figur ist tot.»

Ob das in der Welt von «Game of Thrones», wo schon andere Figuren durch Zauberei wiederbelebt wurden, so bleibt? Neugierige Fernsehzuschauer können für einmal nicht in den Romanseiten nach Antworten blättern. Denn die Fernsehserie hat die Ereignisse in den Büchern eingeholt. George R. R. Martins letzter Band endete mit derselben kontroversen Szene wie die aktuelle TV-Staffel. Immer mehr Zuschauer und Leser fragen sich jetzt langsam: Warum soll ich noch weiterschauen bzw. -lesen?

Kaum zu ertragen

Zumal die Ereignisse in «Game of Thrones» dieses Jahr teilweise derart grausam waren, dass man als Zuschauer am liebsten abgeschaltet hätte. Der nächste Roman in der Reihe lässt seit über vier Jahren auf sich warten, also mussten die Serienschöpfer ganze Handlungen hinzudichten. Wie George R. R. Martin setzten sie dabei auf Gewalt und Schock – gingen aber mehrmals über die Grenze des Zumutbaren hinaus. So wird in einer Szene eine jugendliche Protagonistin mit einem Sadisten zwangsverheiratet und in ihrer Hochzeitsnacht brutal vergewaltigt. Im Anschluss an die Folge meldete sich sogar eine US-amerikanische Senatorin zu Wort; sie verurteilte die Szene als «widerwärtig und untragbar» und schwor von der Serie ab.

Noch schlimmer empfanden viele Zuschauer eine Szene, in der ein junges Mädchen – auch sie eine Sympathieträgerin – von ihren Eltern bei lebendigem Leib verbrannt wird. In beiden Fällen sieht der Zuschauer zwar nicht die eigentliche Gräueltat, sondern die entsetzten Gesichter der Beobachter. Doch die Schreie der Betroffenen hallen quälend lange nach und sind kaum zu ertragen.

Die Serienschöpfer erachten die öffentliche Empörung über solche Szenen als ironisch. Sie sei nur so gross, weil Figuren leideten, die den Zuschauern ans Herz gewachsen seien. «Aber wenn ein Superheld ein Hochhaus umstösst und mehrere tausend Menschen darin sterben, interessiert uns das nicht, weil wir sie nicht kennen.» Selektive Empathie, nennt das Dan Weiss und verteidigt die neuen Szenen: «Anstatt uns zu fragen, warum wir unseren Protagonisten solche Dinge antun, sollten wir lieber mehr Betroffenheit zeigen, wenn Ähnliches unbekannteren Personen widerfährt.»

Aber: Einschaltquoten steigen

Das mag eine vernünftige Aufforderung sein. Sie befreit die Macher aber nicht vollständig vom Vorwurf, dass sie mit derart brutalen Gewaltszenen vor allem die Einschaltquoten steigern wollen. Denn der US-amerikanische Bezahlsender HBO, auf dem «Game of Thrones» läuft, ist keinen Zensurauflagen unterstellt – und bekannt dafür, Zuschauer mit expliziten Sex- und Gewaltszenen zu ködern.

Und siehe da: Mit durchschnittlich 18,7 Millionen Zuschauern pro Erstausstrahlung hat HBO mit «Game of Thrones» dieses Jahr einen senderinternen Rekord aufgestellt. Auch der Titel für die weltweit am häufigsten illegal heruntergeladene Serie gehört «Game of Thrones». Es scheint: Je mehr Zuschauer damit drohen abzuschalten, desto mehr neue Zuschauer schalten ein. Vielleicht um herauszufinden, weshalb alle abschalten wollen – und es am Ende doch nicht tun.

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