Taxiphone

Innere Kursänderung in den Dünen der Sahara

Taxiphone: Wie eine Frau auf eine algerischen Wüste sich der fremden Kultur annhähert

Taxiphone: Wie eine Frau auf eine algerischen Wüste sich der fremden Kultur annhähert

So hatte sich das junge Schweizer Paar seinen Wüstentrip nicht vorgestellt: Elena und Oliver bleiben mit ihrem Lastwagen stecken. In der algerischen Oase nähert sich Elena der islamischen Kultur, Oliver repariert den Wagen.

Weit ist es nicht mehr nach Timbuktu, der grossflächigen Region Malis mit der einst so geheimnisumwobenen Oasenstadt. Doch dann wird es dem Kipplastwagen mit dem Zürcher Kennzeichen endgültig zu heiss. Der stählerne Koloss, in der Wüste so verloren wirkend wie die Nadel im Heuhaufen, raucht vor sich hin. Gleich tun es ihm Elena (Mona Petri) und Oliver (Pasquale Aleardi), ein junges, hübsches, aber jetzt gerade auch sehr besorgtes Pärchen. Für die perfekt geschwungenen Dünen und das famose Lichtspiel hat es nun keine Augen mehr. Mit einer innigen Umarmung wollen die beiden der aufkeimenden Verzweiflung keinen Raum lassen. Sie nützt: Bald darauf entdecken die Gestrandeten einen Hirten, der sie in das kleine Dorf Tar führt.

Er repariert, sie reflektiert

Timbuktu wird den Film über ein Ziel bleiben; eines, welches für Oliver und Elena so unerreichbar scheint, wie einst jahrhundertelang für die Europäer. Die hatten sich nicht mit defekten Zylinderkopfdichtungen herumzuschlagen, sehr wohl aber mit dem menschenfeindlichen Anreiseweg und der Gefahr, als Ungläubige von Muslimen getötet zu werden. 1828 schaffte es der Franzose René Caillié als Erster, die Stadt zu besuchen und nach Europa zurückzukehren. Er relativierte die gängigen Fantasien um prächtige Paläste und grosse Reichtümer: Caillié fand einen Ort frei von Schmuck und Schönheit vor. Das mythisch behaftete Zentrum der arabischen Welt entpuppte sich als trügerisches Luftschloss.

Auch nicht prunkvoll, aber ganz hübsch ist dagegen Tar. Elena lernt auf Streifzügen Dorf und die Leute kennen, wobei sie vorerst ihr kulturbedingtes Misstrauen nicht abschütteln kann. Währenddessen widmet sich Oliver mürrisch den lieben langen Tag der Fahrzeugreparatur. Elena fühlt sich vernachlässigt, und hört in sich hinein, um nach einigen Tagen niederzuschreiben: «Ich weiss nicht länger, wer ich bin.» Das Liebesglück scheint versandet.

Aber passiert das wirklich so schnell? Beim schweizerisch-algerischen Regisseur Mohammed Soudani schon. Er steuert sein gerade erst so glückliches Pärchen schnurstracks in die grosse Krise. Der Mann liegt hauptsächlich unter dem Lastwagen, während die viele Zeit und die fremde, faszinierende Kultur bei der Frau einen Selbstfindungsprozess in Gang setzt. Begegnungen mit einer jungen Mutter und einer Wahrsagerin treiben diesen an, und auch Said, der Besitzer des örtlichen Taxiphones, lenkt Elena in für sie unerwartete Gefühlsbahnen. Ebenfalls unerwartet ist die Tatsache, wie die muslimischen Frauen den Männern den Tarif durchgeben. Als sie von Saids Plänen erfahren, die ans Taxiphone grenzende Handwerkstatt zum Internet-Café umzufunktionieren, wird der Aufstand geprobt. Der Mann zeigt sich beeindruckt, die Frauen bekommen ihren Willen.

Eigentlich klingt das alles sehr gefällig – in Tat und Wahrheit gibt sich Soudanis Film jedoch wenig kohärent und unausgewogen. Mehr episodenhaft denn zusammenhängend reihen sich die Szenen aneinander. Mona Petri verkörpert dabei ihre Figur nach den gegebenen Möglichkeiten. Und die sind doch einiges vielfältiger als für Pasquale Aleardi. Als Zuschauer bekommt man nämlich nie die Chance geboten, sich in Oliver hineinzufühlen.

Oberflächlich skizziert

Trotz seinem Bedeutungsgrad ist dieser so oberflächlich skizziert, dass man schon fast mehr über den schwedischen Geschäftsmann Magnus erfährt, der im Dorf einen Computerdeal abwickeln will. Der Anzugträger erscheint in der Handlung jedoch so notwendig wie ein Regenmantel in der Sahara. Oliver hingegen stellt einen Pfeiler im Leben von Elena dar. Um ihre Wandlung zu verstehen, sollte man zweifellos etwas Näheres über Oliver wissen. Spätestens bei dessen Zusammentreffen mit dem Schrottplatzbesitzer Vieux Coyote, verkörpert von der Schweizer Filmlegende Jean-Luc Bideau, hätte sich eine Vertiefung durchaus anerboten.

Immerhin: Die pittoresken Bilder und einige gelungene Szenen werten diesen oftmals zu harmlos anmutenden Film auf. So kommt es, dass noch vor dem ersten Computer eine Hot-Dog-Maschine im Dorf eintrifft, die unter Applaus ihren Betrieb aufnimmt – obschon Würstchen aufgrund des Verzichts auf Schweinefleischverzehr keine Option darstellen. Und dann ist da ja noch Bruno Ganz in der Besetzung aufgelistet. Seine Rolle ist klein, und eigentlich ist es auch gar keine Rolle, sondern ein Gastauftritt als sich selbst. Er telefoniert, zahlt und verlässt das Taxiphone in Richtung Dünen.

Taxiphone (Alg./CH) 94 Min. Regie: Mohammed Soudani. Mit: Sid Ahmed Agoumi, Pasquale Aleardi, Jean-Luc Bideau, Bruno Ganz, Stefan Kollmuss, Mona Petri. Ab 6.Januar im Kino.

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