Gerade eben war er noch «Lucky» – ein kettenrauchender Kauz in einer amerikanischen Wüstenstadt, der angesichts des nahenden Todes allerlei verschrobene Weisheiten von sich gibt. Zum Beispiel: «Realismus ist ein Ding». Oder: «Ungatz!»

«Lucky», das war der grosse Lichtblick am diesjährigen Filmfestival Locarno. Gleichzeitig sollte es die letzte und vermutlich persönlichste Darbietung von Harry Dean Stanton sein, jenem Schauspieler, dessen Filmografie gut 250 Rollen umfasst – die meisten davon als Nebendarsteller («Alien», «Avengers», «Twin Peaks»).

Mit trockener Nonchalance

Die grosse Ausnahme in Stantons Werk bleibt Wim Wenders Drama «Paris, Texas» (1984), worin er als Hauptdarsteller mit rotem Käppi durch die Wüste irrt, auf der Suche nach seiner verschwundenen Frau (Nastassja Kinski). Selten sah Verlorenheit so bunt und leidenschaftlich aus wie in diesem Film. Und Stanton, dieser drahtige Kerl mit brüchiger Stimme, verkörperte diesen modernen westlichen Odysseus mit knochentrockener Nonchalance.

Was es mit dem filmischen Eigenbrötler auf sich hat, der 1926 in Kentucky geboren wurde und 1957 in Los Angeles sein Schauspieldebüt gab, das hat die Berner Regisseurin Sophie Huber treffend festgehalten: In ihrem Dokumentarfilm «Harry Dean Stanton: Partly Fiction» (2012) heftete sich Huber an die Fersen des Schauspielers, liess Freunde und Regisseure wie David Lynch oder Wim Wenders zu Wort kommen. Und ja, auch Stanton selbst öffnete sich ein wenig. So gelang es Huber, die bis dato wenig bekannte musikalische Seite des Schauspielers zu beleuchten. «Harry Dean Stanton: Partly Fiction» wurde schliesslich mit dem Berner und dem Zürcher Filmpreis ausgezeichnet.

Sophie Huber im Interview: «Seine Stimme berührte mich, aber niemand hielt das je fest»

Von schlichter Erhabenheit

Auch in «Lucky» kann man sich von den gesanglichen Qualitäten Harry Dean Stantons überzeugen. Da stimmt er zur Verblüffung sämtlicher Gäste bei einem Kindergeburtstag den mexikanischen Klassiker «Volver volver» an. Nach einigem Zögern spielt auch die überrumpelte Band mit. Es ist ein Moment von ebenso schräger wie schlichter Erhabenheit, die dem Wesen dieses liebevoll-knorrigen Aussenseiters entspricht. Denn sie erzählt von einem, der am Rande lebt und dennoch Rituale braucht. Von einem, der ungern spricht, wenn es auch anders geht. Und von einem, der im Grunde weder zu fassen noch zu imitieren ist – genau so wenig wie sein Ausspruch «Ungatz!»