Montagsinterview

«Ich krieg den Film in die Türkei. Und wenn ich ihn in die Kinos nageln muss!»

«Die Kritiker haben ihre Erwartungen nicht bestätigt bekommen – ich aber meine Erwartungen an die Kritiker auch nicht»: Regisseur Fatih Akin. Benainous+Catarina / Allpix

«Die Kritiker haben ihre Erwartungen nicht bestätigt bekommen – ich aber meine Erwartungen an die Kritiker auch nicht»: Regisseur Fatih Akin. Benainous+Catarina / Allpix

Fatih Akin, der deutsch-türkische Regisseur, setzt sich mit dem Völkermord an den Armeniern auseinander.

Herr Akin, nehmen Sie das Wort «Völkermord» inzwischen ohne zu zögern in den Mund?

Fatih Akin: Völkermord, Völkermord, Völkermord; Genozid, Genozid, Genozid. Aber das Wort «Völkermord» ist nicht der Völkermord. Wissen Sie, wie ich das meine ?

Nein.

Wenn ich sage «Baum», ist das auch nur ein Wort, Schallwellen, die durch meine Stimmbänder aus meinem Mund kommen. Den Völkermord zu begreifen oder darzustellen, kann auch kein Film; es bleibt nur eine Vorstellung davon.

Trotzdem ist es in der Türkei problematisch bis strafbar, im Zusammenhang mit den Armeniern dieses Wort in den Mund zu nehmen. Warum schafft man es in der Türkei nicht, das Ereignis aufzuarbeiten?

Das ist ja nicht nur in der Türkei der Fall. Selbst die Bundesregierung Deutschland hat 2005 eine Erklärung zum Völkermord gegeben, dabei aber den Terminus «Genozid» oder «Völkermord» nicht benutzt; die USA tun das ebenso wenig. Andere erpressen die Türkei mit diesem Wort. Einige Länder benutzen es, andere nicht. Das steht leider immer im Zusammenhang mit ihrer politischen Beziehung zur Türkei. Das ist pervers: Wie ein Menschheitsverbrechen als politisches Machtinstrument missbraucht wird. Das Wort zu benutzen oder nicht, ändert wenig an der Sache. Eine Gesellschaft als Kollektiv muss dieses Wort annehmen und begreifen und es sich vorstellen. Das ist das Entscheidende.

Der Hauptfigur in ihrem Film «The Cut», dem Schmied Nazareth, werden die Stimmbänder durchtrennt, er verstummt. Ist das eine Metapher für dieses Schweigen?

Ja, es ist eine Metapher für den Umgang mit Meinungsfreiheit. Es war meine Intension zu zeigen, dass man über einen Sachverhalt wie «Völkermord» nicht spricht. Und wenn man es tut, wird man angefeindet, bis hin zum Totschlag. Viele Armenier interpretieren diese Metapher als ihr Schweigen: Dass Sie 100 Jahre lang zum Schweigen verurteilt worden sind. Das kann man gern so sehen.

Sie haben für diesen Film jahrelang recherchiert. Sind Sie auf Fakten gestossen, die Sie besonders berührt oder überrascht haben?

Ich bin überrascht – und da kann man mal wieder sehen, in was für einer Käseglocke man eigentlich lebt – wie wenig man doch über den Völkermord an den Armeniern weiss. Auch in Deutschland etwa, wo es ein Mitwissen und eine Mitschuld daran gab. Vielleicht kann so ein Film auch ein Initiator sein für einen Zuschauer, sich danach weiter darüber zu informieren.

Und Sie selber, was haben Sie durch Ihre Recherchen Neues erfahren?

Mich hat dabei erschreckt, wie sehr ich jemanden erschrecken kann, einfach nur durch die Tatsache, dass meine Eltern Türken sind. Gerade in der Diaspora hatten Leute, die keine Türken kannten, eine sehr strenge Ablehnung gegenüber Türken. Wir mussten das Vertrauen von gewissen Leuten gewinnen, und die mussten empathisch sein und ihre Vorurteile abbauen. Das war eine sehr neue und eine sehr wichtige Erfahrung für mich. Und auf jeden Fall eine Bestätigung, diesen Film zu machen.

Sie sagen selbst, dass es fast unmöglich ist, einen Völkermord darzustellen. Wie haben Sie eine für Sie passende Form für diesen Stoff gefunden?

Indem ich früh festgelegt habe, dass das kein Film über den Völkermord ist. Es ist ein Film, der vor dem Hintergrund des Völkermords spielt. Hauptsächlich ist es ein Film über einen Vater, der seine verschollenen Kinder sucht; in einer Besessenheit, die ihn über die halbe Welt führt. Das ist ein grosser Abenteuerfilm, ein Western, ein Epos.

Dann ist es ein Missverständnis, wenn bisher die meisten Kritiker davon ausgegangen sind, es sei ein Film über den Völkermord?

Ich weiss auch nicht, woher das kommt. Vielleicht durch die Morddrohung gegen mich. Ich habe zu keinem Zeitpunkt gesagt, der Film handle vom Völkermord. Da sieht man mal, wie Erwartungen Interpretationen schüren. Auch, ob der Film politisch ist oder nicht. Er provoziert politische Fragen, einfach weil er da ist. Aber er muss nicht selbst eine politische Aussage machen. Solche didaktischen Filme finde ich schrecklich.

Nach vielen Erfolgen wird zum ersten Mal einer ihrer Filme teils hart kritisiert. Wenn Sie noch mal von vorne anfangen könnten, würden Sie ihn anders angehen?

Ich würde den Film im Grossen und Ganzen so drehen, wie ich ihn gedreht habe: auf Englisch, mit Tahar Rahim in der Hauptrolle, mit den zwei Teilen. Ich würde ihn aber mit einer anderen inneren Haltung herausbringen: Hier ist der Film, den ich machen wollte, ein ehrlicher Ausdruck. Dafür muss ich nicht nur geliebt werden, dafür kann ich auch gehasst werden. Die Kritiker haben ihre Erwartungen nicht bestätigt bekommen – ich aber meine Erwartungen an die Kritiker auch nicht.

Dieser Genozid ist keine schreckliche Geschichte, die sich vor 100 Jahren so abgespielt hat und jetzt vorbei ist. Das ist eine Geschichte von der unfassbaren Gewalt, die Menschen einander antun können, die bis heute in vielen Ländern so und schlimmer abläuft. War das überhaupt Ihre Absicht?

Es gibt immer Querverbindungen von Völkermord zu Völkermord. Es ist halt etwas in uns allen, etwas, für das wir mitverantwortlich sind. Wo Wohlstand ist, kann Reflexion sein. Doch oft fehlt es an Wohlstand und somit an Raum, die eigene Geschichte zu verarbeiten. Dann kann man das eigene Trauma nicht abschliessen, dann geht es eben weiter. Es war nicht meine Absicht, an jeden aktuellen Konflikt zu erinnern, aber ich wollte mit diesem Film einen Raum zur Reflexion schaffen.

Wäre es nicht auch eine Aufgabe für Künstler, da hinzuschauen, wo die aktuellen kriegerischen Konflikte passieren?

Ich glaube nicht. Die Aufgabe von Künstlern kann es nicht sein, Tagesjournalismus zu betreiben. Wir sind Geschichtenerzähler, Filmemacher, keine Journalisten. Oft sind es aber dieselben, altbewährten, archaischen Dinge, die das provozieren, was täglich passiert. Und manchmal hilft es dem Zuschauer über Eck zu denken, statt Bilder aus den täglichen Nachrichten oder aus Youtube angemessen zu verarbeiten.

Wissen Sie inzwischen, ob der Film in den türkischen Kinos gezeigt werden kann?

Im Augenblick ist da so ein grosses Herumgeeiere, was mich nervt. Ich hab ihn an einen Verleih verkauft, der Staat hat sich nicht wirklich dagegengestellt, aber die Kinoketten eiern jetzt herum – ob in Absprache mit der Regierung oder nicht, das weiss ich nicht. Sie sagen: die Termine passen uns nicht, vielleicht verschieben wir den Start. Möglicherweise ist das ein geschickter Weg, den Film umgehen zu können, ohne einen staatlichen Verbots-Skandal. Früher oder später krieg ich den Film in die Türkei – und wenn ich ihn in die Kinos nageln muss!

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