1970: Die ARD strahlt ihre erste «Tatort»-Folge aus. Als Kommissar Trimmel ermittelte Walter Richter. Drei Jahre zuvor hatte er als Big Daddy in «Die Katze auf dem heissen Blechdach» auf Tournee auch im Kurtheater Baden Halt gemacht. In einer winzigen Rolle war ich dabei. Jahre später habe ich, nunmehr als Journalistin, im Kurtheater unter anderem Hansjörg Felmy (Kommissar Haferkamp), Ulrike Volkert (Lena Odenthal) und Manfred Krug (Stoever) getroffen. Vergeblich habe ich gehofft, dass Götz George unserer kleinen Stadt mal die Ehre gibt.

Götz George bei der Verleihung eines Preises für sein Lebenswerk an den Berliner Filmfestspielen (Archiv)

Götz George bei der Verleihung eines Preises für sein Lebenswerk an den Berliner Filmfestspielen (Archiv)

Schimi einmal im Leben gegenüberstehen. Vermutlich hätte es mir den Atem verschlagen. Nicht wegen Schimi, sondern wegen des Mannes dahinter, der einmal gesagt hat: «Die Frauen lieben nicht mich, sondern Schimanski.» Wahrscheinlich hat er damit den Nagel auf den Kopf getroffen. Und auch ein Quäntchen Frust abgebaut. Dies zu Recht. Es wäre falsch und ungerecht, Götz George auf das Raubein mit der hellen Schmuddel-Jacke zu reduzieren. Denn er war viel mehr, war ein grandioser, leidenschaftlicher Schauspieler. Als solchen habe ich ihn hoch verehrt.

Auch ein meisterlicher Komödiant

Leider habe ich nie im Theater, aber oft im Kino erleben können, wie differenziert und einfühlsam er Menschen darstellte. Ganz besonders tragische, grausame, ge- und zerstörte Figuren wie den Massenmörder Haarmann in «Der Totmacher», Harry Kupfer im Psychothriller «Der Sandmann» oder den KZ-Arzt Mengele in «Nichts als die Wahrheit». Aber Götz George war auch vielseitig: Als Skandalreporter in «Schtonk!», als Uhu Zigeuner in «Rossini – oder die mörderische Frage, wer mit wem schlief» bewies er subtil und augenzwinkernd, dass auch ein meisterlicher Komödiant in ihm steckte.

Götz George über seine «Tatort»-Rolle Horst Schimanski

Götz George über seine «Tatort»-Rolle Horst Schimanski

Aus der Dokumentation «Mord nach der Tagesschau» (2000), ebenfalls zu Wort kommen Hajo Gies (Regisseur vieler Schimanski-Folgen) und Gunther Witte (WDR Fernsehspielchef).

Bei aller Verehrung und bei allem Respekt vor seinem grossen Können muss ich gestehen: Auch ich war nicht dagegen gefeit, seinen Schimanski zu lieben. Einem Kerl mit Schnauz wie diesem kann frau irgendwie schwerlich widerstehen. Seinem von Kraft strotzenden Body, seinen blauen Augen, aus denen ebenso Schalk blitzen wie ein Schimmer von Traurigkeit auftauchen konnten. Was mir als Teenager John Wayne war, wurde 20 Jahre später Schimi. Ihm habe ich die Treue gehalten – bis heute.

Eltern waren bekannte Schauspieler

Hand aufs Herz – auch weil Horst Schimanski fluchen konnte wie kein zweiter, weil er kein Blatt vor den Mund nahm. Dazu nur zwei Schimi-Zitate: «Was quatschst du mich so blöd an, du Spiesser, nur weil ich ’ne Fahne hab.» Und: «Für mich ist die ganze Welt ein grosser Arsch. Und die rechte Arschbacke, das sind die Amerikaner, ja. Die linke Arschbacke sind die Russen, und wir hier in Europa, wir sind das Arschloch.»

Götz George als "Schimanski" bei Dreharbeiten 1997 in Duisburg

Götz George als "Schimanski" bei Dreharbeiten 1997 in Duisburg

Das Talent hatten ihm seine Eltern in die Wiege gelegt. Berta Drews und Heinrich George waren beide bekannte Schauspieler. Der wuchtig gebaute Vater zählt noch heute zu den grössten seines Fachs. Eine seiner Paraderollen, der «Götz von Berlichingen», war verantwortlich für den Vornamen des Zweitgeborenen. Wer weiss – vielleicht hatte die Herkunft seines Namens auch Einfluss darauf, dass gar so manches, das Götz als «Schimi» zu sagen hatte, so locker-leicht von den Lippen ging. Schliesslich sagt der Götz von Berlichingen in Goethes Schauspiel: «Er aber, sag’s ihm, er kann mich im Arsche lecken.»

Ecken und Kanten

Als der Vater 1946 in einem sowjetischen Lager starb, war Götz acht Jahre alt. Im Doku-Drama «George» von 2013 wurde die Beziehung von Götz zu seinem Vater sowie dessen Leben und Schaffen als Schauspieler während des NS-Regimes beleuchtet. Darin sagt der damals 75-Jährige an die Adresse seines Vaters: «Du hast mich halt immer überholt. Du warst halt immer besser, besessener.»

Schauspieler Götz George bei der Vorstellung seiner Biographie 2008

Schauspieler Götz George bei der Vorstellung seiner Biographie 2008

Götz George war öffentlichkeitsscheu, verhielt sich oft ruppig, gab offen zu, knorrig und schwierig zu sein. Wärs anders gewesen, wäre er nicht der gewesen, der er war. Ein starker Charakter, mit Ecken und Kanten, Typ harte Schale, weicher Kern – nicht nur als Schauspieler, sondern auch als Mensch. «Ich bin immer einen recht geradlinigen Weg gegangen. Damit habe ich sicher auch immer wieder Menschen vor den Kopf gestossen, aber ich habe mich nicht verbiegen lassen», hatte er 2011 in einem Interview bekannt.