Die Schweiz ist breit vertreten an der 65. Berlinale: vier Langfilme, viele Kurzfilme, davon zwei Debütfilme. Einer kann sich im Wettbewerb gar Hoffnungen machen, am Samstagabend unter den Gewinnern eines Bären zu sein: «Vergine Giurata», eine Koproduktion des SRF Ticino mit vier anderen europäischen Ländern.

Hoch oben in den albanischen Bergen jagen Männer eine Ziege. Wollen sie sie scheren, melken oder töten? Einer der jungen, betrunkenen Männer, die die Ziege festhalten, umarmt sie schliesslich, und holt in ihrem Fell tief Luft. Die junge italienische Regisseurin Laura Bispuri macht in ihrem Debütfilm gleich zu Beginn klar, dass sie eine Meisterin der unausgesprochenen Andeutung ist. Sie lässt uns mit Poesie an ihrer Entdeckungsreise teilhaben – und beileibe an einer ungewöhnlichen Jungfernschaft.

«Vergine Giurata» verrät es im Titel. Hier soll Jungfräulichkeit per Schwur bewahrt werden. Laura Bispuri nimmt uns hierzu leise mit auf ihre Entdeckungsreise in das enge Tal der Männerherrschaft: Der junge Mann, der die Ziege umarmte, wird gespielt von Alba Rohrwacher, eine der feinsinnigsten Schauspielerinnen des italienischen Films. Spielt sie einen Mann?

Tatsächlich wird in einer Rückblende einem Mädchen ein Bett zugewiesen! Hana ist neu in der Familie. Ihr Onkel hat sie adoptiert und ist jetzt ihr Vater. Sie darf im Zimmer ihrer neuen Schwester schlafen. Doch Hana, das Mädchen, verweigert sich. Sie will nicht das traditionelle Rollenbild der Bergler leben.

Nahezu vegetative Kraft

Alba Rohrwacher, die in Venedig 2014 mit einem silbernen Löwen ausgezeichnet wurde, besticht wiederum durch luzides Spiel und erweist sich erneut als eine Frau, die mit nahezu vegetativer Kraft in einer Rolle aufgeht. Hanas Adoptivvater macht ihr klar, was ihr Beharren bedeutet. Wenn sie die Freiheit der Männer will, muss sie der Frau entsagen, so wie andere im Dorf es auch schon getan haben.

Pal, einer der «Männer» im Dorf, ist so eine «Vergine Giurata». Er ist eine Frau, die sich ihre Freiheit nach dem Kanun – dem traditionellen Recht der Bergler – mit einem Schwur erkauft hat. Er ist eine Frau, die in Freiheit lebt, jagen darf, ein Gewehr besitzen darf, dafür aber ewige Enthaltsamkeit geschworen hat, um als Mann – mit den Vorrechten eines Mannes – leben zu dürfen.

Der Kanun hilft Hana, dem Schicksal einer Ehefrau und Dienerin zu entkommen, aber zugleich ist sie nun in den Gesetzen der Männerwelt gefangen. Als der Vater in einem Männerritual begraben wird, verliert die «Vergine Giurata» ihren Schutz, und flieht aus den Bergen. Als Onkel Mark findet sie bei ihrer Schwester in Mailand Zuflucht – als Mann. Langsam findet sie als Mark aus dem Verhaltenskodex der Männerwelt wieder zurück in ihre eigene Rolle – als Frau, und lernt, ihre Freiheit als Frau zu leben.

Poetischster Film im Wettbewerb

Rohrwacher lässt ihre Figur diese poetische Initiation mit aller Zartheit beschreiten. Sie muss als erwachsener Mark lernen, ihren erwachenden Körper zu akzeptieren, zu lieben, zu geniessen. Dabei findet Laura Bispuri immer wieder Bilder einer poetischen Weiblichkeit, lässt Mark die Nichte beim Synchronschwimmen begleiten, führt eine Annäherung mit dem Badmeister herbei. Schritt um Schritt entdeckt Hana ihren Körper neu. Bis sie schliesslich auch ihre Haare wieder offen trägt – und wieder wachsen lässt.

Laura Bispuri hat in Berlin den poetischsten Film im Wettbewerb gezeigt. Sie bleibt unaufdringlich zurückhaltend in ihrer Suche nach Rollen-Identität. Nach dem schrillen «Eisenstein in Guanajuato» von Peter Greenaway und der brillanten kirchlichen Schule der Homophilie in «El Club» ist «Vergine Giurata» das – gern gesehene – melancholische Gegenstück mit Thema Identität der Geschlechter.