Helena Zengel
Wahnsinn, dieses Mädchen: Eine 12-jährige Deutsche spielt in «News of the World» an der Seite von Tom Hanks

Die deutsche Jungschauspielerin Helena Zengel wirbelt gleich mit ihrer ersten Hollywood-Rolle die bevorstehende Award-Season auf. Nach einem Golden Globe ist sie nun auch für den Award des US-Schauspielverbands Screen Actors Guild als beste Nebendarstellerin nominiert.

Regina Grüter
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Captain Kidd (Tom Hanks) und Johanna (Helena Zengel) wachsen auf der kilometerweiten Reise durch die Prärie zusammen.

Captain Kidd (Tom Hanks) und Johanna (Helena Zengel) wachsen auf der kilometerweiten Reise durch die Prärie zusammen.

Bild: zvg

Die Farbe Pink hat Helena Zengel in «Systemsprenger» eine spezielle Kraft gegeben. Die heute 12-Jährige trug 2019 massgeblich zum Erfolg dieses Gesamtkunstwerks von Film über die deutsche Sprachgrenze hinaus bei. Sie spielte die neunjährige Benni, ein traumatisiertes Kind, das von Fürsorgeeinrichtung zu Fürsorgeeinrichtung geschoben wird, mit unbändiger Energie und unglaublicher (Überzeugungs-)Kraft. Als Krönung wurde «Systemsprenger», diese Explosion in Pink, für Deutschland ins Oscar-Rennen geschickt.

So ist auch Regisseur Paul Greengrass («The Bourne Supremacy», «Captain Phillips») auf die junge Berliner Schauspielerin aufmerksam geworden und hat sie für seinen Western «News Of The World» an der Seite von Hollywoodstar Tom Hanks gecastet. Die Universal-Produktion hätte Anfang Jahr ins Kino kommen sollen und hat nun in Netflix einen Vertriebspartner gefunden.

Mitnominiert: Glenn Close und Olivia Colman

Wenn man Helena Zengel in «News Of The World» in ihrer ersten Szene sieht, weiss man, wieso Greengrass sie haben wollte: Sie schreit und brüllt und beisst Bürgerkriegsveteran Captain Jefferson Kyle Kidd (Tom Hanks) in die Hand. Widerspenstig wie Benni, das hellblonde Haar in etwa gleich lang: Der Wiedererkennungseffekt ist gross. Dabei bleibt es aber nicht. Nicht nur rührt die Widerspenstigkeit ihrer Figur Johanna – oder Zikade, wie sie die Kiowa nannten, bei denen sie aufwuchs – mehr von Angst als von Wut her, und sie legt sie allmählich ab. Auch muss ihre Interpretation weitgehend ohne Worte auskommen: Sie spricht nur Kiowa und als Kind deutscher Einwanderer ein paar Brocken Deutsch.

Es ist einer dieser Filme, in denen sich zwei traumatisierte Seelen auf eine Reise machen, um zusammenzuwachsen und voneinander zu lernen – Kommunikationsschwierigkeiten geben da auch immer etwas her. Sie überwinden gemeinsam Hindernisse in Form von Natur und Mensch, und der alte Mann erkennt spät, aber nicht zu spät, dass dieses Mädchen und er füreinander die Familie sein könnten, die sie beide verloren haben. Ein schönes Paar in einem etwas vorhersehbaren Western, der ein wenig zu penetrant auf die Verbindungslinien zum Heute hinweist.

Für ihre stille, aber intensive Performance wurde Helena Zengel nach einem Golden Globe auch für den Award des US-Schauspielverbands Screen Actors Guild als beste Nebendarstellerin nominiert – und konkurrenziert damit mit Glenn Close («Hillbilly Elegy») und Olivia Colman («The Father»), die ebenfalls für beide Preise vorgeschlagen sind. Das ist schon ein Ding. Am Montag kam noch eine Nominierung des US-Kritikerverbands als beste Jungdarstellerin dazu.

Helena Zengel kennt offenbar keine Berührungsängste und verfügt über ein natürliches Selbstbewusstsein. Hochbegabt? «Sehr hochbegabt», sagte «Systemsprenger»-Regisseurin Nora Fingscheidt 2019 gegenüber dieser Zeitung. Ein ausserordentlich kluges und aufgeschlossenes Mädchen, das ansonsten ganz normal in Berlin zur Schule geht und eine Leidenschaft für Pferde hat – sie hat sogar ein eigenes. Sicher ein weiterer Pluspunkt für eine Rolle in einem Western.

Tom Hanks: «Sie ist keine Kinderdarstellerin»

Was zu diesem Erfolg führte, ist unbestritten Helena Zengels Natürlichkeit. «Sie ist nicht einfach eine junge Schauspielerin, sie ist keine Kinderdarstellerin», sagt ihr 64-jähriger Filmpartner Tom Hanks, ganz Amerikaner. «Ich wünschte, ich könnte so überraschend sein wie sie, so natürlich und schlicht.» Mit fünf Jahren ist die Deutsche in die Schauspielerei hineingerutscht. Auf eine Schauspielschule will sie nicht. Wieso? Sie möchte ihre Natürlichkeit behalten.

Helena Zengel weint mit den Augen, kann aber auch wieder ihre Körperlichkeit einsetzen, ihre Flinkheit, ihre Kraft. Und wie sie am Ende strahlt, haut einen schon ziemlich um. Mit ihr hat Regisseur Paul Greengrass eine kluge Casting-Entscheidung getroffen, die dem Film nun zu einer Aufmerksamkeit verhilft, die ihm sonst, seien wir ehrlich, nicht in diesem Masse zugekommen wäre.

«News Of The World» (USA/CHN 2020), 118 Min., auf Netflix.