«Herr Kolle, Sie wollen wohl die ganze Welt auf den Kopf stellen, jetzt soll sogar die Frau oben liegen!» So empörte sich ein Zensor gegenüber dem deutschen «Aufklärer der Nation», Oswalt Kolle. Sein Film «Das Wunder der Liebe» schlug 1968 hohe Wellen, weil darin die Sexualität zwischen Mann und Frau offen gezeigt und thematisiert wird – damals (fast) undenkbar.

Über den Skandalfilm von früher können wir heute schmunzeln, solch harmlose Sexszenen schockieren niemanden mehr. Kolle ging es aber um mehr als nackte Haut: Er wollte zeigen, wie Menschen zueinanderfinden und glücklich zusammenleben können.

In der Schweiz war die Ausstrahlung fast überall verboten worden. Einzig das Baselbiet und der Kanton Aargau genehmigten eine unzensurierte Fassung. So kam es, dass zahlreiche Schweizer ins damalige «Kino Sommer» im aargauischen Wynental pilgerten, wo «Das Wunder der Liebe» in voller Länge zu sehen war. Das Kino gibt es heute noch, allerdings unter anderem Namen: Das TaB, Theater am Bahnhof Reinach, ist heute Atelierkino und Theaterhaus in einem.

Ansturm aufs Landkino

Das Ensemble des TaB-Theaters hat sich vom historischen Ereignis des «Kolle-Tourismus» inspirieren lassen. In einer Verschmelzung von Kino und Theater führen uns die Schauspieler zurück in die Zeit, als lange Haare und freie Liebe für Entrüstung sorgten und als Beatles und Stones den Ton angaben.

Die Leiter des «Kino Sommer» sind sich uneinig: Während Frau Sommer einen Skandal vermeiden und Kolles Film auf keinen Fall ausstrahlen will, ist ihr Mann überzeugt, sein Lichtspielhaus damit aus der finanziellen Misere befreien zu können. Ausserdem sei es keine Pornografie, sondern ein Aufklärungsfilm. «Zürcher und Luzerner sind halt verchlämmter als mir!», erklärt er. Sommers Plan geht auf: Während sieben Wochen wird sein Landkino von Neugierigen aus der ganzen Deutschschweiz überlaufen.

Szenen aus Kolles Werk sind im Stück keine zu sehen. Stattdessen wird gezeigt, wie der Film damals die Besucher beflügelte: Wir begleiten zwei chic gekleidete Zürcherinnen in ihrem VW Käfer auf dem Weg nach Reinach. Und anstatt Französisch zu büffeln, schmökert eine 16-jährige Schülerin lieber in der aktuellen «Bravo». Sie will unbedingt mit ihrem Freund «Das Wunder der Liebe» schauen, damit dieser weniger denkt und mehr küsst. Unterdessen entwickelt sich zwischen dem verschupften Platzanweiser Robi und einer schüchternen Kinobesucherin eine leise Verliebtheit.

Mischung aus Kino und Theater

Die kleinen Geschichten beruhen auf sorgfältig recherchierten Ereignissen. Autor und Regisseurin haben Interviews mit Einwohnern geführt und Zeitungsarchive durchforstet. «Grabe dort, wo du stehst», erklärt Clo Bisaz. Der Schauspieler und Theaterleiter sucht zusammen mit Regisseurin Gunhild Hamer stets nach Themen aus der Umgebung. Bereits 2010 haben sie die Schiesserei von Reinach im Stück «Deubelbeiss & Schürmann» inszeniert.

Mit der neuen Produktion hat sich das Ensemble einer technischen Herausforderung gestellt. Sowohl der untere Theatersaal als auch der obere Kinosaal werden bespielt – gleichzeitig. Mit Handkameras werden jene Szenen, die oben gespielt werden, nach unten projiziert und umgekehrt. Klingt kompliziert, mindert aber nicht das Schauvergnügen. Im Gegenteil: Die Mischung aus vorproduzierten Filmszenen, realem Spiel und improvisierten Handkamera-Einlagen ist erfrischend neu.

Wunder der Liebe: TaB-Theater am Bahnhof Reinach, 4. bis 28. März. Vorverkauf: www.tab.ch.