Steckt der Schweizer Kurzfilm in der Krise? An den Solothurner Filmtagen soll in einer Diskussionsrunde erörtert werden, warum sich die Herstellung von Kurzfilmen hierzulande kaum noch lohnt und was dagegen unternommen werden kann.

Das macht stutzig. Dem Schweizer Kurzfilm geht es gemäss verschiedenen Berichten gut. Festivals wie die Internationalen Kurzfilmtage Winterthur verzeichnen hohe Besucherzahlen. Zudem stellte die Promotionsagentur Swiss Films fest, dass «Schweizer Kurzfilme 2018 weiter auf Erfolgskurs» seien und insgesamt acht Schweizer Kurzfilme für eine Oscar-Nomination zulässig waren. Wo also drückt der Schuh?

Die Luzerner Regisseurin Corina Schwingruber Ilić zeigte ihren Kurzfilm «All Inclusive» letztes Jahr am Filmfestival in Venedig und ist Mitbegründerin des Kurzfilmverbandes Pro Short, der an der Diskussionsrunde teilnimmt. Auf Nachfrage sagt sie, dass es qualitativ zwar gut um den Schweizer Kurzfilm stehe, dessen Finanzierung aber extrem schwierig sei. «Es ist ein riesiger Aufwand. Für sehr viele Produzenten lohnt es sich einfach nicht mehr, einen Kurzfilm zu machen.»

Einer der Produzenten ist Stefan Eichenberger von Contrast Film. Zwei seiner Kurzfilme, «Parvaneh» (2012) und «Un mundo para Raúl» (2012), wurden mit dem Studenten-Oscar ausgezeichnet. Heute setzt Eichenberger vor allem auf Langspielfilme wie «Der Läufer» (2018), nicht zuletzt aus finanzielle Gründen. «Wenn man als Produzent vom Filmemachen leben will, kann man nicht sein ganzes Leben lang Kurzfilme produzieren.» Auch Eichenberger betont die grosse Diskrepanz zwischen Aufwand und Ertrag: «Nur weil ein Kurzfilm zehnmal kürzer ist als ein Langfilm, heisst das nicht, dass er zehnmal weniger zu tun gibt, bringt aber finanziell kaum etwas ein.»

Fördergelder gestrichen

Heutzutage beschränkt sich die Sichtbarkeit von Kurzfilmen hauptsächlich auf Filmfestivals. Vor wenigen Jahren liefen Kurzspielfilme teilweise in Kinos als Vorfilm eines Langfilms. Doch 2012 brach dieses Modell jäh ein. Sowohl Eichenberger als auch Schwingruber Ilić sehen den Grund dafür: 2012 entschied das Bundesamt für Kultur (BAK), den Kinos die Prämien für Kurzfilme aus dem Fördersystem Succès Cinéma zu streichen. Mit diesen Prämien unterstützt der Bund Schweizer Filme aufgrund ihres Erfolgs an der Kinokasse und an Filmfestivals. Gleichzeitig unterstützt er Filmverleiher und Kinobetriebe, wenn sie Schweizer Filme zeigen.

Bei Kurzfilmen ist dieses System seit 2012 nur noch auf Filmfestivals anwendbar und nicht mehr auf Kinos. «Mit der Abschaffung dieses Anreizsystems überrascht es nicht, dass seither kaum mehr ein Verleiher einen Kurzfilm aufgenommen hat», erklärt Eichenberger.

Director’s choice: Die persönlichen Kurzfilmtipps von Filmtage-Direktorin Seraina Rohrer:

War früher in Sachen Kurzfilm also alles besser? Fred Truniger, Leiter Master Film an der Hochschule Luzern HSLU, relativiert: «Innerhalb der Schweizer Filmgeschichte hatte der Kurzfilm immer einen schweren Stand.» Doch die Kritik am Fördersystem sei deshalb nicht unberechtigt. «Man kann auf jeden Fall kritisieren, dass das System heute stärker auf Erfolg und Langfilme ausgerichtet ist und die Förderung des Kurzfilms noch stärker marginalisiert wird, als er das in den letzten Jahrzehnten war», so der Dozent.

Trotz seiner Erfolge ist die Zukunft des Kurzfilms demnach keineswegs gesichert. Um ihm politisch mehr Gewicht zu verschaffen, hat Corina Schwingruber Ilić zusammen mit ihrem Ehemann Nikola Ilić und mit John Canciani, künstlerischer Direktor der Winterthurer Kurzfilmtage, vor zwei Jahren Pro Short gegründet. Inzwischen zählt der Verband über 80 Mitglieder inklusive aller grossen Filmschulen. Obwohl das heutige Fördersystem für Kurzfilme suboptimal ist, stellt Schwingruber Ilić nicht das System als Ganzes infrage: «Das Succès-System ist eigentlich super, aber die Kurzfilm-Förderung hat meiner Meinung nach viele Baustellen. Doch wir wollen nicht nur auf die Pauke hauen und kritisieren, sondern Lösungen mit den Beteiligten suchen. Darum ist die Diskussionsrunde in Solothurn für uns sehr wichtig.»

Bessere Perspektiven online?

Ein Diskussionspunkt, der aufgegriffen werden dürfte, ist die Förderung des Onlinebereichs. «Es wurde verschlafen, dass Filme auch als reine Onlineformate produziert werden und nicht mehr über das Kino, Fernsehen und Festivals finanziert werden», betont Truniger von der HSLU.

Corina Schwingruber Ilić sieht ebenfalls Nachholbedarf in der Förderung des Onlinebereichs: «Die Leute fragen mich ständig, wo sie Kurzfilme sehen können, da sie oft nur an Festivals zu sehen sind. Jetzt findet ein Wandel statt, immer mehr Onlineplattformen wollen Kurzfilme zeigen. Online und Video-on-Demand sind unsere Zukunft und könnten ein Push für den Kurzfilm sein.»

  • Solothurner Filmtage: 24.-31. Januar
  • Film-Brunch Pro Short, Sa, 26. Januar, 10 Uhr, Barock Café & Bar.