Filmmusik

Hans Zimmer: «Ich tue nie, was der Regisseur von mir verlangt!»

Hans Zimmer hat berühmte Filmmelodien wie jene zu «Gladiator», «The Dark Knight» und «Der König der Löwen» erschaffen – ohne klassische Musikausbildung. KEY

Hans Zimmer hat berühmte Filmmelodien wie jene zu «Gladiator», «The Dark Knight» und «Der König der Löwen» erschaffen – ohne klassische Musikausbildung. KEY

Der gebürtige Deutsche Hans Zimmer komponiert die Filmmusik für halb Hollywood. Im Interview spricht er über einschneidende Erlebnisse und seine anarchische Arbeitsweise.

Hans Zimmer, Sie sagten mal: Wenn es gut läuft, dann komponiere ich eine Minute Musik am Tag. Wie genau läuft das bei Ihnen ab?

Hans Zimmer: Ich führe zunächst lange Gespräche mit dem Filmregisseur, damit ich wirklich weiss, was das für ein Stoff ist und worüber ich schreiben möchte. Dann setze ich mich vor mein Klavier und lege die Finger erst einmal nicht darauf – damit nicht die Muskeln, sondern der Kopf und das Herz schreiben.

Sie komponieren mit dem Herz, also mit Emotion?

Ja, und ich achte jeweils darauf, dass das auch wirklich Emotion ist – und nicht Sentimentalität. Und natürlich muss Spannung mit rein. Musik schreiben für Filme ist ein Abenteuer in zwei Teilen: das Schreiben und das Spielen. Der wichtigere Teil für mich ist das Spielen.

Sie kennen Hans Zimmer nicht? Ein «Best of», das Ihnen bestimmt Gänsehaut hervorzaubern wird:

The Best of Hans Zimmer

Hat sich im Verlauf der Jahre Ihr Arbeitsprozess geändert?

Mein Arbeitsprozess ist die schiere Anarchie! Ich tue nie, was der Regisseur von mir verlangt. Das soll man auch nicht. Man muss das erschaffen, was sie sich nicht vorstellen können. Das ist meine Arbeit. Es ist wichtig, zu provozieren. Die guten Regisseure sind dafür offen. Umgekehrt müssen sie mir sagen, wenn ich komplett in die falsche Richtung gehe, wenn ich mich plötzlich darin ereifere, psychedelische Heavy-Metal-Country-Musik zu schreiben (lacht). Aber am Ende muss man sich einfach an der Story orientieren.

Wie wählen Sie aus, zu welchem Film Sie Musik komponieren? Unterscheiden Sie zwischen «guten» und «schlechten» Filmen?

Am liebsten arbeite ich mit Freunden. Auch wenn der Film nicht der beste ist, kann ich meine Ecke finden, und versuchen, etwas Gutes beizutragen. Ich betrachte das Ganze nicht als eine Karriere, sondern als mein Leben. Seit ich 4 oder 5 Jahre alt war, mache ich Musik – oder zumindest Lärm, der mir gefällt. Und ich werde auch nicht in den Ruhestand gehen, sondern einfach weiter Lärm machen. Das Schönste, Wertvollste und Seltenste ist es, ein grossartiges Drehbuch zu finden. «12 Years a Slave» von Steve McQueen, das war so eine fantastische Zusammenarbeit.

Sie sind die erste Anlaufstelle für viele grosse Hollywoodregisseure. Was bedeutet Ihnen das?

Lassen Sie mich eine Anekdote erzählen, warum ich Musik so liebe: Ridley Scott arbeitete damals gerade an «Hannibal» (2001). Er kam am Ende eines Drehtages zu mir, es war elf Uhr nachts, er war todmüde. Er zeigte mir eine Szene, in der eine Träne von Clarice Starlings Gesicht herunterrollt. Und ich sagte ihm: Das ist, weil sie in Hannibal verliebt ist. Ridley entgegnete: Nein, das ist eine Träne der Abscheu! Und unser Cutter hatte eine dritte Meinung. Wir lieferten uns eine hitzige Debatte und schrien uns an. Und plötzlich hielt ich inne und dachte mir: Wow, hier sind drei Männer, die voller Leidenschaft über eine Träne auf dem Gesicht einer Frau diskutieren. Was für ein tolles Leben! Glücklicherweise habe ich in meiner Jugend nie auf jene Leute gehört, die mir nahelegten, einen «richtigen» Job zu suchen (lacht).

Sie waren schon achtmal für einen Oscar nominiert und gewannen ihn 1995 für «Der König der Löwen». Wie blicken Sie auf diesen Film zurück?

Erst wollte ich ihn nicht machen! In meinem Kopf waren alle Disney-Trickfilme wie Broadwaymusicals. Und die mag ich genauso wenig wie Märchenprinzessinnen. Aber damals war meine Tochter sechs Jahre alt. Ich machte den «König der Löwen», um als Vater vor meinem Kind anzugeben. Und dann merkte ich plötzlich, dass es im Film darum geht, dass ein Kind seinen Vater verliert. Ich habe mit sechs meinen eigenen Vater verloren – und mich nie, nie damit auseinandergesetzt. Das wurde zu Hause in Deutschland einfach totgeschwiegen. Doch bei diesem Film musste ich mich damit befassen. Dieser dämliche kleine Cartoon hatte plötzlich eine ernste, tiefgründige Wirkung auf mich. Er war einer jener raren Filme, die einen berühren und auf immer verändern.

Sie fördern mit Ihrer Musikproduktionsfirma Remote Control Nachwuchskomponisten. Wie wichtig ist Ihnen das?

Ich selber habe keine musikalische Ausbildung. Zwei Wochen Klavierunterricht, sonst nichts. Als junger Mann traf ich den Filmkomponisten Stanley Myers. Er war ein Experte für Orchester, ich war ein Experte für Technologie. Ich brachte seine teure neue Espressomaschine zum Laufen, dafür brachte er mir bei, wie ein Orchester funktioniert. Er nahm mich mit zu Sitzungen mit Regisseuren und liess mich gleich Musik für ihre Filme schreiben. Er wusste: Um Filmmusik am Leben zu halten, musst du es mit neuem Blut auffrischen. Diesen Gedanken habe ich mitgenommen.

Sehen Sie sich als Künstler oder als Handwerker?

Hm . . . vielleicht als Künstler mit einem kleinen «k» (lacht). Das ist ein schmaler Grat. In Deutschland unterscheidet man zwischen E-Musik und U-Musik. Was ich mache, ist Unterhaltung – und nahe verwandt mit Stripclubs und so (lacht). Manchmal verlangt ein Film, dass ich klempnere, manchmal, dass ich ein fabelhaftes Bild male. Ich mache beides gerne. Wenns schiefgeht, versuche ich, beim nächsten Film besser zu sein. Ich sehe mich also weder als Künstler noch als Handwerker – sondern als Student.

Sie haben schon weit über einhundert Soundtracks komponiert – wie findet man da noch neue Ideen und neue Melodien?

Man muss wachsam und entdeckungsfreudig bleiben. Aber man darf nie vergessen, der Story zu vertrauen. Manchmal geht es nicht darum, neue Ideen zu finden, sondern mit Musik den Bildern zu dienen. Man muss zulassen, dass die Bilder zu einem reden. Sie sagen einem, in welche Richtung man sich bewegen soll.

Musik ist Ihr Beruf. Können Sie sie überhaupt noch auf einer persönlichen Ebene geniessen? Tanzen Sie, singen Sie, haben Sie mit der Musik von anderen Spass?

Ich liebe die Musik von anderen Menschen! Da werde ich aufgeregt wie ein kleines Kind. Und ich hänge gerne mit anderen Musikern ab, denn ich bin ein grosser Musik-Geek. Aber singen, das tue ich höchstens unter der Dusche (lacht). Wenn ich aber ein Klavier sehe, dann muss ich mich hinsetzen und darauf spielen. Das ist für mich ein Zufluchtsort. In der Musik fühle ich mich zu Hause.

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